In memoriam: Walther Rathenau

Alfred Goldammer entwarf, Leon Schnell stach das Porträt Walther Rathenaus, erschienen 1953 in Berlin.

„Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!“ Was die Rechtsradikalen deutlich postulierten, sagten Nationalkonservative, beispielsweise Politiker der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), durch die Blume. Walther Rathenau war ihnen gleich vierfach verhasst: als führender Repräsentant der Weimarer Republik, als erfolgreicher Unternehmer, als Freigeist und als Jude. Schon im Kaiserreich sah er sich deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt. Zwar dachte er durchaus national und machte die AEG, deren Aufsichtsrat er seit 1912 vorstand, zu einem der führenden Rüstungsproduzenten. Auch publizierte er in rechtskonservativen Zeitschriften wie „Der Volkserzieher“ und unterstützte, allerdings zurückhaltend, jene Kreise, die völkerrechtswidrige Maßnahmen gegen die Zivilbevökerung in den besetzten Ländern, unter anderem Deportationen, vorschlugen. 1918 sprach er sich sogar gegen den Waffenstillstand aus und forderte die Fortführung des Krieges.
Zahlreiche Schriften lassen aber eine oppositionelle Haltung gegenüber dem Wilhelmismus erkennen. Bei Kriegsausbruch stellte er sofort fest, dass das Deutsche Reich wirtschaftlich keineswegs darauf vorbereitet war. Zudem engagierte er sich für eine stärkere Einbindung des liberalen Bürgertums in die Politik. Das alles trug ihm die Feindschaft des Adels und der ostelbischen Großagrarier ein, die in ihm ohnehin nur „den Juden“ sahen.  Das Bewusstsein, zur Elite zu gehören und zugleich Mensch zweiter Klasse zu sein, hatte ihn seit Jugendtagen geprägt.
Ebenso scharfsichtig, wie er 1914 die mangelhafte Vorbereitung auf den Krieg analysiert hatte, erkannte er nach der Novemberrevolution, dass Deutschland eine Verständigung mit den Siegermächten brauchte. In den Verhandlungen legte er großes Geschick an den Tag, profitierte dabei natürlich auch von seinem internationalen Ansehen. Unter anderem gelang ihm, im Wiesbadener Abkommen Frankreich dazu zu bewegen, Sachlieferungen zu akzeptieren. Damit entlastete er das deutsche Devisenkonto und trug dazu bei, die Belastungen aus dem Versailler Vertrag zu verringern. Den Feinden der Republik galt er dennoch als „Erfüllungspolitiker“.
Heute vor 90 Jahren wurde Walther Rathenau in Berlin-Grunewald ermordet. Täter waren Mitglieder der „Organisation Consul“, aus deren Reihen auch die Mörder Matthias Erzbergers kamen. Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) erkannte aber die wahren Verantwortlichen und rief im Reichstag, an die Fraktion der DNVP gewandt: „Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!“ Elf Jahre später enthüllte Adolf Hitler einen Gedenkstein für die Mörder Rathenaus. Er überdauerte das Dritte Reich und die DDR. Erst 2000 wurde er entfernt.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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