Kaiser für zwei Jahre

Österreich Dauermarke Karl I. mit Aufdruck Deutschösterreich 1918 MiNr. 233

Keine zwei Jahre nach der Thronübernahme Karls brach die Doppelmonarchie zusammen.

Karl Franz Joseph Ludwig Hubert Georg Otto Maria von Habsburg war keineswegs der geborene Thronfolger. Als er heute vor 125 Jahren auf die Welt kam, stand der einzige Sohn Kaiser Franz Josephs, Rudolf, auf Platz eins der Liste. Nach dessen Freitod, 1889, trat Karls Großvater, Erzherzog Karl Ludwig an die Spitze, da Rudolfs Tochter, Elisabeth Marie, nicht berücksichtigt wurde. Karl Ludwig starb 1896, woraufhin sein ältester Sohn, Franz Ferdinand, zum Thronfolger aufstieg. Franz Ferdinand heiratete allerdings 1900 nicht standesgemäß. Daher waren seine Kinder von der Thronfolge ausgeschlossen. Als 1906 Karls Vater, Otto, starb, wurde Karl Thronanwärter. Franz Ferdinand trat die Vormundschaft über seinen noch nicht volljährigen Neffen an. 1914 dann fiel Franz Ferdinand dem Anschlag serbischer Nationalisten zum Opfer. Fortan war Karl Thronfolger.
Auf das Amt wurde er nur unzureichend vorbereitet. Ab 1911 durfte er außenpolitisch bedeutende Akten einsehen, ab 1913 informierte ihn Franz Ferdinand mutmaßlich über seine Reformpläne. Allerdings band ihn Kaiser Franz Joseph nach Franz Ferdinands Ermordung nicht in die Entscheidungen ein. Das verwundert schon, bedenkt man, dass Franz Joseph weit über 80 Jahre alt war, sich eine Thronfolge also abzeichnete. Allerdings muss man auch bezweifeln, dass Karl über das nötige Rüstzeug für die Übernahme der höchsten Gewalt in der Doppelmonarchie verfügte. Das Gymnasium hatte er nämlich mit dem Abschlusszeugnis der Unterstufe verlassen und danach eine militärische Ausbildung genossen, die er als Leutnant begann. Als Oberleutnant schied er drei Jahre später aus und besuchte zwei Jahre lang die Karl-Ferdinands-Universität in Prag, ehe er zum Militär zurückkehrte. Karls Grundbildung reichte eigentlich nicht aus, um eine Führungsposition zu bekleiden, seine Ausbildung am Hofe war ebenso wenig ausreichend.
1916 starb Kaiser Franz Joseph. Die knapp zwei Jahre Amtszeit, die Karl noch verblieben, fielen durchwachsen aus. Im Innern erwarb er sich durchaus Verdienste mit Sozialreformen, beispielsweise der Gründung eigener Ministerien für soziale Fürsorge und Volksgesundheit sowie der Einführung des Mieterschutzes. Doch stellt sich durchaus die Frage, ob angesichts der bereits damals aussichtslosen militärischen Lage solche zweifellos wünschenswerten Reformen wirklich höchste Priorität hatten.
Karl erkannte die Lage. Anders als sein deutscher Amtsbruder hatte er kurz nach der Thronübernahme auch das Oberkommando der Armee übernommen und am 1. März 1917 den Generalstabschef abgesetzt. Somit unterstand in Österreich das Militär der politischen Gewalt, während in Deutschland die militärische Führung um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff die Politik Kaiser Wilhelms II. praktisch bestimmte. Karl suchte nach Möglichkeiten eines Friedensschlusses. Allerdings ging er dabei politisch eher ungeschickt vor, verband beispielsweise in einem Gesuch an die Entente die territoriale Unversehrtheit Österreichs mit dem Zugeständnis, die Ansprüche Frankreichs auf das seit 1871 deutsch annektierte Elsass-Lothringen anzuerkennen. Inwiefern er Möglichkeiten zu einem Friedensschluss oder wenigstens einem Waffenstillstand hatte, ist ohnehin umstritten, da Österreichs Militär schon in Franz Josephs Tagen de facto unter deutschem Kommando gestanden hatte.
Formal dankte Karl 1918 nicht ab. Er verzichtete nur in beiden Reichsteilen auf die Ausübung der Staatsgeschäfte. Sowohl in Deutschösterreich als auch in Ungarn ersparten die Politiker dem gescheiterten Monarchen die Schmach einer Abdankungserklärung ohne Zustimmung, wie sie Wilhelm II. in Deutschland widerfahren war. Bis zum 24. März 1919 lebte Karl in Österreich. Bevor er ins Schweizer Exil ging, widerrief er seine Verzichtserklärungen. Erst daraufhin hob die Nationalversammlung Deutschösterreichs die Herrschaftsrechte des Hauses Habsburg formal auf, was Karl nie anerkannte. In Ungarn versuchte er 1921 sogar, mit Unterstützung von Freischärlern wieder an die Macht zu kommen. Danach erklärte auch Ungarn die Habsburger gesetzlich für abgesetzt. Auf Weisung der Entente wurde Karl auf die portugiesische Insel Madeira gebracht, wo er 1922 einer Lungenentzündung erlag.
Am Untergang der Doppelmonarchie traf Karl nur eine geringe Schuld. Diese muss man eindeutig Franz Joseph zuschreiben, der einem Bonmot seines letzten Ministerpräsidenten, Ernest von Koerber, zufolge „60 Jahre lang bemüht [war], die Monarchie zugrunde zu richten“. In Österreich war Karl der einzige Kaiser dieses Namens, in Ungarn der vierte König, weshalb er dort in den Geschichtsbüchern als IV. Károly steht.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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