Vermeintlich einfache Ausdrucksformen

Briefmarke Frankreich 1974 Francis Poulenc MiNr. 1882

1974 ehrte Frankreich Francis Poulenc zum 75. Geburtstag, MiNr. 1882 (Abb. Schwaneberger Verlag).

„Ode à la liberté“ – Ode an die Freiheit: Nur heimlich konnte Francis Jean Marcel Poulenc das Gedicht des Surrealisten Paul Éluard vertonen. Beider Heimat war deutsch besetzt, Éluard hatte sich aber der Résistance angeschlossen, die Poulenc ideell unterstützte. Wiederholt vertonte er Texte, die er aus dem Widerstand erhalten hatte. Für die Ode verzichtete er ganz auf die instrumentelle Begleitung. Allein die menschliche Stimme sollte die Befreiung von Terror und Unterdrückung feiern. Vorgesehen war, das konspirativ vervielfältigte Lied am Tag des Sieges der Öffentlichkeit zu präsentieren. Vorher wurde es aber bereits nach England geschmuggelt und dort, ins Englische übersetzt, uraufgeführt. In Frankreich erklang die Ode dann erstmals 1947.
Poulenc, der heute vor 50 Jahren verstarb, zählte zu den Tonsetzern, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Natürlich gehörten zu seinem engeren Kreis überwiegend Künstler. Im Elfenbeinturm oder im Gefängnis innerer Befindlichkeiten verharrte er aber nie, weshalb man hinter die Einschätzung mancher Musikwissenschaftler, die in Poulencs geistlichen Werken seine bedeutendsten Kompositionen sehen, ein Fragezeichen setzen sollte. Er selbst schätzte ohnehin seine Opern und anderen Bühnenwerke höher ein.
Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass ihm mit der Ballettmusik zu „Les Biches“ – Die Hindinnen – Anfang der zwanziger Jahre der Durchbruch gelungen war. Geboren am 7. Januar 1899 in eine musikbegeisterte Familie, hatte er in der Kindheit Klavierunterricht von seiner Mutter bekommen. Seine ersten drei Miniaturen legte er 1918 während des Militärdienstes vor. Ab 1921 studierte er Komposition bei Charles Koechlin, einem Schüler Gabriel Faurés, hatte zu dem Zeitpunkt aber bereits seinen Weg gefunden.
Mit George Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud und Erik Satie bildete er eine Gruppe, die Satie ursprünglich „Noveaux Jeunes“ genannt hatte, die in die Geschichte aber schlicht als „Groupe des Six“ einging. Alle kannten Igor Stravinskys Frühwerk, alle lehnten den Impressionismus ab, alle strebten nach vermeintlich einfachen Ausdrucksformen in der Musik. Satie hatte Erfahrungen als Cabaret-Pianist gesammelt, der Vaudeville, der französische Schlager, war den meisten vertraut. Während Satie den Weg zur Vereinfachung sehr konsequent ging, fanden die Kollegen Lösungen, die in Verknüpfungen der Techniken und Vorgehensweisen lagen. In Poulencs Werk macht sich beispielsweise deutlich bemerkbar, wie sehr er die Schöpfungen Wolfgang Amadeus Mozarts und Camille Saint-Saëns bewunderte.
Die Klaviermusik dominiert Poulencs Frühwerk. Er selbst war ein exzellenter Pianist, zwischen 1934 und 1959 Begleiter des Baritons Pierre Bernac. Also schrieb er Sonaten, ein Trio für Oboe, Fagott und Klavier, ein Sextett für Klavier und Bläserquintett und zahlreiche Lieder. Vornehmlich vertonte er Gedichte seiner Freunde Éluard und Guillaume Apollinaire sowie anderer Autoren seiner Zeit. In den 1959 vorgelegten, Édith Piaf gewidmeten Improvisationen zeigte er sich als exzellenter Kenner zeitgenössischer Unterhaltungsmusik.
Mitte der dreißiger Jahre verunglückte sein Freund Pierre Octave Ferroud tödlich. Poulenc fand Halt im Glauben und unternahm eine Wallfahrt zur schwarzen Madonna von Rocamadour. In den Folgejahren entstanden verschiedene geistliche Werke, darunter die Messe in G-Dur. Sein bedeutendstes, das Stabat Mater, datiert allerdings von 1950. Zuvor hatte er sieben Jahre lang kein geistliches Werk vorgelegt.
Das bedeutete aber nicht, dass er sich vom Glauben abgewandt hatte, auch nicht zeitweise. In Poulencs Werk gab es immer wieder zeitliche Sprünge. Seine zweite Ballettmusik nach „Les Biches“ wurde erst 1940 uraufgeführt, „Les animaux modèles“ – Die vorbildlichen Tiere – nach Fabeln Jean de La Fontaines. Zwischen 1940 und 1945 arbeitete er an „L’Histoire de Barbar, le petit éléphant“ – Die Geschichte von Barbar, dem kleinen Elefanten“. 1947 fand in Paris die Uraufführung der Oper „Les mamelles de Tirésias“ – Die Brüste des Tirésias – nach der gleichnamigen Komödie Apollinaires statt. Seine bekannteste Oper, „Dialogues des Carmélites“ – Gespräche der Karmelitinnen –, basiert auf Gertrud von le Forts Roman „Die Letzte am Schafott“ und erzählt die Geschichte der 16 Karmelitinnen, die in den Wirren der Französischen Revolution ermordet wurden. 1957 komponierte Poulenc die Oper im Auftrag der Mailänder Scala. Zwei Jahre später beschloss er sein Bühnenschaffen mit „La Voix Humaine“ – Die menschliche Stimme –, wiederum in Paris uraufgeführt.
Auch sein Orchesterwerk entstand über einen langen Zeitraum hinweg. Bereits 1922 hatte er die Suite „Napoli“ vorgelegt. 1927/28 und 1932 folgten zwei Klavierkonzerte, 1938 ein Konzert für Orgel, Streicher und Pauke. Ein weiteres Klavierkonzert kam dann 1950 zur Uraufführung. Der Schwerpunkt seines Werkes liegt aber in der Kammermusik, die er durchgehend schrieb. Dabei nahm er sich auch gewöhnlich vernachlässigter Instrumente an, beispielsweise der Blockflöte und der Gitarre, für die er jeweils ein Werk vorlegte. Eine seiner letzten Schöpfungen konnte erst nach seinem Ableben uraufgeführt werden. Keine Geringeren als Benny Goodman und Leonard Bernstein stellten 1963 die Sonate für Klarinette und Klavier der Öffentlichkeit vor.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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