Lehrer ohne Schüler?

Block der DDR zum 90. Geburtstag von Bertolt Brecht im Jahr 1988.

Block der DDR zum 90. Geburtstag von Bertolt Brecht im Jahr 1988.

Marcel Reich-Reinicki bezeichnete ihn als den „größten Dramatiker des 20. Jahrhunderts“, den am 10. Februar 1898 in Augsburg geborenen Bertolt Brecht. Dramen waren zweifellos seine große Stärke, doch hielt er sich nicht nur bei dieser Gattung auf. Er verfasste auch Gedichte, Lieder, Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen und Hörspiele für den Rundfunk.
Ab der zweiten Hälfte der 20er-Jahre entwickelte sich Brecht zum überzeugten Kommunisten und schrieb Werke wie „Mann ist Mann“ (Uraufführung 1926), mit denen er politische Ziele verfolgte. Untrennbar mit Brecht verbunden ist das epische Theater, das er ab 1926 entwickelte. Mit dieser neuen Form des Theaters brach er mit den Gewohnheiten des Publikums.
Brecht wollte kein „Wohlfühl-Theater“, bei dem der Zuschauer emotional ganz in das Geschehen eintaucht und kaum kritische Distanz bewahrt. Ihm war es wichtig, dass seine Theateraufführungen die Menschen zum Nachdenken über die gesellschaftlichen Strukturen brachten. Und mehr noch ging es ihm letztlich darum, dass diese Strukturen als veränderlich erkannt wurden. Um das zu erreichen, setzte er verschiedene Mittel ein. Zum Beispiel erfuhren die Theaterbesucher vor Beginn jeder Szene gleich deren Handlung, damit ihre Gedanken nicht zu sehr um den Fortgang des Geschehens kreisten. Stattdessen sollten sie kritisch reflektieren. Den gleichen Effekt sollten Gesangsstücke erzielen, mit denen die Handlung unterbrochen wurde.

Italien würdigte den großen Dramatiker 1998, zu seinem 100. Geburtstag, mit einer Marke.

Italien würdigte den großen Dramatiker 1998, zu seinem 100. Geburtstag, mit einer Marke.

Das Brechtsche Theater, das im Prinzip also alles andere als seichte Unterhaltung war, feierte große Erfolge. Die von Bertolt Brecht bearbeitete und von Kurt Weill vertonte Dreigroschenoper, die 1928 in Berlin uraufgeführt wurde, war einer der größten Theatererfolge der Weimarer Republik. Die Moritat von Mackie Messer wurde ein Welthit. Dass das Stück, ebenso wie andere damals aufgeführte Dramen Brechts, in seiner politischen Tragweite von der Masse verstanden wurde, darf aber bezweifelt werden. Stattdessen nahmen die Zuschauer die Aufführung, die in grotesker Weise die Heuchelei des Bürgertums entlarvt, allzu wörtlich. Elias Canetti brachte das Dilemma auf den Punkt: „Es war der genaueste Ausdruck dieses Berlin. Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. Das nahmen sie wörtlich.“
Mit der Machtergreifung der Nazis begann für Brecht ein Leben im Exil. 1933 flüchtete er zunächst nach Prag. Es folgten Stationen in Wien, Zürich, Paris, Svendborg (Dänemark) und Helsinki, bis er 1941 mit seiner Familie in die USA emigrierte. Dort fasste er nie richtig Fuß, wurde vielmehr als „Enemy Alien“ eingestuft und ob etwaiger kommunistischer Aktivitäten befragt. Er fühle sich wie ein „Lehrer ohne Schüler“, sagte Brecht damals.
Auf Einladung des Kulturbundes reiste er 1948 erstmals wieder nach Berlin; die Einreise in den Westteil der Stadt wurde ihm hingegen verwehrt. 1949 knüpfte er an frühere Zeiten an und inszenierte am Deutschen Theater Berlin mit großem Erfolg „Mutter Courage und ihre Kinder“. Die Entwicklung in Deutschland betrachtete er allerdings mit Skepsis. Nach Überlegungen, sich in der Schweiz niederzulassen, entschied er sich schließlich doch für ein Leben in der DDR. Als Autor und Theaterregisseur genoss er dort immerhin größere Freiheiten als viele Kollegen. Er vermied es aber, sich auf theoretische Auseinandersetzungen einzulassen.

Bertolt Brecht und Figuren aus seinen Theaterstücken zeigt diese Bund-Marke aus dem Jahr 1998.

Bertolt Brecht und Figuren aus seinen Theaterstücken zeigt diese Bund-Marke aus dem Jahr 1998.

Mit Brechts Reaktion auf die Ereignisse vom 17. Juni 1953 erwies sich sein Spagat zwischen glaubwürdiger künstlerischer Arbeit und Anpassung an das Regime als kaum mehr ausführbar. In einem Brief an Walter Ulbricht drückte er seine „Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ aus. Diese Worte veröffentlichte die DDR-Regierung im „Neuen Deutschland“, nicht aber seine im gleichen Brief geäußerte Kritik an der SED. Damit war das Tischtuch zerschnitten: Brechts Stücke wurden augenblicklich von den westdeutschen Bühnen verbannt. Lange sollte es dauern, bis der Boykott aufgehoben wurde.
Das tat seiner Theaterkarriere allerdings kaum Abbruch. Mit zwei Gastspielen seines Ensembles in Paris gelang ihm 1954/55 der internationale Durchbruch. Brecht starb am 12. August 1956, im Alter von nur 58 Jahren, vermutlich an Herzversagen. Er hinterließ ein umfangreiches dramatisches Werk, das heute zum Repertoire eines jeden Theaters zählt, das etwas auf sich hält.


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Verfasst von: Tanja Uhde

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