Sittenpolizei bei Briefmarkenhändler

Sittenpolizei bei Briefmarkenhändler

Deutschland ist Michel-Land. Nach den Katalogen aus Unterschleißheim wird weltweit gesammelt, die Marke Michel kennen auch die meisten Normalsterblichen. Die DBZ-Redaktion schätzt sich glücklich, mit den Kollegen des Schwaneberger Verlages vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Gewiss werden sie es uns vergeben, dass wir das heutige Kalenderblatt einem britischen Kollegen widmen möchten, einem großen Fachhändler, Katalogherausgeber und Albenproduzenten.
Edward Stanley Gibbons stammte aus einer Apothekerfamilie. Geboren am 21. Juni 1840 in Plymouth, erwachte sein Interesse für Briefmarken während seiner Zeit an der Halloran’s Collegiate School. Unter anderem gelang es ihm, frühe Ausgaben von Neusüdwales und Westaustralien in das Alben aufzunehmen, das er spätestens 1854 besaß. Eine spärliche Ausbildung erhielt er bei der Naval Bank, für die er kurze Zeit als Angestellter arbeitete, ehe er nach dem Tod des älteren Bruders in das väterliche Geschäft eintrat.
Mit Genehmigung des Vaters richtete er 1856 in der Apotheke eine Briefmarkenecke ein. Sieben Jahre später verhalf ihm der Zufall zu einem kleinen Vermögen. Zwei Matrosen hatten in Kapstadt zwei Säcke voller Briefmarken gewonnen und in die Heimat mitgenommen. Nunmehr wollten sie ihren Schatz zu Geld machen. Wahrscheinlich waren sie hocherfreut über die fünf Pfund, die ihnen Gibbons bot – in den Säcken fanden sich vor allem Kap-Dreiecke. Mit dem Erlös von 500 Pfund baute Gibbons sein Geschäft aus.
Mutmaßlich 1865 – möglich ist, dass ältere Ausgaben nicht erhalten geblieben sind – legte er seine erste gedruckte Preisliste vor, die heute vielfach als erster Stanley Gibbons Katalog angesehen wird. Dem Anspruch werden eher die ab 1870 in Buchform erschienenen Listen gerecht. Einen Katalog im heutigen Sinne, der auch Briefmarken enthielt, die Gibbons nicht verkaufte, gab er 1879 heraus.

Montserrat 2001 Stanley Gibbons MiNr. 1140

Montserrat porträtierte 2001 Stanley Gibbons gemeinsam mit der Käufer seines Geschäftes, Charles J. Phillips, MiNr. 1140 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Wann das erste Gibbons-Album erschienen ist, ließ sich bislang nicht ermitteln. Die publizierten Daten variieren zwischen 1865 und 1869/70. Derweil arbeitete Gibbons weiterhin in der Apotheke mit, wurde nach dem Ableben seines Vaters, 1867, sogar deren Inhaber. Fünf Jahre später verkaufte er die Apotheke und widmete sich fortan ausschließlich der Philatelie.
1874 zog er von Plymouth nach London. Dort beschäftigte er zahlreiche Frauen, die abends Bogen trennten und die Briefmarken für den Verkauf vorbereiteten. Der rege Damenbesuch machte Nachbarn misstrauisch, welche das Watch Committee – eine Art Sittenpolizei –alarmierten. Die Beamten entdeckten in den Geschäftsräumen aber nur rein philatelistische Aktivitäten.
1890 schließlich erschien die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Gibbons Stamp Monthly“. Kurz darauf verkaufte Gibbons sein Geschäft für 25.000 Pfund an Charles J. Phillips und lebte fortan als Privatier.
In den folgenden Jahren unternahm er zahlreiche Weltreisen, zu seinem Vergnügen, aber auch als Vertreter seines alten Unternehmens. Aus Ceylon, heute Sri Lanka, ist die Anekdote überliefert, Gibbons habe erklärt, sein Leben lang Sammler, aber nur selten Käufer von Briefmarken gewesen zu sein, da sie ihm einfach zu teuer waren. Fürwahr, ein Brite durch und durch.
Am 17. Februar 1913, heute vor 100 Jahren verstarb Edward Stanley Gibbons, der nicht weniger als fünfmal geheiratet hatte. Seine ersten vier Gemahlinnen verlor er nach schweren Krankheiten. Da er insgesamt dem Leben zugetan war, kursierten nach seinem Tod Gerüchte, er sei in den Armen einer Geliebten im Savoy Hotel gestorben. Dies lässt sich jedoch ebenso wenig belegen wie Behauptungen, er habe sein pharmazeutisches Wissen missbraucht, anstatt den erkrankten Ehefrauen zu helfen.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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