Für Frieden und Demokratie

Deutschland 1975 Block 11 Briefmarken

Gustav Stresemann, Ludwig Quidde, Carl von Ossietzky – zwischen den Weltkriegen erhielten gleich drei große Deutsche den Nobelpreis für Frieden. 1975 porträtierte die Bundespost sie auf Block 11 (Abb. Schwaneberger Verlag).

„Caligula – Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn“ – unter dem Titel veröffentlichte Ludwig Quidde 1894 eine Streitschrift, die keineswegs das Altertum behandelte. Quidde sah nämlich im römischen Kaiser, dem man seinerzeit Wahnsinn nachsagte, eine Art Vorgänger des seit 1888 regierenden deutschen Monarchen, also Wilhelms II. Die Schrift erfuhr nicht weniger als 30 Auflagen und machte den Historiker auch in Kreisen bekannt, die der Geschichte weniger Interesse entgegenbrachten. Die staatstreue, konservative „Kreuzzeitung“ bezichtigte Quidde natürlich der Majestätsbeleidigung, ein Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft aber nicht bestätigen wollte, obwohl Majestäten seinerzeit sehr schnell beleidigt waren. Kurze Zeit später saß Quidde dann tatsächlich drei Monate in München-Stadelheim ein, da er ironisch den Kaiser „Wilhelm den Großen“ genannt hatte.
Ludwig Quidde, geboren am 23. März 1858, hatte erstmals 1881 Aufsehen erregt, allerdings anonym. Mit der Schrift „Die Antisemitenagitation und die Deutsche Studentenschaft“ hatte er sich gegen den Versuch gestellt, den Antisemitismus im Bürgertum und in den intellektuellen Kreisen zu verankern. Damals versuchte Quidde, als Historiker Fuß zu fassen, und wirkte an der Herausgabe der Akten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation mit. Wenige Jahre später, 1885, machte Quidde eine größere Erbschaft und brauchte keine Rücksichten auf den Zeitgeist mehr zu nehmen. Die von ihm 1888 gegründete „Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ erlebte nur wenige Jahrgänge und wurde nach dem letzten Band 1894/95 eingestellt, da Quidde wegen seiner Caligula-Polemik keine ausreichende Zahl Mitstreiter fand. Fortan widmete sich Quidde seinen politischen Interessen, vor allem dem Kampf gegen die Vivisektion und für den Pazifismus.
1893 war er in die Deutsche Volkspartei eingetreten, die sich die Demokratisierung Deutschlands ebenso auf die Fahnen geschrieben hatte wie den Antimilitarismus und die Gegnerschaft zu Preußen. Quidde vertrat sogar weitergehende Forderungen und setzte sich für die Ausrufung der Republik und die punktuelle Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie ein. Bereits 1895 saß er dem Bayerischen Landesausschuss vor. Zur selben Zeit wirkte er am neuen Parteiprogramm federführend mit. 1908 zog er dann erstmals in den Bayerischen Landtag ein.
Zudem arbeitete Quidde in der Deutschen Friedensgesellschaft mit. Von 1899 an führte er die deutsche Delegation auf den Weltfriedenskongressen und organisierte 1907 die Münchener Veranstaltung. Als erklärter Kriegsgegner erfuhr er ab 1914 Überwachung und Schikanen, konnte aber dennoch ins neutrale Ausland reisen und dort seine Kontakte zu Pazifisten anderer Länder pflegen. In seiner Partei, die sich 1910 mit zwei weiteren linksliberalen Parteien zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammengeschlossen hatte, vertrat er damit eine Minderheitenposition.
Nach der Novemberrevolution fusionierten die Fortschrittlichen mit der Nationalliberalen Partei zur Deutschen Demokratischen Partei, die mit Sozialdemokratie und Zentrum die Weimarer Koalition bildete. Quidde gehörte der Deutschen Nationalversammlung an, später aber nicht mehr dem Reichstag. Stattdessen übernahm er den Vorsitz im Deutschen Friedenskartell. Während der Inflation verlor er sein Vermögen. Daher war es für ihn eine besondere Bedrohung, als er sich 1924 wegen eines Artikels über die Schwarze Reichswehr – eine nach dem Versailler Vertrag illegale paramilitärische Einheit – vor Gericht verantworten musste. Vor allem Außenminister Gustav Stresemann verdanken er es, dass er nur kurzzeitig inhaftiert war. Stresemann fürchtete wegen des Prozesses um das internationale Ansehen Deutschlands.
1927 sprach das Osloer Komitee Ludwig Quidde den Nobelpreis für Frieden zu. Er teilte sich die Auszeichnung mit dem Mitbegründer der Französischen Liga für Menschenrechte, Ferdinand Buisson. Dank des Preisgeldes war Quidde für die kommenden Jahre wieder finanziell unabhängig. In der Deutschen Friedensgesellschaft gewannen derweil Radikalpazifisten die Oberhand, die auch einen Verteidigungskrieg ablehnten. Quidde konnte dies ebenso wenig mittragen wie den ab 1930 antisemitischen Kurs der Deutschen Demokratischen Partei, die sich als Deutsche Staatspartei neu etablierte. Die Radikaldemokratische Partei, die Quidde daraufhin mitbegründete, blieb bis zum Ende der Weimarer Republik bedeutungslos.
Die Machtübertragung an Hitler zog für Quidde nicht nur eine persönliche Bedrohung nach sich. Er musste auch um seine Gemahlin fürchten, deren Vater jüdisch war, was sie in der Sprache der Faschisten zur „Halbjüdin“ machte. Margarethe Quidde, geborene Jacobson, wollte aber München nicht verlassen, weil sie ihre kranke Schwester pflegen musste. Daher floh Ludwig Quidde im März 1933 allein nach Genf. Sein Vermögen blieb in Deutschland, weshalb Quidde in seinen letzten Jahren vor allem von einem Stipendium des Osloer Nobelkomitees lebte. Dennoch versuchte er, deutsche Pazifisten zu unterstützen und die Kontakte zu Gleichgesinnten in anderen Ländern zu halten. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges musste er noch miterleben, die Zerstörung weiter Teile Europas und den Untergang seiner Heimat nur anfangs. Am 4. März 1941 verstarb Ludwig Quidde in Genf.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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