Vom Lumpensammler zum Weltautor

1958 zeigte die Sowjetunion Maksim Gorkij nach einem Gemälde Isaak Brodskijs auf Capri MiNr. 2065.

1958 zeigte die Sowjetunion Maksim Gorkij nach einem Gemälde Isaak Brodskijs auf Capri MiNr. 2065 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

„Der Bittere“ nannte sich der junge Schriftsteller, als es ihm erstmals gelang, eine eigene Erzählung in einer Lokalzeitung zu platzieren. Am 12. September 1892 erschien „Makar Tschudra“ in der Zeitung „Kawkas“. Bis zum Durchbruch musste sich Alexej Maksimowitsch Peschkow, geboren am 28. März 1868 – nach Julianischem Kalender war es der 16. März – in Nishni Nowgorod, aber noch zwei Jahre gedulden. Nach dem Erfolg von „Tschelkasch“ konnte er vom Schreiben leben, zumal ihm der Schriftsteller Wladimir Korolenko zu einer Anstellung als Journalist verholfen hatte.
Literarischer Ruhm war Maksim Gorkij, so das selbst gewählte Pseudonym, nicht in die Wiege gelegt, im Gegenteil. Er wuchs in größter Armut auf und musste von seinem zehnten Lebensjahr an zunächst als Lumpensammler zum Familieneinkommen beitragen. Später wirkte er beispielsweise als Lauf-und Küchenjunge, Ikonenmaler, Maurer, Nachtwächter und Eisenbahner. Eine ordentliche Schulbildung genoss er ebenso wenig wie eine akademische Ausbildung. Sein Wissen erwarb er im Selbststudium. Als er in den achtziger Jahren bei einem Bäcker arbeitete, kam er zudem mit revolutionären Kreisen in Kontakt.
Der Kampf gegen das Zarenreich bedeutete für ihn in erster Linie, sich für die Überwindung der Armut in Russland einzusetzen. Dieses Engagement prägte sein Werk. Mit den Theaterstücken „Die Kleinbürger“ und „Nachtasyl“, uraufgeführt 1901 und 1902, erwarb er sich bereits zu Lebzeiten Weltruhm. Dieser schützte ihn weitgehend vor den Nachstellungen der Machthaber. Nach dem so genannten Petersburger Blutsonntag, als zaristische Einheiten am 9./22. Januar 1905 unbewaffnete Zivilisten niedergeschossen hatten, saß er wegen seines Protestes zwar kurze Zeit in der berüchtigten Peter-und-Pauls-Festung ein, kam aber nach Interventionen der ausländischen Presse schnell wieder frei.
Wie fast alle Gegner des Zarismus hatte auch Gorkij frühzeitig Kontakte zu den späteren Diktatoren um Wladimir Iljitsch Lenin. Gorkij veröffentlichte agitatorische Texte, geriet mit Lenin aber schon bald ernsthaft in Konflikt. Zum einen hielt er die Religion hoch, was ihn naturgemäß in Gegensatz zu den Bolschewisten brachte. Zum anderen sah er die Zeit für eine soziale Revolution in Russland noch nicht gekommen. Im Gegenteil: Er fürchtete die „Auflösung und Vernichtung“ der Arbeiterklasse. Nach Lenins Putsch engagierte er sich für notleidende Künstler und Intellektuelle. Nachdem er sich an der Gründung eines Hilfskomitees für Hungernde beteiligt hatte, forderte Lenin ihn kaum verhüllt auf, die nächste Zeit aus gesundheitlichen Gründen im Ausland zu verbringen. Gorkij folgte dem; viele seiner Mitstreiter wurden verhaftet.
Bis 1927 blieb Gorkij der Sowjetunion fern. Er lebte in Deutschland, der Tschechoslowakei und – ab 1923 – im faschistischen Italien. Seinen Lebensunterhalt bestritt er aus den Erlösen seiner schriftstellerischen Arbeit, bekam aber zudem finanzielle Unterstützung durch die Sowjetische Handelsmission. Auch nahe Angehörige erhielten Geld aus Moskau. Als Emigranten konnte man Gorkij nicht betrachten, mochte er auch weiterhin mit einem Hilfskomitee die Hungernden in der Sowjetunion zu unterstützen.

Neben dem Porträt Gorkijs erscheint auf der sowjetischen Marke von 1956 eine Szene aus „Die Mutter“, MiNr. 1907.

Neben dem Porträt Gorkijs erscheint auf der sowjetischen Marke von 1956 eine Szene aus „Die Mutter“, MiNr. 1907.

Am 22. Oktober 1927 ernannte ihn die Kommunistische Akademie zum proletarischen Schriftsteller. In die Sowjetunion zurückgekehrt, wurde er Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU, erhielt den Leninorden und erlebte 1932 die Umbenennung seiner Heimatstadt in Gorkij. Öffentlich sprach er davon, mit seiner Kritik an den neuen Machthabern geirrt zu haben. Daher galt er vielen in der freien Welt als Vasall des Stalin-Regimes. Der Tyrann im Kreml wiederum ließ Gorkij von der Vorgängerorganisation des KGB überwachen. Nach Gorkijs Ableben am 18. Juni 1936 kursierten daher bald Gerüchte, er sei von Stalins Schergen ermordet worden. Dies dürfte aber nicht stimmen. Schon seit langer Zeit hatte Gorkij an Tuberkulose gelitten, sein Körper war stark geschwächt. Man kann daher relativ sicher sagen, dass er eines natürlichen Todes starb.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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