Himmlische Allegorie

1954 reproduzierte die Postverwaltung des Saarlandes Raffaels Meisterwerk im Stichtiefdruck.

1954 reproduzierte die Postverwaltung des Saarlandes Raffaels Meisterwerk im Stichtiefdruck.

Eines der bedeutendsten Gemälde der italienischen Renaissance hängt in Deutschland. Raffaello Santis Sixtinische Madonna gehört zu den Prunkstücken der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Das 1512/13 entstandene Bild verknüpfte die Geschichte mit der Gegenwart, verlieh der Maler doch dem links neben Maria knienden Mann die Züge von Papst Julius II., dem Auftraggeber. Nach offizieller Lesart ist Sixtus II. dargestellt, im dritten Jahrhundert Bischof von Rom. Da die Gruppe, zu der noch die demütig die Augen niederschlagende Heilige Barbara gehört, von Engeln umgeben ist, können auch historisch Versierte die Allegorie mit dem kaum wie neu geboren wirkenden Jesuskind akzeptieren.
Raffaello Santi – schon zu Lebzeiten war er unter seinem Vornamen bekannt – erhielt wohl erste Malstunden bei seinem Vater, erlernte sein Handwerk dann in Perugia bei Pietro Vanucci, in die Kunstgeschichte eingegangen als Perugino. Raffaels Talent zeigte sich schnell, als es ihm gelang, den Stil Peruginos dermaßen perfekt zu folgen, dass auch Experten nur mit Mühe die Werke beider unterscheiden können. 17-jährig schloss er einen Vertrag zur Gestaltung eines Altars in Città di Castello; das Dokument weist ihn bereits als „magister“ aus, also als Meister. Zwei, drei Jahre später fertigte er sein erstes eigenständiges Werk, die Londoner „Kreuzigung“. Beide zeugen noch von Peruginos Schule. Das irdische und das himmlische Leben sind getrennt, die Komposition ist geometrisch strukturiert.
1504 gelang Raffael dann die Entwicklung eines eigenen Stils. „Die Vermählung der Maria“ weist perspektivische Tiefe auf, kennt zudem keine einzelnen Zonen mehr. Mit einem Empfehlungsschreiben reiste Raffael im selben Jahr nach Florenz, wo er eine große Zahl Auftragswerke fertigte. Kurz kehrte er nach Perugia zurück, erkannte aber, dass er dort seine Kunst nicht weiter vollenden konnte und ging wieder nach Florenz. Im Mittelpunkt seiner Arbeit standen Madonnenbilder.
Von 1508 an wirkte er in Rom. 1506 hatte Papst Julius II. den Grundstein für den Petersdom gelegt und den weiteren Ausbau der Vatikanstadt eingeleitet. Zur künstlerischen Gestaltung holte er die bedeutendsten Meister seiner Zeit nach Rom, neben Raffael unter anderem Michelangelo und Bramante. Raffael schuf Wandgemälde für die päpstlichen Stanzen – Gemächer – und erhielt Porträtaufträge zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten. 1512/13 fertigte er dann für den Hochaltar der Kirche San Sisto in Piacenza die „Sixtinische Madonna“.
Das Bild besticht durch seine klare Geometrie. Die drei Figuren bilden ein Dreieck, wobei Papst Sixtus II. zwar mit der Heiligen Barbara auf Gesichtshöhe steht, sein Haaransatz aber nicht ganz auf einer Horizontallinie mit Barbaras liegt. Damit verlängerte Raffael die geometrischen Proportionen Marias mit dem Kind ein Stück weit nach links. Mit den nicht ganz gleichmäßig gerafften Vorhängen und Sixtus’ fast bis zum Unterrand reichenden Mantel, derweil Barbaras Gewand nur ihren Körper umhüllt, tarnte Raffael die geometrische Komposition. Ebenso versteckt brachte er einen Hinweis unter, in welcher Sphäre das Bild spielt. Nur wer genau hinschaut, der bemerkt, dass keine Wolken, sondern Köpfe von Engeln die Figuren umgeben. Die Tiara ruht auf der Bank, auf der sich auch die beiden unteren Engel abstützen.
In Piacenza hing das Bild gegenüber einer Kreuzigungsszene. Es blieb weitgehend unbeachtet. Nach dem Kauf durch den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. und polnischen König August III., der es am 1. März 1754 im Audienzsaal des Dresdner Residenzschlosses präsentierte, wurde es binnen eines Jahrhunderts international bekannt. Dazu trugen auch Reproduktionen bei; die beiden Engel unten zieren beispielsweise Berliner und Meißner Porzellan.

2012 legte die Deutsche Post Plusbriefe Individuell mit Raffaels Engeln auf.

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Raffael arbeitete nach dem Ableben Julius II. für dessen Nachfolger Leo X. weiter. 1514 ernannte ihn der Papst zum Bauleiter, nachdem Bramantes verstorben war. Die Aufgabe nahm Raffael derart in Anspruch, dass er kaum noch zum Malen kam. Wie andere Meister seiner Zeit hatte er aber Mitarbeiter, die Aufträge in seinem Namen bearbeiteten. Wo nötig, gab Raffael den Bildern den nötigen Feinschliff. Einzig die „Verklärung Christi“ entstand weitgehend durch Raffael selbst.
An seinem 37. Geburtstag starb Raffael im Jahr 1520. Die genaue Todesursache ist unbekannt. Möglicherweise hatte er sich mit der Malaria oder der Pest infiziert. Wegen seines Lebenswandels liegen auch Überlieferungen vor, Raffael sei den Folgen einer Geschlechtskrankheit erlegen. Heute vor 530 Jahren wurde er in Urbino geboren. Dass in den Quellen neben dem 6. April 1483 auch das Geburtsdatum 28. März 1483 zu finden ist, hängt mit den Kalendarien zusammen. Der 6. April des Gregorianischen Kalenders entsprach 1483 dem 28. März des Julianischen Kalenders.

Die DBZ-Leser wählten mit überwältigender Mehrheit Block 79 zur schönsten Ausgabe des Jahres 2012.

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Verfasst von: Torsten Berndt

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