Ehrung mit Verspätung

Karl Marx hätte wohl verständnislos den Nischel geschüttelt, hätte er von der Umbenennung erfahren (DDR, MiNr. 2506).

Karl Marx hätte wohl verständnislos den Nischel geschüttelt, hätte er von der Umbenennung erfahren (DDR, MiNr. 2506).

„Die Menschen, die hier wohnen, schauen nicht rückwärts, sondern sie schauen vorwärts auf eine neue und bessere Zukunft. Sie schauen auf den Sozialismus. Sie schauen mit Liebe und Verehrung auf den Begründer der sozialistischen Lehre, auf den größten Sohn des deutschen Volkes, auf Karl Marx. Ich erfülle darum hiermit den Beschluss der Regierung. Ich vollziehe den feierlichen Akt der Umbenennung dieser Stadt und erkläre: Von nun an trägt diese Stadt den stolzen und verpflichtenden Namen Karl-Marx-Stadt.“
Was Otto Grotewohl am 10. Mai 1953 im Brustton der Überzeugung verkündete, entsprang einer Notlösung. Eigentlich sollte nämlich bereits am 14. März, dem 70. Todestag Karl Marxens, ein Teil der Stadt Fürstenberg nach dem Trierer Philosophen benannt werden. Dort war seit 1951 das Eisenhüttenkombinat Ost aus dem Boden gewachsen. Unweit davon entstand eine Wohnstadt für die Arbeiter. Diese wurde zum 1. Februar 1953 zu einer selbstständigen Gemeinde erklärt. Die geplante Umbenennung in Karl-Marx-Stadt unterblieb aber, denn Anfang März 1953 war Josef Wissarionowitsch Stalin verstorben. Ihm zu Ehren erhielt die neue Stadt am 7. März den Namen Stalinstadt. Im Zuge der Entstalinisierung wurde sie 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt. Parallel erfolgte der Zusammenschluss mit Fürstenberg.
1953 mussten die Machthaber eine neue Stadt für Marx finden. Der 70. Todestag verstrich ohne Umbenennung, ebenso der 135. Geburtstag am 5. Mai. Die Wahl fiel schließlich auf Chemnitz, das schon früh zur wohl wichtigsten Industriestadt Sachsens aufgestiegen war. Im Textilmaschinenbau, im Fahrzeugbau und im Werkzeugmaschinenbau gehörten Chemnitzer Unternehmen bis zum Zweiten Weltkrieg zu den führenden in Deutschland, mitunter auch in Europa. Entsprechend hoch war der Anteil der Arbeiter an der Bevölkerung. Da sich die SED als Arbeiterpartei ausgab, lag es recht nahe, Chemnitz ins Auge zu fassen. Dass sich in der DDR manches verzögerte, war bekannt, weshalb die verspätete Ehrung Marxens nicht groß verwunderte.
Als es mit der DDR zu Ende ging, beeilten sich die Sachsen. Bereits am 23. April 1990 votierten 76 Prozent der an einer Volksabstimmung teilnehmenden Bürger für die Rückbenennung in Chemnitz, die offiziell zum 1. Juni 1990 vollzogen wurde. Die Einführung der Westmark und die deutsche Vereinigung erlebte Karl Marx als Namenspatron nur im brandenburgischen Neuhardenberg, das seit 1. Mai 1949 Marxwalde hieß.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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