Erfolgreich in Theorie und Praxis

1978 ehrte die DDR Justus von Liebig neben Symbolen der Agrikulturchemie. Gerhard Stauf entwarf die Marke, MiNr. 2336 (Abb. Schwaneberger Verlag).

1978 ehrte die DDR Justus von Liebig neben Symbolen der Agrikulturchemie. Gerhard Stauf entwarf die Marke, MiNr. 2336 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein schien das von Thomas Robert Malthus postulierte Bevölkerungsgesetz zu den Naturgesetzen zu gehören. Demnach wächst die Zahl der Menschen exponentiell, während die Lebensmittelproduktion nur linear zunimmt. Die Folge sind Überbevölkerung und Hunger. Nicht berücksichtigt hatte der Pfarrer, Historiker und Ökonom aber, dass die Naturwissenschaftler Ideen entwickeln könnten, den Ertrag der Landwirtschaft deutlich zu steigern.
Die Basis für die moderne Agrikulturchemie legte der Chemiker Justus Liebig, der 1840 das Buch „Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie“ veröffentlichte. Seine Thesen waren zwar lange Zeit umstritten; viele Wissenschaftler seiner Zeit und noch mehr Landwirte konnten Liebig nicht folgen, hielten seine Ideen mitunter sogar für realitätsfern. Die Erkenntnisse basierten aber durchgehend auf wiederholten, kritisch hinterfragten Beobachtungen, hielten also der wissenschaftlichen Nachprüfung stand.
Der Weg in die Chemie war Justus Liebig beinahe in die Wiege gelegt. Sein Vater arbeitete als Drogist und Farbenhändler. Schon in jungen Jahren experimentierte Liebig mit den Stoffen in der väterlichen Werkstatt. Die Schule und eine Apothekerlehre brach er allerdings vorzeitig ab. Sein Basiswissen eignete er sich autodidaktisch in der Großherzoglichen Bibliothek in Darmstadt und experimentell an.
Als 16-Jähriger nahm er 1819 ein Studium in Bonn auf. Karl Wilhelm Gottlob Kastner erkannte die Begabung seines Schülers und stellte ihn als Assistent in seinem Labor an. 1821 erhielt er einen Ruf nach Erlangen. Liebig blieb an seiner Seite, bis er 1822 fliehen musste, weil er mit anderen Burschenschaftlern gegen die Friedhofsruhe der Restauration demonstriert hatte. Kastner gelang es indessen, Liebig zu einem Stipendium zu verhelfen. Gefördert vom hessischen Großherzog Ludwig I. konnte Liebig nach Paris gehen und an der Sorbonne seine Studien fortsetzen. Zu dem Zeitpunkt hatte er seine Dissertation „Über das Verhältnis der Mineralchemie zur Pflanzenchemie“ bereits begonnen.
Mit 21 Jahren erhielt er den Ruf auf eine außerordentliche Professur für Chemie und Pharmazie an der Ludwigs-Universität Gießen. 1825 dann wurde er ordentlicher Professor. Im Folgejahr begann die produktive Zusammenarbeit mit Friedrich Wöhler, mit dem er unter anderem 1832 die Radikaltheorie schuf. Diese erklärt, weshalb eine große Zahl Stoffe nur aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff besteht, manchmal um Stickstoff ergänzt: Nicht allein die Zahl der enthaltenen Elemente, sondern auch ihre Anordnung bestimmt die Eigenschaften eines Stoffes. Liebig selbst analysierte und beschrieb unzählige Pflanzen und Pflanzeteile sowie Organe von Tieren. Die Veröffentlichungen begründeten die organische Chemie.
Um Geld zu verdienen, richtete Liebig zusammen mit Universitätskollegen ein privates Institut zur Ausbildung von Apothekergehilfen und technische Assistenten ein. Die dabei gewonnenen Erfahrungen nutzte er zum einen für seine Lehrveranstaltungen an der Universität, die stets gut besucht waren, zum anderen für die Gründung der Zeitschrift „Annalen der Pharmacie“. Liebigs Renommier wuchs beständig; aus ganz Europa kamen Studenten nach Gießen. Unter den ersten 60 Nobelpreisträgern der Chemie fanden sich schließlich stolze 42 Schüler von Liebig. Zwischen 1827 und 1851 lehnte Liebig Rufe an die Universitäten Reval (Tallinn), Göttingen, St. Petersburg, Wien, London und Heidelberg ab. Intensiv setzte er in Gießen seine Studien der Agrikulturchemie fort.

Die Gießener Universität trägt heute Justus von Liebigs Namen. Die Sondermarke zum 250. Gründungstag zeigt das Portal des Liebig-Laboratoriums nach einem Entwurf von Hermann Lortz, gestochen von Egon Falz, MiNr. 258.

Die Gießener Universität trägt heute Justus von Liebigs Namen. Die Sondermarke zum 250. Gründungstag zeigt das Portal des Liebig-Laboratoriums nach einem Entwurf von Hermann Lortz, gestochen von Egon Falz, MiNr. 258.

Mit 13 Jahren hatte Liebig das „Jahr ohne Sommer“ erlebt, 1816. Die Missernte und die Hungersnot prägten sein Denken, und er sann auf Abhilfe. In seinem 1840 veröffentlichten Buch hob er die Bedeutung der Mineraldüngung hervor. Mit dem Austragen von Gülle und anderen Tätigkeiten praktizierten die Landwirte diese zwar, doch verstanden sie nicht so recht, was Liebig ihnen sagen wollte. Ähnlich erging es zahlreichen Gelehrten seiner Zeit. Daher beschränkte sich Liebig nicht auf die wissenschaftliche Publikation, sondern sandte von Zeit zu Zeit Artikel an die „Augsburger Allgemeine Zeitung“, populärwissenschaftliche Erklärungen, die später unter dem Titel „Chemische Briefe“ auch in Buchform erschienen. Dennoch sollte es rund 20 Jahre dauern, bis sich Liebigs Erkenntnisse in Wissenschaft und Landwirtschaft durchsetzen konnten.
Liebig arbeitete aber nicht bloß theoretisch. Gemeinsam mit Schülern entwickelte er einen Phosphatdünger, der wasserlöslich war und von den Bauern einfach auf den Feldern verteilt werden konnte. Das so genannte Superphosphat ist bis heute der weltweit am häufigsten eingesetzte Phosphatdünger. Allein in Deutschland stieg der landwirtschaftliche Ertrag zwischen 1873 und 1913 um rund 90 Prozent, ein Erfolg der modernen Agrikulturchemie und der Mechanisierung gleichermaßen. Unseren heutigen Wohlstand verdanken wir wesentlich dieser Entwicklung.
Landwirtschaftliche Produktion ist aber nicht alles. Das Getreide muss verarbeitet werden, um als Nahrung dienen zu können. Da Hefe leicht verderblich ist, suchte Liebig nach einer Möglichkeit, Brotteig auch ohne den Pilz herstellen zu können. Die Lösung revolutionierte das Backen, wenn auch weniger in der Brot-Bäckerei denn in der Konditorei und der heimischen Küche. Er mischte Natron – Natriumhydrogencarbonat – mit einer Säure. Nach Zugabe von Wasser setzt das Gemisch Kohlendioxid frei – der Teig geht auf. Zu Liebigs Zeiten fehlte es an ausreichend präzisen Waagen, um das Backpulver in großem Stile einsetzen zu können. Als August Oetker den Hausfrauen fertig portionierte Packungen anbot, war der Durchbruch geschafft.
Eine ähnliche Geschichte erlebte Liebigs Fleischinfusion, ursprünglich hergestellt, um Menschen mit schweren Magen- und Darmerkrankungen zu helfen. Liebig entwickelte sie zu einem Fleischextrakt weiter, von dem er sich eine Verbesserung der Ernährungslage der armen Bevölkerungsteile erhoffte. Die Kosten für die Produktion lagen aber zu hoch, weshalb der Extrakt keine nennenswerten Verkaufszahlen erreichte. Carl Heinrich Eduard und Alfred Knorr sowie Julius Maggi leiteten aus Liebigs Fleischextrakt dann am Markt höchst erfolgreiche Speisewürzen und Trockensuppen ab.
Damit ist die Reihe der Entwicklungen Liebigs aber noch lange nicht abgeschlossen. Er schuf eine Vorform der heutigen Babynahrung und eine Eisen-Nickel-Legierung, stellte zeitgleich mit anderen Wissenschaftlern erstmals Chloroform her und präsentierte einen Spiegel mit Silberbedampfung, der die bis dahin verwendeten Spiegel mit dem hochgiftigen Quecksilber ersetzen sollte.

Leon Schnell entwarf und stach die Marke zum 150. Geburtstag Justus von Liebigs, MiNr. 166.

Leon Schnell entwarf und stach die Marke zum 150. Geburtstag Justus von Liebigs, MiNr. 166.

1845 erhob ihn Großherzog Ludwig II. in den Freiherrenstand. Sieben Jahre später kehrte Liebig Gießen den Rücken und nahm das Angebot des bayerischen Königs Maximilian II. an, an der Universität München ein neues chemisches Institut einzurichten. Maximilian garantierte Liebig eine für damalige Zeiten fast grenzenlose Freiheit der Forschung und Lehre. 1859 übernahm Liebig die Präsidentschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, elf Jahre später verlieh ihm München die Ehrenbürgerschaft.
Von der Fachwelt, aber auch von der normalen Bevölkerung hochgeschätzt, verstarb Justus von Liebig, geboren am 12. Mai 1803, am 18. April 1873 in München.


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1. Auflage, 144 Seiten, kartoniert
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Verfasst von: Torsten Berndt

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