„Geschichte des norwegischen Volkes“

Anlässlich des 200. Geburtstages ehrte Norwegen 2010 Peter Andreas Munch, MiNr. 1710.

Anlässlich des 200. Geburtstages ehrte Norwegen 2010 Peter Andreas Munch, MiNr. 1710.

Im 19. Jahrhundert erwachte das norwegische Nationalbewusstsein. Zwischen 1380 und 1814 war das Land in Personalunion von Dänemark, seit 1814 von Schweden aus regiert worden. Das Dänische fungierte als Schriftsprache, das von der städtisch-bürgerlichen Oberschicht gesprochene ursprünglich „Riksmål“ genannte Bokmål lehnte sich stark an das Dänische an. Aus ländlichen Mundarten leiteten Sprachwissenschaftler das Nynorsk ab, das bis 1929 „Landsmål“ hieß. Parallel dazu begann die wissenschaftliche Erforschung des norwegischen Volkstums und der norwegischen Geschichte.
Das wichtigste Werk legte Peter Andreas Munch vor. In acht Bänden publizierte er zwischen 1851 und 1863 die „Geschichte des norwegischen Volkes“ (Det Norske Folks Historie). Seine Studien reichten von der Antike bis in das Jahr 1397, als Dänemark, Norwegen und Schweden die Kalmarer Union schlossen. Zweifelsfrei hätte Munch, ein Onkel des großen Malers Edvard Munch, seine Studien fortgesetzt, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen. Ein Gehirnschlag raffte ihn im 53. Lebensjahr stehend am 25. Mai 1863 hin.
Geboren am 15. Dezember 1810, las er schon als Schüler die Bücher aus der Bibliothek seines Vaters, eines Pfarrers. Allein mit diesen brachte er sich die altnordische Sprache bei, das Norrøn. Daneben beherrschte er später Angelsächsisch, Englisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Nach dem Schulabschluss studierte er Jura, nicht so sehr auf der Suche nach einem Brotberuf denn aus historischem Interesse heraus. Alten norwegischen Gesetzen galten dann seine ersten Studien.
Der Storting hatte deren Herausgabe beschlossen und das nötige Geld bewilligt. Zusammen mit Rudolf Keyser reiste Munch nach Kopenhagen, um die Manuskripte auszuwerten und abzuschreiben. Weitere Reisen führten ihn nach Lund und Stockholm, aber auch in die Normandie, nach Schottland, England und Österreich. 1858 forschte er zum ersten Mal in römischen Archiven. Dort blieb er bis 1861 und kehrte kurz vor seinem plötzlichen Tod 1863 nach Rom zurück.
Der Storting unterstützte Munchs Arbeiten mit großzügigen Stipendien. Zudem hatte der Forscher 1837 den Ruf an die Universität Christiania – die norwegische Hauptstadt wurde später in Oslo umbenannt – erhalten, wo er zunächst als Lektor für Geschichte wirkte, dann 1841 eine Professur an der Philosophischen Fakultät übernahm. Unter anderem arbeitete an der Neufassung der Anforderungen für den philologischen Abschluss mit und trug dazu bei, dass Studenten anstelle des Hebräischen das Altnordische wählen konnten. Nach einer Reform des Studium generale konnte sich Munch auf die norwegische Geschichte konzentrieren. Seine der Nachwelt erhalten gebliebenen Vorlesungsmanuskripte legen Zeugnis ab von einer für die damalige Zeit überaus hohen Präzision.
In den Quellenstudien beschäftigte er sich natürlich vornehmlich mit der staatlichen Geschichte. Wie viele Zeitgenossen legte er aber auch großen Wert auf die Erforschung und Beschreibung der norwegischen Kultur, deren Eigenständigkeit er belegen wollte. Zugleich suchte er, darin ebenfalls den Tendenzen seiner Epoche folgend, die Position des norwegischen Volkes innerhalb der skandinavischen und germanischen Völkerfamilie zu bestimmen. Dabei vertrat er die These, Norwegen sei von Norden her besiedelt worden, wobei die Norweger die Goten unterworfen hätten. Sprachliche Eigenheiten des Norwegischen ließen sich damit erklären. Ansonsten schaute die Geschichte der Besiedlung Norwegens aber anders aus.
Neben seinen historischen Werken legte Munch mehrere Sprachlehrbücher vor. In der Sprachfrage lehnte er eine schlichte Integration norwegischer Worte in die herrschende dänische Schriftsprache ab. Stattdessen befürwortete er die Herausbildung einer norwegischen Sprache im Zusammenhang mit dem Norrøn, ohne aber das Altnordische überzubewerten. In der Linguistik überdauerten seine Lehrbücher des Norrøn und Gotischen. Seine historischen Studien bahnten späteren Forschern den Weg.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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