Abstraktion mit Augenmaß

Zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau zeigte die Deutsche Post Willi Sittes „Schwimmer“, MiNr. 2529 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau zeigte die Deutsche Post Willi Sittes „Schwimmer“, MiNr. 2529 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Zweifelsfrei hätte Willi Sitte auch im anderen Teil Deutschlands zu den führenden Malern seiner Zeit gehört. Nach außen hin vertrat er zwar den so genannten „sozialistischen Realismus“, den das Zentralkomitee der KPdSU 1932 beschlossen hatte und der auch nach Stalins Tod nicht der im Leninismus üblichen Neuformulierung der Geschichte weichen musste. Zwei der drei Grundgedanken dieser Ideologie missachtete Sitte aber mit großem Geschick: die Ablehnung von Abstraktion und Ästhetisierung. Lediglich in der Themenwahl folgte er vielfach den Vorstellungen der Diktatoren und legte zahlreiche Bilder von Arbeitern und aus dem Arbeitsleben vor. Das verwundert nicht, wurde Sitte doch in eine kommunistische Familie hineingeboren.
Sein Vater, Angehöriger der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei, gehörte zu den Mitbegründern der dortigen Kommunistischen Partei. Sitte, geboren am 28. Februar 1921, lernte Textilzeichner und studierte ab 1940 an der Hermann-Göring-Meisterschule  für Malerei in Kronenburg. 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Drei Jahre später desertierte er und schloss sich den italienischen Partisanen an. Angesichts dieses Lebenslaufs war es logisch, dass er in die Sowjetische Zone ging, als Deutsche aus Tschechien vertrieben wurden. Kurz darauf wurde er Mitglied der SED.
Keineswegs zählte er aber dort zu jenen, die ihre künstlerische Karriere dem Parteibuch verdankten. Im Gegenteil, anfangs trug er mit der Partei manche Händel aus, galt die Kunstszene in Halle doch zu Recht als aufmüpfig und unkontrollierbar. Zeitweise verboten ihm die Machthaber daher, an der Kunstschule Burg Giebichenstein zu lehren. Zu seinem Freundeskreis – mancher brach später den Kontakt zu ihm ab – gehörten auch Künstler, die schon damals oder kurz darauf der Opposition zugerechnet wurden.

„Meine Eltern“, 1967 gemalt und 1974 im kleinen Format reproduziert, MiNr. 2005.

„Meine Eltern“, 1967 gemalt und 1974 im kleinen Format reproduziert, MiNr. 2005.

Sittes politischer Einfluss wuchs, als er 1974 zum Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR aufstieg und 1976 Abgeordneter der Volkskammer wurde. Das Amt im VBK gab er 1988 ab, dem Scheinparlament gehörte er bis zum März 1990 an. Zwischen 1986 und 1989 war er zudem Mitglied des Zentralkomitees der SED.
Die von Walter Ulbricht geforderte „wirklich volkstümliche realistische Kunst“ kam aber nicht aus Sittes Atelier. Arbeiter, wie die SED sie sah und propagierte, dürften die Werke wohl kaum mit Begeisterung aufgenommen haben – es sei denn, sie bejubelten den Künstler weisungsgemäß. In seinen Bildern abstrahierte Sitte mit Augenmaß, sodass die Motive für jeden erkennbar blieben. Das hob ihn aus der Masse der Staatskünstler heraus, die bloß bunte Szenen gestalteten. Seine Aussagen gingen mit den Vorstellungen der Machthaber weitgehend konform; versteckte Kritik brauchten sie in Sittes Schaffen nicht zu befürchten. Künstlerisch waren die Werke indessen vollendet. Sammler schätzten sie und zahlten gut.
Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde Willi Sittes künstlerisches Schaffen vielfach auf seine Tätigkeit als Kultur- und Parteifunktionär reduziert. In der Versenkung verschwand er aber ebenso wenig, wie er auf einer Ostalgie-Welle mitschwamm. Seine Kunst wird den Menschen überdauern. Heute verstarb Willi Sitte in Halle 92-jährig.


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Verfasst von: Torsten Berndt

Es gibt einen Kommentar zu diesem Beitrag.
  1. Uwe at 11:19

    Erstaunlich im positiven Sinne, den Künstler gerade hier gewürdigt zu finden. Hatte gar nicht mehr auf dem Schirm, dass er auch auf Postwertzeichen vertreten war. Danke für die facettenreiche Darstellung des Mannes, den ich zuletzt eher im Westen als im Osten, die Galerie hier mal außen vor, differenziert betrachtet fand.

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