„Rhythmische Gefühle in abgerichteten Bären erwecken“

Mit einer Frühlingslandschaft gratulierte die Post 1993 zum 150. Geburtstag, MiNr. 1126.

Mit einer Frühlingslandschaft gratulierte die Post 1993 zum 150. Geburtstag, MiNr. 1126.

Seine Melodien kennt ein jeder, insbesondere die „Morgenstemming“ – Morgenstimmung, womöglich das am meisten gespielte Werk der Romantik. Oder laufen ihr vielleicht doch einige der „Lyriske stykker“ – Lyrische Stücke – den Rang ab? Wahrscheinlich kann das niemand so genau sagen. Sicher ist, dass zahlreiche Kompositionen Edvard Griegs nicht bloß Einzug in die Konzertsäle hielten. Vielfach wurden sie auch für Radio, Film und Fernsehen bearbeitet. Mancher Hörer und Zuschauer kennt zudem einige Werke Griegs als mehr oder weniger gut dargebotene Werbemelodien.
In das Buch der Musikgeschichte schrieb sich Edvard Grieg, der am 15. Juni 1843 zur Welt kam, vor allem mit seinen Klavierwerken ein. Zwar legte er nur ein einziges Klavierkonzert vor, doch hätte er sich allein schon mit diesem einen bleibenden Platz in der Musikwelt gesichert. Von Anbeginn fand es den Zuspruch des Publikums, und auch die Kritiker erkannten bald den Wert des Werkes, dem Hugo Wolf anfangs noch bescheinigte, „rhythmische Gefühle in abgerichteten Bären zu erwecken“. Nun, solcherart Verrisse muss wohl jeder Künstler von Rang von Zeit zu Zeit erdulden. Heute gibt es nur wenige namhafte Pianisten, die Griegs Klavierkonzert noch nicht eingespielt haben.
Auch die Werke für Soloklavier liegen in zahlreichen Interpretationen vor. Wenn man notiert, dass die Lyriske stykker die Spitzenposition einnehmen, muss man zugleich anmerken, dass nur wenige Künstler alle 66 Stücke aufgenommen haben, die Grieg nach und nach veröffentlichte. Die meisten Pianisten trafen eine Auswahl; dabei spielten gewiss auch die Interessen der Musikindustrie mit hinein, die natürlich wusste, dass sich Doppel- und Mehrfachalben gewöhnlich schlechter verkaufen als einzelne Langspielplatten und  Compact Disks. Mitunter sagen die Interpretationen über den Künstler weniger aus als die getroffene Auswahl, ein Punkt, der in der Musikliteratur bestenfalls nebenher behandelt wird.
Musikalisch lassen sich die Lyriske stykker nicht unbedingt von anderen Klavierwerken trennen. „Bryllupsdag på Troldhaugen“ – Hochzeit auf Troldhaugen – passt zu den Lyriske stykker ebenso wie die Ballade in g-Moll, die Humoresken oder „Fra Holbergs tid“ – Aus Holbergs Zeit. In Konzerten oder in Einspielungen hört man diese Werke oftmals neben den Lyriske stykker.
Fra Holbergs tid erlangte indessen nicht als Klavier-, sondern als Orchestersuite weite Verbreitung. Grieg selbst hatte die fünf Sätze so perfekt orchestriert, dass niemand den Ursprung ohne Hintergrundwissen erkennen kann. Ähnlich schaut es mit den Peer-Gynt-Suiten aus, abgeleitet aus der Orchestermusik zu Henrik Ibsens gleichnamigem Schauspiel, mit der Ibsen Grieg beauftragt hatte. Grieg glaubte aber nicht, dass sich Ibsens Drama außerhalb Norwegens durchsetzen konnte, und leitete die Suiten ab. Die erste wurde schließlich im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt. Bereits vor Ibsens Peer Gynt hatte Grieg Bjørnstjerne Bjørnsons „Sigurd Jorsalfar“ orchestriert.
Die Peer-Gynt-Suiten gehören zusammen mit Fra Holbergs tid zu den meistaufgeführten Orchesterwerken Griegs, während die vollständige Schauspielmusiken und die weiteren für Orchester geschriebenen Kompositionen ein wenig ins Glied treten. Auch die kammermusikalischen Arbeiten stehen etwas hintan. Wiederum komponierte Grieg in starkem Maße für Klavier, doch gelang ihm mit dem Streichquartett in g-Moll ein epochales Werk, das dieses Mal den Kritikern nicht zu einfach, sondern zu experimentell und dissonant erschien. Erneut feierte das Publikum den Tonsetzer, dessen Werke deutlich die Beschäftigung Griegs mit der norwegischen Volksmusik spiegeln, diese aber keineswegs bloß interpretierten oder gar imitierten. Gilt er auch zu Recht als Romantiker, weist sein Werk dennoch klare Strukturen auf, die dem Impressionismus zumindest vorgriffen.

Sverre Morken entwarf und stach sowohl die Frühlingslandschaft als auch das Porträt Griegs, MiNr. 1125.

Sverre Morken entwarf und stach sowohl die Frühlingslandschaft als auch das Porträt Griegs, MiNr. 1125.

Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass Grieg zeitlebens viel reiste. Aufgewachsen in wohlsituierten Verhältnissen, erhielt er Unterricht zunächst von seiner Mutter, die als Pianistin und Dichterin selbst auftrat, zudem als Klavierlehrerin arbeitete. Nach der Schule und einer Grundausbildung am Konservatorium Christiania konnte er am Konservatorium Leipzig sein Klavierspiel vollenden und die Techniken des Komponierens erlernen. Für kurze Zeit kehrte er 1862 nach Norwegen zurück, ehe er einige Jahre in Kopenhagen verbrachte. Zwischen 1866 und 1869 lebte er in Christiania, nahm dann aber ein Stipendium für einen einjährigen Aufenthalt in Rom an. Schließlich nahm er als festen Wohnsitz das Haus „Troldhaugen“ – Trollhügel – bei Bergen, reiste aber weiterhin als Dirigent und Pianist durch weite Teile Europas. Nur um Frankreich machte er zeitweise einen Bogen, da er nach der Dreyfus-Affäre dort nicht konzertieren mochte. Dass ihm dies antisemitische Schmähungen einbrachte, verwundert angesichts der aufgeheizten Stimmung jener Zeit nicht.
In Norwegen verehrt, international hochgeachtet, verstarb Edvard Grieg am 4. September 1907 in Bergen.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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