Bauernsohn wird Kriegsminister

Während die Bundesrepublik keine Briefmarke zum 150. Jahrestag der Befreiungskriege herausgab, legte die Deutsche Post der DDR einen fünfteiligen Satz auf. Den Höchstwert zierte das Doppelporträt Gerhard von Scharnhorsts mit dem russischen Fürsten Michail Illarionovitsch Kutuzov, MiNr. 992 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Während die Bundesrepublik keine Briefmarke zum 150. Jahrestag der Befreiungskriege herausgab, legte die Deutsche Post der DDR einen fünfteiligen Satz auf. Den Höchstwert zierte das Doppelporträt Gerhard von Scharnhorsts mit dem russischen Fürsten Michail Illarionovitsch Kutuzov, MiNr. 992 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

„Der einzige Trost, der innere, ist, daß ich Vorschläge von Anfang an getan habe, wie man unserm Unglück zuvorkommen konnte, die Einrichtung einer Nationalmiliz, der allgemeinen Bewaffnung des Landes im Vorigen Sommer, die Verstärkung der Regimenter, eine engere politische Verbindung.“
In der Schlacht von Auerstedt erlitt die preußische Armee am 14. Oktober 1806 eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte. Am selben Tag gelang es den französischen Truppen, die preußische Armee auch bei Jena vernichtend zu schlagen. Von einer Doppelschlacht, als welche die beiden Waffengänge mitunter bezeichnet werden, kann aber keine Rede sein, da die Generäle praktisch nichts von den Ereignissen in wenigen Kilometern Entfernung wussten. Binnen kürzester Zeit gelang es Napoléon Bonaparte, Preußen zu unterwerfen. Sein Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 war triumphal. Als Beute ließ er die von Johann Gottfried Schadow geschaffene Quadriga des Brandenburger Tores nach Paris bringen. König Friedrich Wilhelm III. musste nach Memel fliehen.
Zu den preußischen Heeresführern in der Schlacht bei Auerstedt gehörte Gerhard Johann David von Scharnhorst, geboren am 12. November 1755 als Sohn eines Bauern. Scharnhorst absolvierte die Militärschule und begann seine Karriere 1778 als Fähnrich der kurhannoverschen Truppen in Nordheim – heute Northeim – bei Göttingen. Schnell arbeitete er sich hoch und zählte 1782 zu den ersten Lehrern der neuen Artillerieschule in Hannover. 1792 erfolgte die Beförderung zum Stabskapitän, 1795 zum Major und 1796 zum Leutnant. In der Zeit veröffentlichte er verschiedene Zeitschriftenartikel, das dreibändige „Handbuch für Offiziere“ und das „Militärische Taschenbuch zum Gebrauch im Felde“.
Im Rang eines Oberleutnants berief ihn die preußische Armee 1801 zum Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Hermann von Boyen, Karl Wilhelm Georg von Grolmann und Karl von Müffling. Sie sollten Scharnhorst während der Heeresreform zur Seite stehen. Als seinen Meisterschüler kann man zweifelsohne Carl von Clausewitz einstufen. Die von Scharnhorst gegründete Militärische Gesellschaft in Berlin entwickelte sich unter der Leitung Ernst von Rüchels zu einem Diskussionsforum, in dem vor allem jüngere Militärs ein für damalige Verhältnisse sehr offenes Wort pflegten. Aus der Geschichte der Heeresreform ist die Gesellschaft, die bereits 1805 wieder aufgelöst wurde, nicht wegzudenken.
Scharnhorst war klug genug, seinen Wechsel nach Preußen mit der Bedingung zu verknüpfen, nobilitiert zu werden. 1806 wurde er Chef des Stabes und unterstand zunächst Rüchel, dann Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Scharnhorsts Forderung, nur die fähigsten Militärs in das Offizierskorps zu berufen, stieß allerdings auf Ablehnung; auch in den Stunden höchster Not verteidigten die Blaublütigen zuvorderst ihre Pfründe. In der Schlacht von Auerstedt führte Scharnhorst die ihm anvertrauten Truppen mit Um- und Vorsicht. Selbst verwundet, musste er den Rückzug antreten.
Schon im Februar 1807 nahm er dann an der Schlacht bei Preußisch Eylau teil und erhielt für seine Tapferkeit den Orden Pour le Mérite. Nachdem Friedrich Wilhelm III. den Frieden von Tilsit unterzeichnet hatte, übertrug er Scharnhorst die Leitung der Militär-Reorganisationskommission, in der die Reformer die Mehrheit bildeten. Neben Boyen, Clausewitz und Grolmann wurde August Graf Neidhardt von Gneisenau zu einer ihrer führenden Persönlichkeiten. Bereits 1808 löste der König die Kommission wieder auf und betraute Scharnhorst de facto mit der Führung des Kriegsministeriums. Offiziell berief Friedrich Wilhelm keinen Minister, sodass Scharnhorst, Chef des Generalstabs, die Verantwortung für Preußens Kriegsgeschick trug. Entschieden trieb er die Heeresreform voran.
Mit der Heeresreform erhielt Preußen nicht nur ein stehendes Volksheer, das die bis dahin eingesetzten Söldnertruppen ablöste. Die Reformer setzten auch durch, dass Offiziere eine Mindestqualifikation vorweisen mussten und die Rekruten eine so rasche wie umfassende am Gefecht orientierte Ausbildung erfuhren. Die Reformer schafften die Prügelstrafe ab und öffneten die Offizierslaufbahn für Bürgerliche. Gleich den Verwaltungsreformern um Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein und Karl August Fürst von Hardenberg legten die Heeresreformer um Scharnhorst die Wurzel für das moderne Preußen.
Sein politisches Talent bewies er 1810. Klar erkannte er, dass sein Wirken bei den Franzosen auf wachsendes Missfallen stieß, und bat den König um Entlassung aus dem Amt. Da er Generalstabschef blieb, konnte er seine praktischen Arbeiten fortführen, zumal Friedrich Wilhelm insgeheim angeordnet hatte, dass sich Scharnhorsts Nachfolger, Georg Ernst Karl von Hake, jede Maßnahme von seinem Amtsvorgänger genehmigen lassen musste.

Gemeinsam mit August Wilhelm Anton Graf Neidhardt von Gneisenau setzte Scharnhorst die Heeresreform durch. Auf dem Doppelporträt sehen wir ihn neben dem Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, MiNr. 988.

Gemeinsam mit August Wilhelm Anton Graf Neidhardt von Gneisenau setzte Scharnhorst die Heeresreform durch. Auf dem Doppelporträt sehen wir Gneisenau neben dem Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, MiNr. 988.

Scharnhorst nutzte die Zeit unter anderem zum Aufbau des Ingenieurkorps. Am Russland-Feldzug von 1812 – Napoléon zwang Preußen, ihn mit Truppen zu unterstützen – brauchte Scharnhorst nicht teilzunehmen. Als der französische Kaiser aus Russland fliehen musste, zählte Scharnhorst zu denen, die den preußischen Seitenwechsel vorantrieben. Die wesentliche Entscheidung, die in den Vertrag von Kalisch mündete, traf aber Staatskanzler Hardenberg.
Scharnhorsts letzte Schlacht fand am 2. Mai 1813 bei Großgörschen statt. Eine Schussverletzung am linken Bein verharmloste er. Im Juni wollte er über Prag nach Wien reisen. Bereits bei seinen Gesprächen mit Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg zeigte sich eine Entzündung der Wunde. Nach Wien kam Scharnhorst nicht mehr. Am 28. Juni 1813 verstarb er in Prag. „Er war einer der ausgezeichnetsten Männer unserer Zeit“, schrieben Gneisenau und Clausewitz in einem Nachruf, der in Berliner und Breslauer Zeitungen veröffentlicht wurde. Breslau, heute Wrocław, zählte zu den Zentren der antinapoléonischen Befreiungsbewegung.
Das Ende der französischen Vorherrschaft in Europa erlebte Scharnhorst ebenso wenig wie die Rückkehr der Quadriga des Brandenburger Tores, 1815. Nach der Restauration wurde sie wieder aufgestellt. Karl Friedrich Schinkel ersetzte den Lorbeerkranz der Wagenlenkerin durch einen Kranz mit Eichenlaub, in dessen Mitte er das Eiserne Kreuz platzierte. Die Berliner blickten indessen keineswegs voller Ehrfurcht auf das Gespann. Sie nannten die zurückgekehrte Quadriga schlichtweg „Retourkutsche“, ein Wort, das inzwischen auch außerhalb der Stadt im übertragenen Sinne verstanden wird.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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