Das Ende der Wirren

Zar Michail I

Zar Michail I.

Am 11. Juli 1613 wurde Michail Fjodorowitsch Romanow in der Reichsversammlung Semski Sobor zum Zar Russlands gekrönt. Als Michail I. war er bis 1645 erster Zar der Romanow-Dynastie. Diese führte Russland im Besonderen unter Michails Enkel, Peter dem Großen, auf imperiales Niveau und folgte auf die Zaren-Dynastie der Rurikiden. Jedoch nicht unmittelbar: Zwischen den Regentschaften der beiden Familien lagen vielmehr turbulente Jahre der wirtschaftlichen Krise, innerer Spaltung, zweifelhafter Herrscher und der Bedrohung von außen. Diese Zeit ist als Smuta, die „Zeit der Wirren“, in die Geschichte eingegangen. Auch an sie erinnern die vorgestellten Sondermarken.

Helm Zar Michails auf Sondermarke zu 200 Jahren Moskauer Kreml Museum 2006

Helm Zar Michails auf Sondermarke zu 200 Jahren Moskauer Kreml Museum 2006.

Ihren Lauf nahmen die Wirren spätestens, als Fjodor I., Sohn Iwan des IV. („dem Schrecklichen“) und letzter Rurikide im Jahr 1598 starb und Boris Godunow seine Nachfolge antrat. Schon unter dem als nicht regierungs-und zurechnungsfähig geltenden und heute eher für seine ausgeprägte Vorliebe für läutende Kirchenglocken bekannten Fjodor war es Godunow gelungen, wesentlichen Einfluss auf die Politik des Zarentums auszuüben. Auf eine stichhaltige erbfolgetaugliche Zugehörigkeit zu den Rurikiden konnte er jedoch nicht verweisen. Und wie schon unter Iwan, der die etablierten Machtgefüge im Land mit radikalen Mitteln zugunsten einer Alleinherrschaft aufgebrochen und dabei vor allem die bojarische adlige Elite geschwächt und den niederen Adel gestärkt hatte, litten die Bauern auch zu Zeiten Godunows (dessen Leben und Wirken Jahrhunderte später zum Gegenstand der literarischen und musikalischen Werke Puschkins und Mussorgskis werden sollte).

Michails Gegenspieler Sigismund III Wasa

Gegenspieler Sigismund III. Wasa.

So schaffte es ein heute als Pseudodimitri I. bekannter Kontrahent im Jahr 1605, bäuerliche Hoffnungen zu mobilisieren und vermeintliche verwandtschaftliche Beziehungen zur Geltung zu bringen. Er gab vor, Dimitri Iwanowitsch zu sein, ein weiterer Sohn Iwans, der seit 1591 als verstorben galt, und ergriff kurz nach Godunows ‒ natürlichem ‒ Tod die Macht. Dies allerdings nicht ohne Hilfe, erkannte doch der polnische König, Sigismund III. Wasa, die Gelegenheit, den polnischen Einfluss im Zarentum zu intensivieren. Denn seit Iwan hatten die fortdauernd konkurrierenden Machtinteressen der verschiedenen Adelsschichten, gepeinigte und fliehende Bauern und ehrgeizige wie zehrende kriegerische Auseinandersetzungen, im Besonderen mit Polen-Litauen und Schweden, längst eine chaotische und labile, bürgerkriegsartige Situation geschaffen. Darüberhinaus war das Land von zahlreichen Hungersnöten heimgesucht worden.

So ging es rasant und blutig weiter: Während der polnisch protegierte Pseudodimitri wegen allzu großer Nähe zu Polen und dem Katholizismus schon 1606 sein Ende gefunden hatte, wurde sein Nachfolger Wassili Schuiski jenseits begrenzter bojarischer Kreise, die ihm durch einen Aufstand zur Macht verholfen hatten, von vornherein weithin als reaktionärer Eliten- und „Bojarenzar“ abgelehnt. Nachdem er zunächst einen Bauernaufstand überstanden und sich, nun in Koalition mit Karl IV., dem ähnlich expansionslüsternen schwedischen Gegenspieler Sigismunds, noch gegen einen weiteren von polnischer Seite geförderten „falschen Dimitri“ behauptet hatte, endete die Herrschaft Wassilis IV. im Jahr 1610. Sigismunds Polen stand mittlerweile kurz vor einem gewaltigen Coup, den der König jedoch letztlich auch selbst zunichte machte. Ihm war es gelungen, einflussreiche Feinde Wassilis auf einen Pakt festzulegen, bei dem sein Sohn Wladyslaw Zar und eine Angliederung des Zarentums Russland an Polen entscheidend vorangetrieben werden würde. Doch Sigismund nahm den Thron bald für sich selbst ins Visier. Da er aber, anders als Wladyslaw, als polnischer König nicht zur Orthodoxie konvertieren würde, und sich die polnische Besatzung unter seiner Führung überhaupt zu rücksichtslos gebärdete, mehrte, und was noch viel schlimmer war, bündelte sich nun der russische Widerstand.

400 Jahre Wiederherstellung Russland von 2012

Der Bürger und der Fürst.

Unter der Führung Kusma Minins und Dimitri Poscharskis kam es 1612 zu einem Volksaufstand, und Moskau wurde befreit. Hinter sich wussten Minin und Poscharski nicht nur den Patriarchen Hermogenus. „Dem Bürger und dem Fürsten“, wie es auf dem zu ihren Ehren errichteten und heute am Roten Platz in Moskau stehenden Denkmal heißt, stand auch der Metropolit Filaret zur Seite, mit bürgerlichem Namen Fjodor Nikitsch Romanow. Zur Zeit seiner Machtübernahme hatte es Boris Godunow geschafft, den damaligen Protagonisten der romanowschen Bojarenfamilie in das politische Abseits eines Klosters zu verbannen, aus dem heraus er in den folgenden Jahren unter dem Namen Filaret operieren sollte. Sein Sohn Michail, der als Romanow kaum in die erbitterten bojarischen Fehden der jüngsten Vergangenheit verwickelt war, wurde mit seinen sechzehn Jahren als beeinflussbarer Zar gehandelt. Mit seiner Wahl im Jahr 1613 nahmen die Auseinandersetzungen mit Polen zwar kein sofortiges Ende. Doch waren die Geschehnisse und die nun endlich vereinten Bemühungen durch Adel und Kirchenführer von 1612 und 1613 vor allem Ausdruck und Symbol einer nationalen Einigung im Angesicht des Zerfalls. Und tatsächlich gelang es unter Michail I. und seinem 1619 aus polnischer Gefangenschaft zurückgekehrten und alsbald zum Patriarchen ernannten Vater, das Zarentum Russland zu konsolidieren. Die Romanows konnten sich in der Folge auf dem Zarenthron etablieren, und die dynastischen Wirren kamen zu ihrem Ende. Die russische Nation sollte unter ihrer Herrschaft jedoch weiterhin nicht eben unbewegte Jahrhunderte erleben.                 Marius Prill


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Verfasst von: Marius Prill

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