Untertitel: „Seelenzustände“

1963 ehrte Österreich Hermann Anastas Bahr philatelistisch, MiNr. 1130.

1963 ehrte Österreich Hermann Anastas Bahr philatelistisch, MiNr. 1130.

Heute würdigt man in erster Linie seine Leistungen als Vermittler. In Literatur– und Theaterkritiken engagierte er sich für die Vertreter der Moderne, unter anderem Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und Arthur Schnitzler. Aber auch den Werken von Musikern wie Gustav Mahler und Richard Strauss und bildenden Künstlern wie Gustav Klimt und Koloman Moser stand er rundum positiv gegenüber. Selbst von durch und durch bürgerlichem Habitus, gelang es ihm, die Schöpfungen der Neuerer einem größeren Publikum näherzubringen, Menschen, die nicht selten verschreckt auf alle Veränderungen reagierten. Stand anfangs der Naturalismus im Mittelpunkt, trat er später als Fürsprecher der Wiener Moderne und schließlich des Expressionismus‘ hervor. Zugleich engagierte er sich für den Austausch zwischen den Kulturen.
Hermann Anastas Bahr, der am 19. Juli 1863 auf die Welt kam, erregte bereits als Maturant Aufsehen. Der Sohn aus gutbürgerlichem Haus hielt eine Rede „Der Wert der Arbeit“ mit klar sozialistischer Tendenz. In Wien studierte er kurz Klassische Philologie, ehe er sich der Jura zuwandte. Vor allem aber wandte er sein Interesse der in den Cafés heimischen Gesellschaft und alldeutschen Kreisen zu. Nach einer deutschnationalen Gedenkrede auf Richard Wagner musste er 1883 die Wiener Universität verlassen. An der Friedrichs-Wilhelm-Universität Berlin studierte er vom Folgejahr an Nationalökonomie, hörte aber auch Vorlesungen in Fächern wie Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie. Zugleich schrieb er Feuilletons für die Zeitungen und veröffentlichte 1889 – vordatiert auf 1890 – eine erste Sammlung mit dem Titel „Zur Kritik der Moderne“. 1890 erschien dann sein erster Roman mit dem Titel „Die gute Schule“ und dem Untertitel „Seelenzustände“.
In den folgenden Jahren war er rastlos tätig, publizierte neben feuilletonistischen Artikeln vor allem Romane und Dramen. Insgesamt legte er rund 40 Theaterwerke, neun Romane, drei Erzählbände und an die 40 Ausgaben mit gesammelten Schriften vor. Dabei zeigte sich eine klare Tendenz, aktuellen Strömungen zu folgen, ohne diese aber kritiklos nachzuahmen. Daher gab es Stimmen, die Bahr nachsagten, sich einer weiteren Mode zugewandt zu haben, als er nach zwei schweren Erkrankungen Halt im Glauben fand. Die innere Auseinandersetzung mit dem Katholizismus gehört zu den nachhaltigsten und für ein allgemeines Publikum wertvollsten Themen in Bahrs Lebenswerk.
Die Literatur verdankt ihm viel, mögen auch sein Name und seine Schriften heute nur noch Kennern geläufig sein. Vielleicht kann man sein feuilletonistisches Schaffen mit Alfred Kerrs und Alfred Polgars Arbeiten. Allerdings trat Hermann Bahr weniger stark als Kritiker, der die Werke anderer bewertet und einordnet, denn als Vermittler gegenüber dem Publikum in Erscheinung. Seinen Einsatz für die jungen Neuerer kann man nicht hoch genug einschätzen, für die Zeitgenossen war er einer der wichtigsten Kultur- und Literaturtheoretiker. Glücklicherweise blieb es ihm erspart, noch miterleben zu müssen, wie sich die Finsternis über sein Heimatland legte, da er seine letzten Jahre in zunehmender Demenz verbrachte. Am 15. Januar 1934 starb er.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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