Rächer der Enteigneten

2009 erinnerte die mexikanische Post an den Beginn der Revolution vor 100 Jahren. Links sehen wir ein Porträt Pancho Villas, MiNr. 3535.

2009 erinnerte die mexikanische Post an den Beginn der Revolution vor 100 Jahren. Links sehen wir ein Porträt Pancho Villas, MiNr. 3535 (Abb. Schwaneberger Verlag).

Doroteo Arango kam 1878 im mexikanischen Durango zur Welt. Zeit seines Lebens hatte er das ärmliche und mühselige Leben seiner Familie auf einer Hazienda mit angesehen. Eines Tages musste Doroteo dann verhindern, dass sich ein Großgrundbesitzer an seiner Schwester vergehen konnte. Von den skrupellosen Mächtigen verfolgt, kämpfte er seitdem unter dem Namen Francisco „Pancho“ Villa für und mit den Unterdrückten und Bedrohten seines Landes.
Gut möglich, dass jenes von Villa selbst geschilderte dramatische Schlüsselerlebnis gar nicht stattfand. Mit Großgrundbesitzern und Gesetz geriet er in den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens aber auf jeden Fall in Konflikt. Den Namen Francisco Villa gab er sich wahrscheinlich, um auf freiem Fuß zu bleiben. Er war aus der Armee desertiert, nach Chihuahua geflohen und finanzierte sich dort unter anderem durch Viehhandel. Letzteres beinhaltete, zu dieser Zeit gar nicht so unüblich, den Diebstahl der Tiere, die auf den weiten Flächen der Haziendas weideten.
Aus ärmlichen Verhältnissen stammend und ohne jede Bildung war Villa ein Überlebenskämpfer, der die sozialen und politischen Verhältnisse im Mexiko der Jahrhundertwende aus eigener Erfahrung kannte und ablehnte. Dies hatte zwar weniger mit weitreichender politischer Ambition als mit einem tief verwurzelten Hass auf das in der Tat ausbeuterische und versklavende Hazienda-System zu tun. Aber es verlieh ihm Glaubwürdigkeit und Charisma. Als Anführer von Diebesbanden, die sich in den Bergen versteckten und gegen die mächtigen Gutsbesitzer und das Gesetz, das sie protegierte, auflehnten, war Villa für die Menschen Chihuahuas ein Rebell.
Und seine Ablehnung der Verhältnisse wurde im ganzen Land von immer mehr Menschen geteilt. Unter dem seit 1876 drei Jahrzehnte lang herrschenden Präsidenten Porfirio Díaz lagen Landbesitz und politische Macht in den Händen ganz weniger. Sein zunehmend autoritärer und oligarchischer Regierungsstil stand vor allem für eine massive Enteignungspolitik, von der außer den wenigen mexikanischen Großgrundbesitzern auch US-amerikanische Investoren profitierten. Neben den in Armut lebenden Landarbeitern und Kleinbauern wurde auch die weitgehend entrechtete Mittelschicht des Landes immer unzufriedener.
Als die Mexikanische Revolution um 1910 begann, wurde Pancho Villa in der Bevölkerung schon als heldenhafter Bandit verehrt.
Im revolutionären Kampf hatte Francisco Madero, ein aus wohlhabender Familie stammender Verfasser liberaler politischer Programme für die Zeit nach Díaz, auch Villa und seine bewaffneten Anhänger neben sich. Villa erwies sich beim Sturz des „Porfiriats“ als schlagkräftiger Befehlshaber. Bei seinen Truppen genoss er hohes Ansehen, und als erfahrener, rigider Bandenführer verfügte er über strategisches Geschick und eine gute Landeskenntnis des mexikanischen Nordens.
Vor allem die revolutionären Mengen unter Emiliano Zapata im Süden drängten auf weitreichende Reformen der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse. Im Norden waren die Anhänger Villas zwar ähnlich gesinnt. Doch daneben verfolgten dort einflussreiche revolutionäre Kräfte, wie der Großgrundbesitzer Venustiano Carranza, weniger eine bäuerliche Revolution als bürgerlich-liberale Ziele. Auch dem neuen Präsidenten Madero ging es nach 1911 vorrangig um die Installierung einer demokratischen und rechtstaatlichen Ordnung.
1913 kam es zu einem konterrevolutionären Putsch des Generals Victoriano Huerta gegen den schnell geschwächten Madero. Nachdem man Huerta unter der Führung des bürgerlichen Carranzas noch einmal gemeinsam erfolgreich bekämpft hatte, folgten etliche Jahre, in denen sich die politischen und sozialen Fraktionen der Revolution von 1910 erbittert bekriegten.
Nach einer sehr kurzen Amtszeit als Gouverneur Chihuahuas im Jahr 1913 konzentrierte sich Pancho Villa dabei schnell wieder auf zahlreiche Kampfhandlungen mit seiner División del Norte. Diese richteten sich vor allem gegen den bürgerlichen Carranza. Zusammen mit Zapata nahm Villa 1914 zwar kurzzeitig Mexiko-Stadt ein, wurde von Carranza danach aber in mehreren Schlachten vernichtend geschlagen.
Villas Ansehen als mexikanischer Nationalheld festigte sich nicht zuletzt dadurch, dass er es 1916 wagte, die verhassten USA zu attackieren, die zu dieser Zeit die Regierung Carranzas unterstützten. Mit seinem mittlerweile als Guerilla-Armee operierenden Gefolge überfiel Villa die Stadt Columbus in New Mexico. Die Unternehmung gemahnte auch dadurch an frühere Aktionen des Banditen Villa, dass von US-Präsident Woodrow Wilson entsendete amerikanische Truppen danach vergeblich versuchten, den im Norden Mexikos flüchtigen Angreifer aufzuspüren.
Eigentlich hatte sich Pancho Villa nach dem Ende der Präsidentschaft Carranzas im Jahr 1920 den Schutz der neuen Regierung General Obregóns zusichern lassen, um ein ruhiges und daneben recht komfortables Leben zu führen. Am 20. Juli 1923 wurde er jedoch Opfer eines blutigen Attentats, als mehrere Männer seinen Dodge Roadster beschossen. Ob Villas Mörder Anhänger Obregóns waren, dessen Geheimdienst angehörten oder im Auftrag anderer politischer Protagonisten jener Tage handelten, wurde nie ganz geklärt.
Niemand schien aber daran geglaubt zu haben, dass der erst fünfundvierzigjährige Villa nicht doch noch einmal auf die revolutionäre Bühne zurückkehren würde. Denn auf dieser hatte sich der charismatische Volksheld immer schon weniger durch langfristige Pläne oder politische Konzepte hervorgetan als durch die Fähigkeit, sich nicht fassen zu lassen und die Menschen immer wieder für Angriffe gegen die Reichen und Mächtigen zu mobilisieren. Marius Prill


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Verfasst von: Marius Prill

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