Einheitsmythen

Im Zweivölkerstaat Tschechoslowakei erfuhr Ján Kollár 1952 eine philatelistische Ehrung (Abb. Schwaneberger Verlag).

Im Zweivölkerstaat Tschechoslowakei erfuhr Ján Kollár 1952 eine philatelistische Ehrung (Abb. Schwaneberger Verlag).

Ján Kollár beschäftigte die Idee und das Schicksal einer von den verschiedenen „Stämmen und Mundarten der slawischen Nationen“ geteilten slawischen Kultur. Für Kollár waren ein gemeinsamer Ursprung und ein gemeinsames Erbe der russischen, polnischen, illyrischen und tschechischslowakischen Bevölkerungen vor allem in miteinander verwandter Sprache, Dichtung und Geschichte aufzufinden. In seiner eigenen Poesie besang Kollár die Schönheit und Würde des Slawischen. Daneben versuchte er, seine Vorstellungen eines geistig-kulturellen „Panslawismus“ über philologische Bemühungen und die diesbezügliche Bildung der Bevölkerung voranzubringen.
Der am 29. Juli 1793 im slowakischen Mošovce geborene Kollár hatte während seiner Studienzeit in Jena zwischen 1817 und 1819 gesehen, wie sich Bemühungen um eine deutsche Nation entwickelten. Nach Johann Gottfried Herder erkannten romantische und philologisch-folkloristisch orientierte Denker die Grundlagen einer solchen in „Volksdichtung“ und „Volksleben“. Man suchte und fand Verbindendes und gemeinsame Wurzeln, eine deutsche Kultur.
Auch bei Ján Kollár verband sich ein Hauptaugenmerk auf Sprache und Dichtung mit dem Konzept einer Kulturnation. Mehr als um Agitation und nationalpolitische Ziele ging es ihm dabei darum, dass eine slawische Kultur konzeptionell und empirisch aufgezeigt und praktisch stabilisiert werden musste, um nicht verloren zu gehen.
Kollárs poetisches Lob auf und seine nicht selten wissenschaftlich zweifelhafte philologische Suche nach einem panslawischen Wesen hatten mit Bedrohungen von außen und innen zu tun. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Pfarrer in Pest, das später Teil Budapests werden sollte, hatte Kollár die Unterdrückung und Einverleibung der Slowaken und ihrer Sprache durch die ungarische Magyarisierungs-Politik beobachtet. Das andere Problem der Slawen war in seinen Augen ein mangelndes Bewusstsein ihrer selbst und auch daraus resultierende innerslawische Konflikte. Die Menschen mussten über die sie verbindende Sprache, Kunst und Geschichte aufgeklärt werden, um ihre Einheit zu erkennen.
Kollár versuchte inständig nachzuhelfen. Sein dichterisches Hauptwerk in Sonetten-Form, „Die Tochter der Slawa“, sprach vom Slawischen wie von einer patriotisch-erotisch verehrten Geliebten. Umfangreiche Sammlungen, wie das „Wörterbuch slawischer Künstler“ und „Volksgesänge oder weltliche Lieder“, führten den Lesern ein gemeinsames dichterisches und kulturelles Erbe vor Augen. Das von Kollár konzipierte „Altslowakisch“, der Versuch einer Vereinigung von tschechischer und slowakischer Sprache, war für kurze Zeit Amtssprache in slowakischen Schulen.
Bevor Kollár am 24. Januar 1852 in Wien starb, hatte er dort noch eine Professur für Slawische Archäologie und Mythologie bekleidet. Das passte: Kollár war eher ein um (national-)kulturelle Bildung bemühter Intellektueller denn ein politischer Nationalist gewesen. Kollárs Theorie des Panslawismus war bei aller Sammel-Arbeit und dichterischer Passion jedoch Mythologie geblieben. Und zukünftige nationalistische Separationen und konfliktreiche Auseinandersetzungen zwischen den slawischen Staaten sollten auch seine poetisch beschworenen und kulturpädagogisch angestrebten Harmonisierungs-Hoffnungen widerlegen. Marius Prill


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Verfasst von: Marius Prill

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