„Ein Kapitalist mit sozialem Gewissen“

Gottlieb-Duttweiler-BriefmarkeDie Geschehnisse zum Jubiläum anlässlich des 25. Geschäftsjahrs des größten und geschichtsträchtigsten Handelsunternehmens der Schweiz muten fast ein wenig wie ein modernes Märchen an. Gründer Gottlieb Duttweiler ließ zu diesem Anlass alle Betriebe von Migros für einen vollen Tag schließen und lud rund 5000 Angestellte auf sein Privatanwesen in Rüschlikon ein, um mit ihnen zu feiern. Die Anreise der Mitarbeiter erfolgte durch fünf Zürichsee-Dampfer. Und als sei dies nicht spektakulär genug: Der bereits 62-jährige Firmengründer schwamm ihnen zur Begrüßung mit Hut und Badehose bekleidet entgegen.
Gottlieb Duttweiler galt und gilt auch heute noch als kaufmännisches Genie, als Pionier und zugleich als  vorbildlicher Vertreter eines Wirtschaftens mit sozialem Gewissen. Am 15. August 1888 in Zürich geboren, zeigte er bereits in Kinderjahren Interesse am Handel, züchtete Meerschweinchen und Kaninchen und verkaufte sie an Mitschüler. Eine kaufmännische Ausbildung nach Ende der Schulzeit lag nahe und wurde beim Unternehmen Pfister & Sigg absolviert. Bereits zehn Jahre später wurde er Partner bei eben dieser Firma, die vom Jahr 1917 an den Namen Sigg & Duttweiler führte.
Als Sigg & Duttweiler nur wenig später, nach Ende des Ersten Weltkrieges, aufgrund der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage Konkurs anmelden musste, bedeutete dies einen immensen finanziellen Verlust für Duttweiler. Dennoch schaffte er es am 15. August 1925, an seinem 37. Geburtstag, das Unternehmen Migros zu gründen.
Brasilien-Kaffee-BriefmarkeVoran ging der Unternehmensgründung jedoch ein mehrjähriger Aufenthalt in Brasilien, im Zuge dessen sich Duttweiler im Anbau von Kaffee und Zuckerrohr betätigte. Möglicherweise wäre er auf diesem Wege langfristig ebenso erfolgreich geworden, wie er es mit Migros in der Schweiz wurde, doch das Klima war der Gesundheit seiner Ehefrau dermaßen abträglich, dass das Paar in sein gemeinsames Heimatland zurückkehren musste. Was Duttweiler aus seinem unternehmerischen Exkurs nach Brasilien an Erkenntnissen mitnahm, wurde zum Grundstein seiner Unternehmensidee. Er sah eine große Diskrepanz zwischen dem geringen Profit der Produzenten verschiedener Warengruppen und den hohen Preisen, die der Endkonsument zu zahlen hatte. Diesen Missstand wollte er durch Schaffen von Alternativen abschwächen.
Aus unternehmerischer Sicht war das Konzept, das hinter Migros steckte, ein bis dahin Neues. Es sah vor, eine direkte Verkaufslinie von Produzent zu Konsument zu ziehen. Duttweiler selbst sprach von einer Brücke zwischen Produzent und Konsument. Von der Gründung der Migros an waren das Unternehmen und die Person Duttweiler in der Außenwahrnehmung untrennbar miteinander verbunden. Besonders, weil seine politische und soziale Einstellung kontinuierlich und unmissverständlich mittels der nach außen getragenen Unternehmensphilosophie kommuniziert wurde.
Die Erfolgsgeschichte von Duttweilers Geschäftsmodell begann mit fünf Ford-Lastwagen, die an 178 Haltestellen in ganz Zürich ein sehr begrenztes Sortiment von fünf Artikeln an den Mann, noch häufiger aber an die Frau brachten. Im Dezember des Folgejahres öffnet bereits der erste Migros- Laden. Die simple Ausstattung und der sich aufs Wesentliche beschränkende Service waren zwar ungewohnt, traten jedoch hinter den bis dahin konkurrenzlos niedrigen Preisen zurück. Viele Läden folgten. Doch Duttweiler beschränkte sich nicht allein auf den Handel, er ging auch in die Produktion eigener Waren. Zu Beginn vor allem aus der Not heraus und als Reaktion auf den Boykott vieler Produzenten von Markenartikeln. Für sie war die eigene Gewinnspanne bei einem Verkauf durch Migros zu gering. Sie sahen das Modell als gefährliche Konkurrenz.

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Amazon.de WidgetsWirtschaftliches Handeln und das Vertreten eines eigenen Wertekonsenses stellten für Duttweiler keinen Gegensatz dar. Alkohol und Zigaretten beispielsweise suchten die Kunden in den Regalen vergeblich. Und auch seinem Leitbild der niedrigen Handelsspanne blieb er zeitlebens treu. Als 1936 von der Schweizer Regierung der Franken um 30 Prozent abgewertet wurde, blieben die Preise der Migros noch für Monate auf dem gleichen Stand. Nach Eigenaussage machte das Unternehmen in dieser Zeit Verluste von 20 000 Franken pro Geschäftstag. Duttweilers Unternehmensführung war dem Versuch geschuldet, dem eigenen Leitsatz treu zu bleiben: „Der Mensch im Mittelpunkt und nicht das Kapital“.
Duttweilers sozialpolitische Aktivitäten blieben nicht auf die eigene Unternehmenskultur beschränkt. Er war ebenfalls Begründer des „Landesring der Unabhängigen“, einer Schweizer Partei, die von 1936 bis 1999 existierte. Auch sie war, vor allem in den ersten Jahren, geprägt vom Leitgedanken einer sozialeren Marktwirtschaft.
Zum Teil mit radikalen Methoden und unter großem Aufsehen, brachte Duttweiler seine Meinung zu aktuellen politischen Themen zum Ausdruck. So im Jahr 1947, als er nicht einen, sondern gleich zwei Steine im Zuge einer persönlichen Protestaktion in das Fenster des Bundeshauses warf.

Migros-Anteilsschein, Abbildung: HWPH Historisches

Migros-Anteilsschein, Abbildung: HWPH Historisches Wertpapierhaus AG

1941 wurde das Unternehmen Migros zur Genossenschaft. Duttweiler verschenkte die Anteilscheine an seine Kunden. Er kann als Liebhaber des Genossenschaftsmodells bezeichnet werden. Auch das gemeinsame Anwesen der Eheleute Duttweiler ging 1946 in das Genossenschaftsinstitut „Im Grünen“ über. Durch die Genossenschaft „Hotelplan“ partizipierte Duttweiler seit 1935 auch an der Tourismusbranche. Ausgehend von dem von ihm empfundenen Missstand, dass Urlaube für den durchschnittlichen Geldbeutel wegen der allgemein schlechten Wirtschaftslage kaum zu realisieren waren, setzte er auf das Prinzip touristischer Pauschalarrangements.
Ob Schifffahrt, Flugzeuge, Zeitungswesen, Buchhandel oder Filmproduktion – man findet kaum einen Bereich in der Schweiz, in dem Duttweiler nicht aktiv mitgewirkt hat, zumindest aber zeitweise eine gute Handvoll Aktien in seinem Besitz hatte. Auch als Förderer von Kultur und Bildung hat er nicht unwesentlich gewirkt. Heute trägt eine Vielzahl von Schulen, Lehrstühlen und Stiftungen in der Schweiz den Namen Duttweiler.
Am 8. Juni 1962 verstarb Gottlieb Duttweiler im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Sarah Este


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Verfasst von: Marius Prill

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