„Lyrische Schönheit und ethische Tiefe“

Vier irische Literatur-Nobelpreisträger, gestochen von Lars Sjööblom: Seamus Heaney, unten rechts zu sehen, zeigte sich in Gesellschaft William Butler Yeats', George Bernard Shaws und Samuel Becketts, MiNr. 1611-1614.

Vier irische Literatur-Nobelpreisträger, gestochen von Lars Sjööblom: Seamus Heaney, unten rechts zu sehen, zeigte sich in Gesellschaft William Butler Yeats‘, George Bernard Shaws und Samuel Becketts, MiNr. 1611-1614.

Als Katholik im britisch besetzten Nordirland aufgewachsen, mit Anfang dreißig in die Republik Irland übergesiedelt – es hätte nahe gelegen, den Schwerpunkt auf politische und politisch inspirierte Literatur zu legen. Der Konflikt um Nordirland spielt aber nur in das Werk hinein, hinterließ deutlich erkennbare Spuren, selbstverständlich mit klarem Standpunkt gegen die Gewalt auf beiden Seiten, ausgeübt von gewöhnlich eher unverständigen Menschen mit reichlich Sendungsbewusstsein. Geprägt hat der Konflikt das Schaffen nicht.
Mit scharfen Verstand analysierte Seamus Heaney das irische Drama, erkannte auch, dass nur Bildung und Kultur den Weg in eine bessere Zukunft bereiten können. Mit seinem Werk baute er eine Brücke zwischen der irischen und britischen Kultur, setzte sich mit beiden Traditionen auseinander und legte Poesie und Prosa vor, der die Stockholmer Akademie „lyrische Schönheit und ethische Tiefe“ bescheinigte. Irische Mythen und Sagen flossen ebenso in sein Schaffen ein wie die irische Geschichte, doch dichtete er in Stabreimen auch das angelsächsische Heldenepos „Beowulf“ in modernem Englisch nach. Die Gegenwart beschrieb er nüchtern und klar, schritt dabei die Räume voll aus. Alltägliche Begebenheiten machte er zu Metaphern für die Realität, im Allgemeinen wie im speziell Irischen. Natur und Landschaft gewann er Symbolik ab, die Zwischenebenen des menschlichen Bewusstseins leuchtete er perfekt aus.
Dass Heaney, als ältestes von neun Kindern am 13. April 1939 geboren, von klein auf gelernt hatte, hart zu arbeiten, merkte man seinem Werk nur insofern an, dass er oftmals Bilder aus dem Leben der tagaus, tagein anpackenden Bevölkerungsschicht zeichnete; dennoch darf man ihn keineswegs als Arbeiterdichter oder Landlebenpoeten missdeuten. Hochgebildet, schon mit 27 Jahren erstmals zum Universitätsdozenten berufen, ging Heaney seinen eigenen Weg und ließ sich von niemandem vereinnahmen. Natürlich feierten ihn alle, als ihm 1995 den Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. In jenem Jahr vergaben die Juroren tatsächlich eine Auszeichnung für Literatur, nur für Literatur.
Mit dem Ableben Seamus Heaneys, der gestern in Dublin verstarb, verlor nicht nur Irland eine Stimme, sondern die ganze Welt.


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Verfasst von: Torsten Berndt

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