Gold vor Hitlers Augen

1990 ehrten die USA mehrere Olympiasieger philatelistisch, unter ihnen Jesse Owens, MiNr. 2093.

1990 ehrten die USA mehrere Olympiasieger philatelistisch, unter ihnen Jesse Owens, MiNr. 2093 (Abb. Schwaneberger Verlag).

„J.C.“ – so rief man ihn, als er ein Kind war. Eine neue Lehrerin verstand eines Tages aber „Jesse“. Und unter diesem Namen schrieb James Cleveland Owens nicht nur olympische Geschichte. Geboren wurde er vor 100 Jahren, am 12.September 1913.
Owens sportliche Laufbahn begann in der High School. Nicht mehr in Alabama, wo er zur Welt gekommen war, sondern in Ohio. Und wie sie begann: Owens stellte gleich High School-Rekorde im Kurzstreckenlauf und Weitsprung auf. Danach ging er an die Ohio State University. Aber ein Sportler seines Formats wäre vielen amerikanischen Universitäten willkommen gewesen.
Owens war 22 Jahre alt, als er sich bereits für immer in die Annalen der Leichtathletik eintrug: Am Nachmittag des 25. Mai 1935 stellte er drei Weltrekorde auf. Mit einem weiteren zog er gleich. Das war in Michigan, bei einem Universitäten-Wettkampf.
Und ein Jahr später krönte Owens seine Sportler-Karriere: Vier olympische Goldmedaillen gewann er. 10,3 Sekunden brauchte er für die 100 Meter, 20,7 Sekunden für die 200 Meter. Außerdem siegte er im Vier-mal-100-Meter-Lauf und im Weitsprung. So viele Goldmedaillen hatte vor Owens kein amerikanischer Leichtathlet bei Olympischen Spielen errungen. Und das sollte auch noch länger so bleiben.
Aber historisch war Owens Performance nicht nur in sportlicher Hinsicht. Er gab sie in Berlin. Und es war das Jahr 1936. Auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions saß Adolf Hitler. Im nationalsozialistischen Deutschland gewann vor den Augen des rassistischen Diktators und gleichzeitig vor den Augen der Welt ein Schwarzer die olympischen Gold-Medaillen.
Rührend ist die auf Owens Schilderungen fußende Vorstellung, dass er sich während der Wettkämpfe mit dem deutschen Leichtathleten Luz Long anfreundete und die beiden sich damit für einige Momente über den monströsen Wahnsinn des Dritten Reichs hinwegsetzten. Der unterlegene Long gratulierte Owens unmittelbar nach dessen entscheidendem Sprung. Er starb sieben Jahre später während des Zweiten Weltkrieges in einem Gefecht auf Sizilien.

Bald nachdem der Olympiasieger Owens in die USA zurückkehrt war, gab er seine sportliche Karriere zugunsten verschiedener einträglicherer Aktivitäten auf. Seine Starts bei Schauläufen rechtfertigte Owens im Nachhinein mit schierer finanzieller Notwendigkeit. Er vermisste zudem die offizielle Anerkennung durch den bis 1945 amtierenden Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der Owens nach den olympischen Goldmedaillen nicht gratuliert hatte. Owens arbeitete in der Folge vor allem als Redner und Repräsentant für unterschiedliche schulische, soziale und wirtschaftliche Einrichtungen und Organisationen. Sein Engagement galt dabei im Besonderen der Arbeit für und mit benachteiligten Jugendlichen.
Im Lauf der Jahrzehnte wurden Owens dann aber nicht nur in den USA zahlreiche Ehrungen zuteil. Im Jahr 1976 erhielt er die Presidential Medal Of Freedom. Sie wurde ihm von Präsident Gerald Ford verliehen. Zehn Jahre nach seinem Tod folgte dann noch die Congressional Gold Medal. Damit wurde Jesse Owens zum Träger der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA.
Jesse Owens starb am 31. März 1980 an Lungenkrebs. Nicht nur waren seine Leistungen als Athlet überragend. Im Kontext der Geschehnisse seiner Zeit – vor allem des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges, auch aber in Bezug auf den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft – bekamen sie darüber hinaus symbolische Bedeutung. Owens Erfolge überragten die politischen und gesellschaftlichen Irrungen der Epoche.


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Verfasst von: Marius Prill

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