Eines langen Tages Reise in die Nacht

Eugene O'Neill auf amerikanischer Briefmarke von 1967Eugene Gladstone O‘Neill gilt als Begründer des modernen amerikanischen Dramas. Geboren wurde der Literatur-Nobelpreisträger am 16. Oktober 1888 in New York. Und zwar als Sohn eines Schauspielers. Dieser reüssierte in seiner Paraderolle des Grafen von Monte Christo landesweit. Deswegen tourte auch die ganze Familie durch Amerika. O‘Neill wuchs in Hotels auf. Auch aber war er zwischenzeitlich in einem katholischen Internat. „Drama“ gab es von Anfang an, im ernsten Sinn. O‘Neills Mutter war morphiumabhängig. Die Sucht hatte ihren Ausgang vermutlich in einer Wochenbettdepression genommen. Sein älterer Bruder, der zeitlebens unter Schuldgefühlen litt, den mittleren, an Masern gestorbenen Bruder angesteckt zu haben und der an seinem Alkoholismus später zugrunde ging, zeigte O‘Neill, was Kneipen und Bordelle waren. Die Universität verließ O‘Neill nach nur einem Jahr. Goldsucher und Seemann war er danach. Er setzte ein Kind in die Welt. Die erste, frühe Ehe wurde geschieden. Er hatte verschiedene Jobs und lebte nicht zuletzt in Kneipen. O‘Neill trank. Er war noch keine 30 Jahre alt. Wegen Tuberkulose war er 1912/1913 monatelang im Sanatorium. Und dort las er viel. Der zuvor suizidale O‘Neill – er hatte versucht, sich das Leben mit einer Überdosis Tabletten zu nehmen – konnte eine Zukunft erkennen.

Er begann, Stücke für das Theater zu schreiben. Sein Vater unterstützte noch einmal ein speziell darauf gerichtetes, letztlich nicht beendetes Studium in Harvard. Am 28. Juli 1916 wurde das erste kurze Drama Eugene O‘Neills gespielt. In einem alten zum Theater gemachten Hafenschuppen. Die Schauspieler waren befreundete Künstler. O‘Neill schrieb weiter, und die Theatergruppe zog um nach Greenwich Village. Es war eine glückliche und produktive Situation: O‘Neill hatte Schauspieler, das Ensemble einen Autoren. „Jenseits vom Horizont“ („Beyond the horizon“) kam 1920 allerdings an den Broadway. Und das war eine neue Art von Durchbruch. O‘Neill bekam den Pulitzer-Preis dafür, den ersten von vieren. In den nächsten 20 Jahren verfasste er über 20 Stücke – insgesamt sind 51 Dramen O‘Neills publiziert worden –, die seinen Status als Amerikas führender Dramatiker konsolidierten. 1936 bekam er die Stockholmer Auszeichnung.

In das amerikanische Theater brachte O‘Neill brachte etwas Neues: Seine Dramen handelten – auch das war neu  – in amerikanischer Umgangssprache auch von Charakteren, die „unten“ waren. In einsamen, verlorenen Situationen, Positionen und Lebenswelten. Es waren echte Figuren, Getriebene, von überwältigenden Gefühlen und Zusammenhängen Geplagte. O‘Neill hatte sie gesehen. War selbst dort, an diesen Orten gewesen. Es war „realistisches“, intensives Theater, ernsthaft, tragisch. O‘Neill zeigte mehr von der Wirklichkeit als bisherige amerikanische, melodramatische und auf Unterhaltung ausgerichtete Stücke, wie er sie ihn seiner Kindheit und bei seinem zum kommerziellen Erfolg geneigten Vater kennengelernt hatte. Und woher kam es, das der Gang der Dinge, von Menschenleben, ein so tragischer war? Dass sich Schicksale mit grausamer, monströser Bestimmtheit entfalteten?

O‘Neill blickte nicht nur auf gesellschaftliche Umstände, sondern sah und zeigte – auch hierbei furchtlos – die Antworten zunehmend noch auf anderen Ebenen: In Friedrich Nietzsches Zweifel am souveränen Vernunft-Menschen und in der Psychoanalyse Sigmund Freuds, die auf übermächtige Untiefen der Psyche verwies. Die von Verlangen, Schuld und Verletzung getriebenen Charaktere O‘Neills, ihre Handlungen und verstrickungsartigen Beziehungen, waren auch neurotischer Natur. O‘Neill kannte die Griechische Tragödie. Er brachte sie in das amerikanische Theater. Gerade seine letzten, noch einmal ganz hoch gehandelten Dramen, „Ein Mond für die Beladenen“ („A Moon for the Misbegotten“), „Der Eismann kommt“ („The Iceman Cometh“) von 1946 oder, zehn Jahre später veröffentlicht, „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ („Long Day´s Journey into Night“), rückten dabei auch sein eigenes Leben, seine Familie und Kindheit, die so sehr an ihm gezehrt hatten, noch deutlicher in das Bild. Auch O´Neills dramatische Techniken der Inszenierung, der Einsatz  – wie in der antiken Tragödie – von Masken z.B., waren innovativ und ebneten den Weg für weitere Strömungen im amerikanischen Theater des 20. Jahrhunderts.


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Eugene O‘Neill starb am 27. November 1953 in Boston. In seinem Familienleben war leider nie Frieden eingekehrt. Er hatte noch zwei weitere Male geheiratet, und zwei seiner drei Kinder, seine beiden Söhne, hatten sich das Leben genommen.


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Verfasst von: Marius Prill

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