Schürzenjäger und Schachmaschine

Jose Raul Capablanca auf kubanischer Briefmarke von 2008Während die Gegner Schnelligkeit und Akkuratesse seines Spiels fürchteten, ließen seine Eleganz und tadellosen Manieren das weibliche Publikum nicht unbeeindruckt, sodass sich José Capablanca nach Abschluss einer Partie meist von zahlreichen Verehrerinnen umringt fand, die ihm gefällig Süßes darboten. Wer war dieses Ausnahmetalent, das während eines Dezenniums, von 1914 bis 1924, nur eine einzige Schachpartie verloren hat und heute seinen 125. Geburtstag feiert?

José Raúl Capablanca y Graupera erblickte am 19. November des Jahres 1888 in Havanna als zweites Kind von José María Capablanca Fernández und María Graupera Marín das Licht der Welt. Schon früh kam er mit dem „Spiel der Könige“ in Berührung, denn sein Vater, ein Offizier im Dienste Spaniens, lud regelmäßig Freunde und Amtskollegen zu einer gemeinsamen Partie ein. An einem dieser Abende beobachtete der inzwischen Vierjährige, wie sein Papa gegen General Loño einen unerlaubten Zug machte, und bezichtigte ihn – der Gast hatte sich bereits verabschiedet – naseweis der Mogelei. Auf die Frage, ob er denn überhaupt schon etwas vom Schachspiel verstünde, da er ja noch nicht einmal in der Lage sei, die Figuren richtig aufzustellen, entgegnete ihm der Knirps furchtlos, dass er ihn schlagen könne. Der Wunderknabe hielt Wort und gewann die erste Partie seines Lebens.

Jose Raul Capablanca auf kubanischer Briefmarke von 1982José durfte den Vater fortan in den Schachclub begleiten, und es gelang ihm dort mühelos alle Gegner – sie spielten ohne ihre Dame – zu besiegen. Noch während seiner Schulzeit errang er mit 13 Jahren gegen Juan Corzo den Titel des kubanischen Schachmeisters. Nachdem Capablanca 1905 die Eingangsprüfung an der Columbia University in New York mit Leichtigkeit absolviert hatte, begann er Chemie zu studieren, blieb aber in den Vorlesungen ein seltener Gast, den Manhattan Chess Club besuchte er dagegen ungleich häufiger. Er nimmt dort am 6. April 1906 an einem Blitzturnier teil, bei dem er völlig überraschend den damaligen Weltmeister Emanuel Lasker schlägt: „Junge, du bist bemerkenswert, weil dir nicht ein Fehler unterlaufen ist!“ Diese spielerische Präzision trug ihm sehr bald den Spitznamen „Schachmaschine“ ein.

Der deutliche Triumph über den US-Meister Frank Marshall (1909) ermöglichte Capablanca die Teilnahme am ersten großen internationalen Schachturnier in San Sebastián (1911), bei dem die weltbesten Spieler versammelt waren: Mit 6 Siegen, 1 Niederlage und 7 Remisen verwies er die gesamte Schachelite auf die Plätze. Seine großartigen Erfolge öffneten ihm die Türen zu einer einträglichen Ämterlaufbahn, denn er trat 1913 in den diplomatischen Dienst Kubas ein, und erhielt dadurch die Möglichkeit, sich weltweit nach ebenbürtigen Gegnern umzusehen.

Jose Raul Capablanca auf kubanischer Briefmarke von 19511914 wurde in St. Petersburg ein offizielles Kandidatenturnier für den Kampf um die Weltmeisterschaft ausgetragen. Da aber bis 1948 die Festsetzung der Wettkampfmodalitäten allein dem Titelverteidiger oblag, wurde vereinbart, dass der immer noch amtierende Lasker nur dann bereit wäre, um die Meisterschaft zu spielen, wenn er aus diesem Turnier nicht als Sieger hervorginge. Vier Partien vor Turnierende führte Capablanca noch mit einem Punkt vor Lasker, wurde aber schließlich von seinem Kontrahenten mit 13,5 : 13 Punkten geschlagen. Beim Abschluss des Turniers verlieh Zar Nikolaus II. den fünf besten Spielern erstmals den Titel „Großmeister des Schachs“. Ungeachtet dieser Niederlage versuchte Casablanca dennoch Lasker herauszufordern, der ihm aber immer wieder inakzeptable Bedingungen stellte.

Laskers Niederlage auf kubanischer Briefmarke von 1951Erst als ein Preisgeld in Höhe von 20 000 $ bereitgestellt wurde, willigte Lasker ein. Den langersehnten Kampf um die Weltmeisterschaft in Havanna (1921) gewann Capablanca mühelos, da dem inzwischen 53-Jährigen Lasker die große Hitze Kubas zu Schaffen machte. Als diesem zwei Fehler in Folge unterliefen, entschloss er sich, frühzeitig aufzugeben. Unter dem günstigen Stern der errungenen Weltmeisterschaft heiratete Capablanca im gleichen Jahr Gloria Simioni y Betancourt, die Tochter einer angesehenen Familie aus Havanna.

Jose Raul Capablanca auf jugoslawischer Briefmarke von 1995Erst 1927 wurde wieder ein Kandidatenturnier in New York organisiert, das Capablanca für sich entscheiden konnte. Alexander Aljechin wurde Zweiter und erwarb dadurch das Recht auf den WM-Titelkampf. Als dieser 1927 in Buenos Aires stattfandt, gewann Aljechin mit 18,5 : 15,5 (bei 25 Remisen) deutlich, da er sich jahrelang auf den Wettkampf vorbereitet und Capablanca ihn einfach unterschätzt hatte. Vergeblich forderte Capablanca eine Revanche, da Aljechin einem Rückkampf bewusst aus dem Weg ging, indem er die Herausforderungen anderer Spieler bevorzugte. Noch 1922 hatte José Raúl Capablanca erstmals versucht, klare Regeln (sog. „London Rules“) für Weltmeisterschaftskämpfe einzuführen, die aber unter dem neuen Weltmeister ihre Gültigkeit wieder einbüßten. Auch in der Folgezeit erzielte er überragende Ergebnisse und feierte 1938 in Paris seinen letzten Turniersieg. Seine letzte offizielle Partie spielte er 1939 während der Schacholympiade in Buenos Aires und erreichte dabei für seine kubanische Mannschaft mit 8 : 2 das beste Ergebnis. Er starb am 8. März 1942 in New York an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde in Havanna mit allen Ehren beigesetzt.

Jose Raul Capablanca auf kubanischer Briefmarke von 2008Obwohl Capablanca bis zu seinem 20. Lebensjahr kein einziges Schachbuch gelesen haben soll, und sich daher sein Schachverständnis völlig frei entfalten konnte, entwickelte er selbst keine eigene Schule. Spätere Großmeister wie Bobby Fischer, Anatoly Karpov und Mikhail Botvinnik wurden aber von seinem einzigartigen Spielstil inspiriert, der sich durch einfache, transparente Spielzüge und ein vollendetes Endspiel auszeichnete. Dass die „Schachmaschine“ aber nicht immer ohne Panne funktionierte, veranschaulicht folgende Anekdote: Capablanca, der ein notorischer Schürzenjäger war, und um dessen Liebschaften sich zahlreiche Legenden ranken, hatte bereits vor der Partie gegen Friedrich Sämisch in Karlsbad (1929) eine Dame erobert. Als er zu Beginn des Spiels von der unerwarteten Ankunft seiner Ehefrau erfuhr, unterlief ihm ein derart schwerwiegender Fehler, dass er einen Springer einbüßte und auch die gesamte Partie an Sämisch verlor.


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Verfasst von: Anatol Kraus

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