Erster Oppositionsführer der Bonner Republik

Erich-Ollenhauer-Briefmarke-2001Wer erinnert sich noch an erfolglose Kanzlerkandidaten? Einige bleiben in Erinnerung, andere eher weniger. Erinnern Sie sich noch an Erich Ollenhauer? Er war Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat in den ersten Jahren der Bonner Republik. Erich Ollenhauer wurde am 27. März 1901 in Magdeburg als das der älteste von vier Kindern geboren. Sein Vater war Maurer und trat in Erichs Geburtsjahr in die SPD ein. Geburtsort und Datum sind schicksalhaft: Er gehörte der doppelt überflüssigen Jugendgeneration der Weimarer Republik an. Einerseits waren die Angehörigen dieser Jahrgänge zu jung, um in den Ersten Weltkrieg ziehen zu können. Und im Erwachsenwerden wurden sie dann mit den Krisen und Turbulenzen der Weimarer Republik konfrontiert. Gerade die jüngeren waren bei Massenentlassungen oft die ersten, die betroffen waren. Verunsicherungen auf dem Arbeitsmarkt treffen in jungen Jahren besonders. Es ist kein Zufall, dass diese durch die harten Kämpfe der Weimarer Republik geprägte Generation einige politisch besonders kontroverse Geister hervorgebracht hat. In dieses Bild passte Erich Ollenhauer als der solide Parteiarbeiter, der manchmal auch etwas zu zahm gewirkt haben dürfte, nicht so recht hinein.

Nach dem Abschluss der Volksschule wollte er eigentlich Lehrer werden. Die finanziellen Mittel der Eltern reichten aber nicht aus, ihrem Sohn diese Ausbildung zu ermöglichen und so musste sich der junge Erich einen Beruf suchen, wo er sofort eigenes Geld verdienen konnte. Nach dem Abschluss einer kaufmännischen Lehre trat er ein Volontariat bei der „Volksstimme“ in Magdeburg an. Als Redakteur arbeitete er bei dieser Zeitung bis 1928. Mit dem Beginn des Volontariats bei diese eher SPD-nahen Tageszeitung begann seine politische Karriere. Neben der Berufsausbildung begann er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend zu engagieren, schließlich trat er 1918 in die SPD ein. Neben der SPD arbeitete er noch in diversen sozialistischen Jugendinitiativen mit, die sich 1922 schließlich zur Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) vereinigten. Ab 1928 wurde die SAJ vom Vorsitzenden Erich Ollenhauer als SPD-loyale Jugendorganisation geführt. Es begann nun auch die Karriere des loyalen Parteiarbeiters, allerdings sollte sich diese Loyalität auch oft im Schatten großer Vorsitzender wie Kurt Schumacher abspielen.

Nach der Nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 floh er zunächst nach Prag, dann nach London. Hier arbeitete er an der Gründung eines Exil-Parteivorstandes der SPD mit. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde bei der ersten Bundestagswahl 1949 in den Bundestag gewählt. Bei der Bundestagswahl 1953 trat er erstmalig als Kanzlerkandidat an, ebenso bei der folgenden Wahl. Auf einen dritten Anlauf verzichtete er schließlich.

Das politische Programm der SPD, wie es Ollenhauer prägte, liest sich im Nachhinein kurios: „Nein“ zur Westintegration und „Ja“ zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die politische und ökonomische Bindung an die westlichen Nachbarstaaten – wie sie heute selbstverständlich erscheint – , war damals recht umstritten. Eine Wiedervereinigung mit der zukünftigen Verpflichtung zur Neutralität, wie Österreich nach 1945, war eine Option, über die durchaus spekuliert werden konnte. Im Nachhinein scheinen diese Pläne jedoch eher unrealistisch. Obwohl einige Programmpunkte aus seiner Feder gestammt haben dürften, blieb Ollenhauer im Schatten des Parteivorsitzenden Kurt Schumacher.

Wenige Tage nach seinem Tod am 14. Dezember 1963 wurde er mit einem Staatsakt im Plenarsaal des Bundestages geehrt. In vielen Städten wurde Erich Ollenhauer in der Bundesrepublik geehrt. Die Bilanz seines politisches Schaffens wird jedoch zwiespältig beurteilt. Neben der Würdigung der Rolle des treuen Parteifunktionärs stellen sich Kritiken an seiner unrealistischen politischen Programmatik. Oft war er auch das Ziel für Spott: Der Politologe Franz Walter beschrieb ihn als den möglicherweise farblosesten aller Kanzlerkandidaten der Bundesrepublik. Als der personalisierte Verlierertyp des damaligen Politikbetriebes , behäbiger Pfeifenraucher und Träger einer Hornbrille war er der Lieblingsopfer von Karikaturisten und spöttischen Journalisten.


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Verfasst von: Martin Gloger

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