„Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“

Philip Reis auf Briefmarke von 1984

Elisabeth von Janota-Bzowski entwarf die Briefmarke zum 150. Geburtstag von Philip Reis, MiNr. 1198.

„Eine erstaunliche Erfindung. Aber wer sollte sie jemals benutzen wollen?“ Mit diesen Worten kommentierte der amerikanische Politiker Rutherford B. Hayes, der 1877 seine vierjährige Amtszeit als US-Präsident antrat, im 19. Jahrhundert die Erfindung des Telefons. Heute ist ein Leben ohne Telefon und Handy undenkbar. Vor 180 Jahren wird Johann Philipp Reis, Sohn eines Bäckermeisters in Gelnhausen geboren. Da er in jungen Jahren verwaist, wächst der spätere Physiker bei seinem Onkel auf. Der neue Vormund verwehrt ihm eine akademische Bildung, weshalb Reis einen kaufmännischen Beruf erlernen muss. Neben seiner Lehre als Farbenhändler nimmt er jedoch Privatstunden in Mathematik und Physik, weshalb er bereits mit 17 Jahren Mitglied des Physikalischen Vereins der Stadt Frankfurt wird. Bereits während seiner Berufsausbildung zeigt sich Reis am Problem der Übertragung menschlicher Sprache durch Elektrizität interessiert. Nachdem er seine Lehre absolviert hat, beschäftigt er sich jedoch zunächst mit pädagogischen Fragen der Naturwissenschaft, was ihm 1858 eine Anstellung als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften einbringt.

1860 unternimmt der Wissenschaftler erste Versuche zur Übertragung von Tönen mit Hilfe des Stroms. Das menschliche Ohr dient ihm als Vorbild für sein Mikrofon. Nachdem er das Hörorgan des Menschen intensiv studiert hat, unternimmt er den Versuch einer ersten Nachbildung. Das Trommelfell ersetzt er durch ein Stück Schweinedarm. Neben einem Mikrofon benötigt Reis für seine Erfindung außerdem einen Lautsprecher. Eine Stromspule kombiniert er mit einer Stricknadel, um den ersten Lautsprecher herzustellen. Wenn Reis nun Strom durch die Spule fließen lässt, beginnt die Stricknadel zu schwingen, sodass Töne entstehen. Seine Erfindung, die er Telefon benennt, präsentiert der Naturwissenschaftler am 26. Oktober 1861 im Physikalischen Verein Frankfurt. Sein Vortrag erscheint im Jahresbericht des Vereins.

Philip Reis auf Briefmarke von 1952

1952 wurde der Erfinder des Fernsprechers erstmalig auf Briefmarke geehrt, MiNr. 161.

Die Anekdote über die erste, öffentliche Erprobung der Erfindung brachte ein noch heute bekanntes geflügeltes Wort hervor. Um seinen Apparat zu testen, nimmt Reis vor einem Publikum Verbindung mit seinem Schwager auf. Die Worte sollten keineswegs erkannt werden, weshalb man auf kein alltägliches Gespräch zurückgreifen will. Sein Verwandter liest deshalb den Auszug eines Buches vor, den Reis vor den versammelten Menschen laut wiederholt. Ein Lehrerkollege, der sich im Publikum befindet, bezweifelt die Funktionalität der Erfindung. Er behauptet, Reis kenne das Buch. Der Skeptiker begibt sich selbst in den Raum, in dem sich der Schwager befindet und spricht in den Apparat die Worte „Die Sonne ist von Kupfer“ und „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“. Reis denkt zwar, dass die Sonne aus Zucker wäre und er vernimmt nicht genau, was das Pferd verzehrt, ansonsten versteht er jedoch das Gesagte. Der Satz „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ ist noch heute als erster durch einen Fernmeldeapparat gesprochener bekannt.

Telefon von Philip Reis auf Briefmarke der DDR von 1989

Auch die DDR widmete sich philatelistisch der Erfindung von Reis, etwa mit MiNr. 3226.

Insgesamt erweist sich die Erfindung jedoch als ungeeignet für die Übertragung der menschlichen Sprache, wenn diese Versuche aber auch bewiesen haben, dass einzelne Worte wahrnehmbar sind. Reis gelingt es deshalb auch nicht, den Herausgeber der renommierten „Annalen der Physik“ davon zu überzeugen, die Meldung über seine Erfindung zu veröffentlichen. In den Folgejahren verbessert der Erfinder deshalb seine Neuschöpfung nach und nach. Für Demonstrationszwecke in physikalischen Vorträgen fertigt der Mechaniker Johann Valentin Albert sogar einige erste Telefone. Zu Lebzeiten des Wissenschaftlers werden jedoch nur einzelne Exemplare gekauft. Das Potential der Erfindung wird bis zu Reis‘  Tod am 14. Januar 1874 in Friedrichsdorf weder vom amerikanischen Präsidenten Hayes noch vom Rest der Welt erkannt.

Heute wird der Wissenschaftler hingegen mehrfach geehrt. Der Bundespostminister Hans Schuberth stiftet am 26. Oktober 1952 die Philipp-Reis-Plakette, die Persönlichkeiten, welche auf dem Gebiet des Fernmeldewesens herausragende Leistungen erbracht haben, ehrt. Der Tag wurde gewählt, da sich der Vortrag Reis‘ über den ersten Funkfernsprecher im Physikalischen Verein am 26. Oktober jährt. Die deutsche Telekom sowie der Geburts- und Sterbeort des Erfinders verleihen darüber hinaus alle zwei Jahre den Johann-Philipp-Reis-Preis, der für Verdienste in der Nachrichtentechnik verliehen wird.


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Verfasst von: Stefanie Dieckmann

2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Anonymus at 16:32

    Zitat aus dem Text:

    „Vor 120 Jahren wird Johann Philipp Reis, Sohn eines Bäckermeisters in Gelnhausen geboren.“

    Reis wurde 1834 geboren. Nur ein Tippfehler mit den „120“ Jahren oder einfach mal einen alten Text – ohne Quellenangabe / Zitatnachweis – hergenommen?

    • Torsten Berndt at 21:41

      Sehr geehrter Herr Anonymus,

      Danke für den Hinweis!

      Der Fehler ist korrigiert. Natürlich handelt es sich um einen redaktionellen Text. Wenn wir alte Texte übernehmen würden, dann selbstverständlich mit Quellenangabe.

      Mit freundlichen Grüßen

      Torsten Berndt

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