Die Sprachkrise eines Dichters

Hugo von Hofmannsthal auf österreichischer Briefmarke  von 1974

Zum 100. Geburtstag von Hofmannthals gab Österreich das Porträt des Dichters heraus, MiNr. 1438.

Sein „Jedermann“ wird bei den Salzburger Festspielen in jedem Jahr gespielt. Hugo Laurenz August Hofmann Edler von Hofmannsthal, der auch einer der Begründer des berühmten Theater-und Konzertfestivals war, kam allerdings nicht aus Salzburg, sondern aus Wien. Das künstlerische Umfeld der Stadt, in der von Hofmannsthal am 1. Februar 1874 zur Welt kam, stellte für den Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn einen fruchtbaren Rahmen dar. Schon als Schüler schrieb von Hofmannsthal Gedichte und auch Dramen. Er absolvierte danach zwar nicht nur ein Jura-, sondern auch ein Romanistikstudium sowie eine Promotion, und er beabsichtigte zeitweise, eine universitäre Karriere einzuschlagen. Aber bereits mit den hervorragenden Arbeiten seiner jugendlichen Schaffensphase hatte er Kontakt zu einigen anderen aktiven und prominenten Schriftstellern im Wien der Jahrhundertwende gesucht und gefunden, die ihn äußerst wohlwollend aufgenommen hatten. Einer aus diesem Kreis des „Jungen Wiens“ am Ausgang des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel Arthur Schnitzler, und der ortsansässige Schriftsteller und Kritiker Hermann Bahr hatte voll des Lobes über den jungen von Hofmannsthal unter dessen anfänglichem Pseudonym „Loris“ geschrieben. Vor allem hatte sich ein intensiver Austausch mit dem Dichter Stefan George ergeben, der Gedichte von Hofmannsthal in seinen „Blättern zur Kunst“ veröffentlicht hatte.

Von Hofmannsthal hatte schon früh auch theoretischere Fragen zur Kunst und Literatur thematisiert. Am „Fin de siècle“, im Zuge wissenschaftlicher und kulturell-gesellschaftlicher Entwicklungen, die Anlass zu Zweifeln an der Zuverlässigkeit von Erkenntnis, Wissen, Vernunft, Werten und Fortschritt gaben, hatte er Kunst und Poesie zu Beginn seiner Karriere in symbolistischer Manier eine spezifische, dezidiert nicht-realistische und -naturalistische Erfassungs-und Ausdrucksfähigkeit gegenüber der Wirklichkeit über die virtuose Verwendung von Metaphern und Symbolen zugesprochen. Zunehmend jedoch reflektierte von Hofmannsthal am Übergang zur literarischen Moderne nicht nur die Unsicherheit von Wirklichkeit und Erkenntnis. Bis hin zu einer „Sprachkrise“ angesichts der Unmöglichkeit, überhaupt noch etwas zu sagen, Dinge und Zusammenhänge mit Begriffen und Worten erfassen zu können, problematisierte er auch die Perspektivität von Sprache. Literarisch behandelt wurden diese Aspekte bei ihm im Besonderen in „Ein Brief“ von 1902, das den fiktiven Brief des „Lord Chandos“, einem Dichter, an den Philosophen Francis Bacon wiedergibt, in dem dieser eine Unfähigkeit, weiterhin zu sprechen und zu schreiben erklärt.

Hugo von Hofmannsthal Jedermann auf Briefmarke von 1995

Eine Szene aus dem „Jedermann“ zeigt die Sondermarke zum 75. Jubiläum der Salzburger Festspiele, MiNr. 2165.

Auch in diesem Zusammenhang nahm von Hofmannsthal mit Beginn des neuen Jahrhunderts Abstand von der Lyrik und wandte sich verstärkt Bühnenstücken, den Möglichkeiten szenischen und dabei auch musikalischen Ausdrucks zu. Speziell der Komponist Richard Strauss war dabei für seine künstlerische Entwicklung von Bedeutung. Mit ihm arbeitete er an mehreren Opern. Das Libretto zu „Der Rosenkavalier“ von 1911 zum Beispiel lieferte von Hofmannsthal. Und der Text zur ersten Zusammenarbeit der beiden, der Oper „Elektra“, basierte auf einem antiken Drama, mit dessen Adaption der literaturhistorisch beflissene und öfter auf ältere literarische Stoffe zurückgreifende von Hofmannsthal schon seit einigen Jahren beschäftigt gewesen war. Den Regisseur Max Reinhardt lernte von Hofmannsthal ebenfalls in den ersten Jahren des 20.Jahrhunderts kennen. Reinhardt brachte nicht nur bei den ersten Salzburger Festspielen im Jahr 1920 „Jedermann, Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ auf die Bühne, sondern inszenierte im vorausgehenden Jahrzehnt neben dem „Rosenkavalier“ zum Beispiel auch die von Hofmannsthal-Strauss-Kollaboration „Ariadne auf Naxos“.

Nach dem Krieg entwickelte von Hofmannsthal verstärkt Ambitionen, die von einer Vorstellung zur politischen Bedeutung von Literatur und Sprache geleitet waren und die er auch als kulturpolitischer Autor und Redner umsetzte. In Sprache und Literatur erkannte er die Möglichkeit einer geistigen Stiftung nationaler Identität. Mit 27 Jahren hatte von Hofmannsthal Gertrud Schlesinger geheiratet und sich mit ihr außerhalb Wiens niedergelassen. Die beiden hatten drei Kinder. Der ältere von zwei Söhnen, Franz, nahm sich im Jahr 1929 das Leben. Nur zwei Tage danach, am 15. Juli, starb Hugo von Hofmannsthal an einem Schlaganfall.


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Verfasst von: Marius Prill

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