„Gleichberechtigt sein, heißt nicht gleich sein.“

Marie Juchacz auf Briefmarke von 1969

1969 erschien Marie Juchacz im Rahmen der Blockausgabe „50 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ auf einer Briefmarke, MiNr. 596.

„Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“ Diese Worte stellen einen Teil der Rede dar, die Marie Juchacz vor genau 95 Jahren vor der Nationalversammlung in Weimar hielt. Es waren die ersten Worte, die jemals eine Frau vor einem deutschen Parlament äußerte. Die Tochter eines Zimmermeisters, die, nachdem sie als Fabrikarbeiterin, Krankenwärterin und Schneiderin tätig gewesen war, neben Clara Zetkin und Ottilie Baader 1908 der SPD beitrat, kämpfte an der Spitze der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland. Am 15. März 1879 wurde Juchacz als Tochter von Theodor und Henriette Gohlke in Landsberg geboren. Nachdem sie im Alter von 14 Jahren die Volksschule ihres Heimatortes verlassen hatte, übte sie zunächst verschiedene Tätigkeiten aus, ohne eine Ausbildung zu absolvieren. 1898 begann sie schließlich eine Lehre zur Schneiderin. In diesem Beruf war sie bis 1913 tätig.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg engagierte sie sich politisch. So übte sie 1913 die Funktion als Frauensekretärin im Parteibezirk Obere Rheinprovinz in Köln aus. Ihr Aufgabengebiet umfasste hierbei vor allem die Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum. Während dieser Tätigkeit soll es Juchacz eine bedeutende Erfahrung gewesen sein, von Sozialdemokratinnen bezüglich alltäglicher Familienprobleme um Rat gebeten zu werden.Während des Krieges, im Jahr 1917, als es zur Spaltung der Sozialdemokraten kam und sich Juchacz den Mehrheitssozialdemokraten anschloss, übergab ihr Friedrich Ebert die Stelle als Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand. Die Funktion übte zuvor Clara Zetkin aus.

Marie Juchacz auf Dauermarke 2003

Die Dauermarke „Frauen der deutschen Geschichte: Marie Juchachz“ erschien 2003, MiNr. 2305.

Eines ihrer größten Verdienste stellt die Gründung der Arbeiterwohlfahrt am 19. Januar 1920 dar. Es war ein steiniger Weg, die Wohlfahrtspflege, die sie bereits seit Jahren ausübte, zu politisieren. Die Wohlfahrtspflege nahm Interessen weiblicher Betätigungsfelder, wie Haus- und Familienarbeit, auf und bot sich deshalb als Ausgangspunkt für Frauen an, die sich politisch engagieren wollten. Der Politikerin war sehr daran gelegen, die seit Jahren ausgeübte Wohlfahrtspflege einem in der ganzen Gesellschaft anerkannten Politikbereich zuzuordnen. Daher hoffte sie, dass innerhalb der SPD die Akzeptanz der Wohlfahrtspflege zunehmen würde. Die Frauenrechtlerin erklärte zum Thema „Frauen in der Politik“ im gleichen Jahr im Parteivorstand der SPD: „Gleichberechtigt sein, heißt nicht gleich sein. Wir sollen doch mit unserm vollen Eintritt in das politische Leben nicht nur die Zahl der Wähler vermehren, sondern auch durch unseren speziellen weiblichen Einfluss zu einer Gestaltung und Bereicherung beitragen“. Der Sozialdemokrat Moritz Schlesinger half ihr bei der Verwirklichung ihres Traums, eine Arbeiterwohlfahrt zu gründen. Er konnte dem Parteivorstand die Zustimmung der Gründung abringen, da er zusagte, das Projekt zu finanzieren. Marie Juchacz hatte bis 1933 die Leitung über die Organisation inne.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, floh die Frauenrechtlerin ins Saarland. Später emigrierte sie über Paris nach Marseille. 1941 erhielt sie schließlich ein Notvisum und konnte in die Vereinigten Staaten ausreisen, wo sie 1945 die „Arbeiterwohlfahrt USA ‒ Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ gründete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützte die Organisation die Opfer des Hitlerregimes durch Paketsendungen nach Deutschland. Als Juchacz 1949 in ihr Heimatland zurückkehrt, wird sie zur Ehrenvorsitzende der AWO erklärt.
Der am 28. Januar 1956 in Düsseldorf verstorbenen Frauenrechtlerin wurden eine Vielzahl von Würdigungen zu teil. Ähnlich ihrer Mitkämpferin Clara Zetkin wurden ihr zu Ehren mehrere Straßen benannt. Briefmarken, wie die 1969 im Block „50 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ erschienene, sowie die seit 1969 vergebene Marie-Juchacz-Plakette sollen ebenso an ihr politisches Vermächtnis erinnern.


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Verfasst von: Stefanie Dieckmann

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