Weißes Gold aus Sachsen

Briefmarke zu 300 Jahren Porzellanherstellung von 2010An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert waren die Grenzen zwischen Chemie und Alchemie noch unklar. Sie waren womöglich ähnlich schwammig und überschreitbar, wie sich Johann Friedrich Böttger jene zwischen Silber und Gold erträumte. Denn dies war es, was der Mann aus Schleiz im heutigen Thüringen über weite Strecken seines Lebens zu vollbringen beabsichtigte bzw. sich schließlich zu vollbringen genötigt sah: Aus weniger Edlem Wertvolles und, wenn möglich, das Höchste, Gold nämlich, zu machen. Was Böttger zusammen mit dem im Dienst Sachsens tätigen Naturwissenschaftler Ehrenfried Walther von Tschirnhaus stattdessen gelang und ihm bis heute anhaltende Berühmtheit einbrachte, war die Herstellung von Porzellan.

Johann-Friedrich-Boettger-DDR-1950Beides, feinstes Porzellan, vor allem aber Gold, interessierte auch andere und im Besonderen auch mächtige Leute: Da die Rede von einem vermeintlichen Umwandlungserfolg Böttgers die Runde machte, laborierte der 1682 geborene Jungalchemist bereits mit unmittelbarem Beginn des neuen Jahrhunderts nur noch im fürstlichen bzw. königlichen Auftrag Friedrich August I. von Sachsens, der zugleich als August II. König von Polen war, in Dresden. Eigentlich wurde er von besagtem August dem Starken zur experimentellen Goldsuche regelrecht gezwungen und kam nicht wirklich freiwillig von Berlin, wo er eine Ausbildung zum Apotheker gemacht hatte, nach Sachsen. Wäre Böttger in Preußen geblieben, hätte ihn Friedrich I. dort vermutlich in ähnlich resoluter Weise zur Goldproduktion abkommandiert, wie es dessen sächsisches Pendant fortan tun sollte. Denn auch Friedrich hatte von der angeblichen chemisch-alchemistischen Meisterleistung des knapp 20-jährigen gehört und Anspruch auf seine scheinbaren Künste angemeldet.

Briefmarke zu Johann Friedrich Boettgers 300. Geburtstag 1982Als es 1705 unter Aufsicht von Dresden nach Meißen ging, tüftelte an Böttgers Seite nicht nur von Tschirnhaus, sondern auch der aus der Region stammende Bergbau- und Hüttenexperte Gottfried Pabst von Ohain. Und wenngleich sie August wiederum wenige Jahre später und nunmehr zurück in Dresden kein Gold vorlegen konnten, hatten die drei mit dem ersten nicht auf chinesischem oder auch japanischem, sondern europäischem Boden gefertigten, bei besonders hohen Temperaturen gebrannten Hartporzellan ein Edelmaterial im Angebot, das den nach Ergebnissen dürstenden, prunkfreudigen und zudem porzellanliebenden Monarchen versöhnlich stimmte. Speziell über die systematische Umsetzung des von ihnen entdeckten „Rezeptes“ für nicht mehr nur rotes, sondern auch weißes Porzellan in einer auf der Meißener Albrechtsburg angesiedelten, unter höchster Geheimhaltung betriebenen Manufaktur, so verfügte es der starke August, sollte Böttger persönlich wachen.

Ab 1710 stellte man dort das Meißener Porzellan her, welches zwar nicht lange alleine auf dem Markt blieb, jedoch von höchster Qualität war und noch heute weltbekannt ist. Ob dabei eher Böttger oder doch der 1708 verstorbene Tschirnhaus als Urheber gelten soll, ist eine durchaus diskutierte Frage.
Böttger, dem die jahrelange Laborarbeit mit in Öfen erhitzten Stoffen und dabei erzeugten Dämpfen wahrscheinlich in fataler Weise zugesetzt hatte, starb nur fünf Jahre nachdem ihn der schinderische Fürst schließlich aus der obwohl teilweise nicht unkomfortablen, für ihn aber nichtsdestotrotz durchgehend gefängnismäßigen Goldforschung und Porzellanfertigung in die Freiheit entlassen hatte, am 13. März 1719 im Alter von nur 37 Jahren. Für die Entdeckung des „Weißen Goldes“ hatte er einen hohen Preis bezahlt.

Johann Friedrich Boettgers 300. Geburtstag auf Blockausgabe der DDR von 1982


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Verfasst von: Marius Prill

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