Der Homer der Provence

Am 16. Juni 2004 gab Monaco zum 100. Jahrestag der Verleihung des Nobelpreises an Frédéric Mistral eine Briefmarke heraus, MiNr.: 2702.

Am 16. Juni 2004 gab Monaco zum 100. Jahrestag der Verleihung des Nobelpreises an Frédéric Mistral eine Briefmarke heraus, MiNr.: 2702.

Die reiche Mirèio und Vincent, ein mittelloser Korbflechter, hegen tiefe Gefühle füreinander. Die Eltern des Mädchens wollen die Verbindung mit allen Mitteln verhindern. Doch die Versuche, ihr Kind mit anderen Freiern zusammen zu bringen, misslingen. Marèio ist todunglücklich über die Reaktion ihrer Eltern bezüglich ihres Geliebten. Sie durchquert das Land, um nach Les Saintes-Maries-de-la-mer zu eilen. Dort will sie die drei Marien anflehen, den Segen des Himmels für ihre Liebe zu erhalten. Doch aufgrund der Anstrengung in der Gluthitze erleidet sie einen Sonnenstich. In der Kirche, von ihren Eltern und ihrem Geliebten umgeben, stirbt sie in unendlichem Schmerz. Dieses tragische Epos, das Frédéric Mistral in den Jahren 1851 bis 1858 verfasste, erlangte als ein Werk neuprovenalischer Dichtkunst Weltruhm. Dem heute vor 100 Jahren verstorbenem Poeten gelang damit eine Wiederbelebung der provenzalischen Sprache und Kultur.

Frédéric Mistral 1941 auf französischer Briefmarke, MiNr.: 506.

Frédéric Mistral 1941 auf französischer Briefmarke, MiNr.: 506.

Am 8. September 1830 wird Mistral als Sohn eines wohlhabenden Farmers in Maillane bei Arles geboren. Seine religiöse Mutter lehrt ihn, die Liebe zu den Volksliedern und den Legenden der Provence zu entdecken und zu bewahren. Während seiner Schulzeit in Avignon lernt er den Hilfslehrer Roumanille kennen. Die im provenzalischen Dialekt verfassten Gedichte seines neuen Freundes beeindrucken den Jungen. Bereits in jungen Jahren ist auch Mistral sehr daran gelegen, das Provenzalische wieder zur Schriftsprache zu erheben, weshalb er gemeinsam mit Roumanille den Bund „Félibrige“ ins Leben ruft. Nach seinem Rechtsstudium in Aix-en-Provence kehrt er 1851 in sein Heimatdorf zurück.

Zurück in seinem Elternhaus fasst er den Entschluss, sein Leben ganz einer Renaissance der provenzalischen Sprache, Literatur und Kultur zu verschreiben. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Roumanille, Théodore Aubanel, Jean Brunet, Paul Giéra, Remy Marcellin und Anselme Mathieu setzt er all seine Energie in dieses Vorhaben. Ab dem Jahr 1855 erscheint ein populärer, jährlicher Almanach, der Informationen über die Provence und deren Literatur zusammenträgt, „L’Armana prouvencau“.

1858 vollendet Mistral sein wohl größtes Werk „Mirèio“, mit dem er später als „Homer der Provence“ gefeiert wird. Der französische Komponist Charles Gounod greift die Erzählung auf und wandelt den Stoff in eine Oper um. Dem Poeten Adolphe Dumas imponiert das Epos so enorm, dass er Mistral dem Lyriker Alphonse de Lamartine vorstellt, der ihn als neuen Vergil feiert und meint „Ein Land ist ein Buch geworden“. Die Sprache und Kultur der Provence ist damit durch Mistral wieder in aller Munde und erlebt, wie der Poet es sich gewünscht hat, eine Renaissance. Die Organisation „Félibrige“ wird von den Pyrenäen bis zu den Alpen bekannt. Ab dem Jahr 1863 arbeitet Mistral an einem Provenzalisch-Französischen Lexikon, weshalb die Sprache der Provence noch weiter verbreitet wird.

Im Jahr 1876 heiratet der Schriftsteller Marie Riviére von Dijon. Doch damit endet sein literarisches Schaffen keineswegs. In den kommenden Jahren publiziert er eine Vielzahl von Gedichten, Nouvellen und Epen. 1904 wird sein literarisches Werk schließlich mit dem Nobelpreis geehrt.

Zum 150. Geburtstag von Frédéric Mistral brachte Frankreich 1980 eine Briefmarke mit dem Bildnis des Poeten heraus, MiNr. 2219.

Zum 150. Geburtstag von Frédéric Mistral brachte Frankreich 1980 eine Briefmarke mit dem Bildnis des Poeten heraus, MiNr. 2219.

Mistral ist neben seinem schriftstellerischen Schaffen auch als Journalist und Publizist tätig. Er schreibt Reden, Briefe und Vorworte. Einige dieser Schriften erscheinen 1906 in der Sammlung „Discours e dicho“. Ein Großteil seiner Korrespondenz bleibt jedoch unveröffentlicht. Des Weiteren liegt sein Augenmerk auf linguistischen Forschungen. Er ist sehr daran interessiert, mehr Gemeinsamkeiten zwischen den auf dem Lateinischen begründeten Sprachen zu finden. Außerdem gründet er seine eigene Zeitung sowie das Arles Museum des provenzalischen Lebens und der provenzalischen Kultur.

Mistral widmet sein Leben der Literatur und Kultur seiner Heimat. Ihm gelingt es, die Lebensart einer Region in Frankreich und durch sein größtes Werk „Mirèio“ sogar in der ganzen Welt populär zu machen. Seine Hinterlassenschaft besteht neben einer enormen Menge von literarischem Material auch in der Rückbesinnung auf ein regionales Denken, das in einer zentralistisch-geprägten Gesellschaft durchaus existieren kann.


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1. Auflage, 144 Seiten, kartoniert
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Verfasst von: Stefanie Dieckmann

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