Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit

Zum 100. Geburtstag Wittgenstein brachte Österreich eine Briefmarke zu Ehren des Philosophen heraus, MiNr. 1952.

Zum 100. Geburtstag Wittgenstein brachte Österreich eine Briefmarke zu Ehren des Philosophen heraus, MiNr. 1952.

Vor genau 125 Jahren beginnt das Leben Ludwig Josef Johann Wittgensteins in Neuwaldegg in der Nähe von Wien. Er wird der Nachwelt bedeutende Beiträge in der Philosophie der Logik und der Sprache hinterlassen. Sein Leben wird von Kriegen, Freundschaften, Selbstzweifeln, familiärer Liebe und Tragödien, Musik, Literatur und Kunst geprägt sein. All diese Gesichtspunkte werden das Werk des bedeutenden Österreichers ausmachen, der die Fragen, die er sich als Philosoph stellte, wie eine Krankheit behandelte.
Sein Vater Karl, die dominierende Figur in der Familie, hatte es durch die Stahlindustrie zu enormen Wohlstand gebracht. Seine Mutter fiel gegenüber dem Vater lediglich durch ihr meisterliches Klavierspiel auf. Mehrere Tragödien prägten das Familienleben. Vier der sieben Geschwister des späteren Philosophen begingen Selbstmord. Der Lebenswille Paul Wittgensteins, des jüngsten Bruders Ludwigs, konnte hingegen nicht gebrochen werden. Der Klaviervirtuose spielte, nachdem er seinen rechten Arm 1914 im Ersten Weltkrieg verloren hatte, weiterhin schwierigste Stücke mit nur einer Hand. Neben der Musik, der auch Ludwig nachging, spielte in der Familie auch die Kunst und die Literatur eine große Rolle. In der Lektüre erster Werke erkannte Ludwig bereits seinen Hang zur Philosophie. Die Schriften der österreichischen Autoren Ferdinand Kürnberger und Johann Nestroy legten den Grundstein der Mottos seiner Hauptwerke, „Die Logisch-Philosophische Abhandlung“ und „Die Philosophischen Untersuchungen“.
Trotz schlechter schulischer Leistungen erwarb Ludwig die Matura, um an einer Universität dem angestrebten Studium der Ingenieurwissenschaften nachzugehen. Bis zum Ende seines Lebens begeisterten den technisch begabten Ludwig klar durschaubare Maschinen. Nach drei Semestern an der Berliner Hochschule, in denen er die Grundkurse fleißig besuchte und viele Abende in der Oper verbrachte, wechselte Ludwig an die sehr viel kleinere Universität von Manchester. In England widmete sich Wittgenstein nun dem selbständigen Experimentieren sowie theoretischen Fragen, die über den Rahmen seines Studienganges hinausgingen. Er nahm Kontakt zu einem Philosophielehrer auf und beschäftigte sich mit grundlegenden, mathematischen Problemen. 1912 immatrikulierte sich Wittgenstein schließlich in Cambridge, um dort Philosophie zu studieren. Er lernte dort David Pinsent kennen, zu dem er eine intensive Freundschaft entwickelte. Freundschaften prägten das Leben Wittgenstein. Zwar tat er sich schwer mit Äußerungen von Mitmenschen umzugehen, die ihm nicht behagten, brauchte er jedoch stets Menschen in seiner Nähe. Lernte er jemanden kennen, zu dem sich eine Freundschaft entwickelte, wurde dieser alsbald der Familie vorgestellt und in diese eingeführt.
Der Briefverkehr zwischen den beiden jungen Männern lieferte die ersten philosophischen Äußerungen Wittgensteins. Nach einigen Reisen Ludwigs und Davids, in denen Wittgenstein neue Länder entdeckte und lieben lernte, ließ sich der junge Philosoph in Norwegen nieder. In seinem Quartier in Skjolden entstand schließlich das erste Manuskript. Nach dem Tod des Vaters 1913 kehrte Ludwig im Juli 1914 wieder nach Wien zurück. Sofort nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Wittgenstein freiwillig zum Militärdienst. Er zeichnete sich durch sein technisches Geschick und durch seine Tapferkeit aus, weshalb er bei den Vorgesetzten sehr beliebt war. Seine Kriegstagebücher dokumentieren jedoch, dass Wittgenstein unter Angstzuständen litt. Auch an schlimmen Kriegstagen gelang es Ludwig zu schreiben und seine philosophischen Gedanken niederzuschreiben.

In Belgien erschien 2001 zur Jahrtausendwende ein Satz, der auf wichtige Personen und Ereignisse des 20. Jahrhundert zurückblickt. Darunter der Philosoph Wittgenstein, MiNr. 3093.

In Belgien erschien 2001 zur Jahrtausendwende ein Satz, der auf wichtige Personen und Ereignisse des 20. Jahrhundert zurückblickt. Darunter der Philosoph Wittgenstein, MiNr. 3093.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1919 bemerkten seine Mitmenschen eine Veränderung Wittgensteins. Er schenkte das Vermögen seines Vaters seinen Geschwistern und widmete sich der Mystik. Ihm gelangen nun erste Veröffentlichungen. In der Zeitschrift „Annalen der Naturphilosophie“ erschien 1921 ein Artikel Wittgensteins. Ein Jahr später brachte er sein erstes Buch, „Die Abhandlung“, heraus. Während dieser Zeit arbeitete er außerdem als Volksschullehrer in verschiedenen Dörfern Niederösterreichs. Seine Lehrmethoden ‒ er versuchte den Kindern Algebra beizubringen und zeigte sich im Unterricht äußerst streng ‒ stießen bei den Eltern auf Unverständnis. Nachdem ein Schüler nach einer Züchtigung 1926 erkrankte, gab Wittgenstein den Dienst auf. Bevor er 1929 wieder nach England und zur Philosophie zurückkehrte, war er in Österreich als Gärtner und Architekt tätig. Mit seiner „Logisch-Philosophischen Abhandlung“ erlangte Wittgenstein schließlich den Doktortitel. Im Januar 1930 hielt er, zunächst im Hörsaal, dann in seiner eigenen Wohnung oder in Wohnungen seiner Studenten erste Vorlesungen. Rege Diskussionspassagen und lange Vorträge wechselten sich dabei ab. Mit Widersprüchen konnte Wittgenstein jedoch schwer umgehen. Hatte ein Hörer einen Einwand bezüglich einer seiner Aussagen, musste dieser kleinlich ausformuliert werden. Im Jahr 1931 quälten den Philosophen Selbstzweifel. Er beschäftigte sich mit dem jüdischen Teil in sich, war sein Vater und seine Mutter doch jüdischer Abstammung. Außerdem zweifelte er an seinem Talent. Er vermutete lediglich sehr produktiv, jedoch nicht begabt zu sein, entstanden doch in der Zeit in Cambridge eine Vielzahl von Schriften. Diese verfasste er teilweise nicht selbst. Eine Gruppe von Anhängern unter seinen Studenten zeichneten die diktierten Gedanken, die Wittgenstein in seinen Vorlesungen formulierte, auf.
Im Zweiten Weltkrieg übte er seine Lehrtätigkeit zunächst weiter aus, bis er 1941 die Arbeit an einem Londoner Krankenhaus aufnahm. 1943 schloss er sich einer medizinischen Forschungsgruppe in Newcastle an, weshalb er seine Lehrtätigkeit in Cambridge zunächst beendete. Ab 1944 entfernte er sich immer mehr von der Philosophie der Mathematik, um sich der Philosophie der Psychologie anzunähern. 1944-47 absolvierte er seine letzten Jahre an der Universität Cambridge, bevor er beschloss, sich ganz und gar der Philosophie zu widmen. Am 29. April 1951 stirbt Wittgenstein an einer Krebserkrankung in Cambridge.


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Verfasst von: Stefanie Dieckmann

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