Reformation in Genf: Calvin, der Strenge

Briefmarke Johannes Calvin 2009

Zum 500. Geburtstag des Reformators erschien die MiNr. 2744.

Neben Martin Luther und Ulrich Zwingli ist der 1509 im französischen Noyon geborene Johannes Calvin eine der berühmten Figuren der Reformation, die im 16. Jahrhundert zu einer konfessionellen Spaltung des christlichen Glaubens in die Römisch-Katholische und die Evangelische Kirche führte. Bei der Herausbildung der protestantischen Evangelisch-Reformierten Kirchen spielten die religiösen Ansichten und theologischen Lehren Johannes Calvins eine entscheidende Rolle. Nach einem schließlich zur Exkommunikation führenden Konflikt seines Vaters, der in der bischöflichen Verwaltung beschäftigt war, mit der Kirche wich der noch keine 20 Jahre alte, zu dieser Zeit noch seinen Geburtsnamen Jean Cauvin tragende Calvin von einer eigentlich für ihn bestimmten priesterlichen Karriere ab.

Briefmarke Johannes Calvin Frankreich

In Frankreich wurde Jean Calvins 500. mit der MiNr. 4685 gewürdigt.

An verschiedenen französischen Universitäten widmete er sich stattdessen rechtwissenschaftlichen Studien und ließ sich außerdem von humanistischen Gedanken beeinflussen, die zu dieser Zeit manchen jungen Gelehrten zu mehr kritischer Schriftenlektüre und selbstständigerer Reflexion anregten. Calvin begann sich im Zuge dessen bald speziell für zeitgenössische Reformansätze zu interessieren, die sich auf den christlichen Glauben und die Kirche richteten und in sowie von Deutschland aus durch Martin Luther vertreten wurden. Zu Beginn der 1530er-Jahre versuchte er schon seinerseits, derartige Ideen zu verbreiten, und nachdem man ihn in Paris u. a. als Urheber einer öffentlich gehaltenen, als ketzerisch erachteten Rede identifiziert hatte, musste er aus der Stadt, ja schließlich aus dem Land fliehen.

Briefmarke-Johannes-Calvin-Schweiz

In der Schweiz erschien der Reformator auf MiNr. 2092.

1536, Calvin war mittlerweile in die Schweiz migriert, wurde mit der in den folgenden Jahren immer wieder erweiterten „Institutio Christianae Religionis“ eine schriftliche und systematische Darlegung seiner reformierten Theologie veröffentlicht. Wenngleich auf Auseinandersetzungen mit dem Genfer Rat eine neuerliche, zeitweilige Ausweisung folgte, fand Calvin in der Schweizer Stadt, die u. a. durch ein gegenüber kirchlicher Autorität erstarkendes Bürgertum bereits für die Reformation geöffnet war, eine günstige Situation für die Umsetzung seiner Vorstellungen vor. Mittlerweile verheiratet, kehrte er denn auch schon bald, das fünfte Jahrzehnt des Jahrhunderts hatte gerade begonnen, nach Genf zurück, um seine weitreichenden Ideen einer reformierten Gemeinde nun weitgehend zu verwirklichen. Zudem verkündete er den reformierten Glauben calvinscher Prägung bis zu seinem Tod am 27. Mai 1564 mit stetigem Predigen sowie der Gründung einer ortansässigen Akademie auch über die Stadtgrenzen hinaus.

Briefmarke Johannes Calvin 1964

1964 erschien Calvins Porträt zur Tagung des Weltbunds auf Briefmarke, MiNr. 439.

Wie die Reformatoren Luther und der in Zürich tätige Zwingli, betonte Calvin die Bedeutung der Bibel, der Schrift, gegenüber der kirchlichen Tradition. Letztere war es in seinen Augen, welche die Sakramente eingeführt hatte, nur zwei von diesen, die Taufe und das Abendmahl, hatten seiner Meinung nach jedoch tatsächlich eine biblische Grundlage und waren durch Jesus Christus selbst vorgegeben. Der sündige Mensch stand bei Calvin einer göttlichen Vorbestimmung über seine Erwählung nach dem Tod entweder zum Heil oder zur Verdammnis gegenüber. Auch durch religiöse Handlungen, wie z.B. die Beichte, konnte er in den Augen Calvins sein diesbezügliches Schicksal nicht manipulieren. Eher bedurfte es einer grundsätzlichen und weitgehenden Kontrolle der biblisch vorgegebenen Glaubenspraxis und Lebensführung in der Gemeinde durch verschiedene fest verankerte kirchliche Ämter, z.B. den Ältesten, die ermächtigt waren, speziell auf die allgemeine sittliche Disziplin zu achten.

Briefmarke Johannes Calvin Genf

Calvin und der erste Rektor der von ihm gegründeten Universität Genf, MiNr. 671.

Der letztgenannte Punkt war es wohl auch, der bei den Menschen in Genf zumindest zunächst einen gewissen Widerspruch hervorrief, denn Calvins Weltanschauung sah nicht unbedingt eine Trennung zwischen religiösem und politischem, öffentlichem Leben vor. Und auch seine Vorstellung einer bereits vor Beginn der individuellen Existenz getroffenen Entscheidung über das endgültige Schicksal entbehrte nicht einer gewissen Strenge. Der Soziologe Max Weber kam speziell mit Blick auf den letztgenannten Aspekt zu einer besonderen Hypothese: In seiner berühmten, wenngleich nicht widerspruchslos gebliebenen Studie „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ wies er zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einen Zusammenhang zwischen dem Einzug von Calvins Seligkeit wie ewige Pein umfassenden „doppelten Prädestinationslehre“ und der Entwicklung des Kapitalismus in reformatorisch geprägten Ländern der Moderne hin.

Briefmarke Johannes Calvin Ungarn

In Ungarn erschien Kálvins Porträt 2009 auf MiNr. 5353.

Er erkannte eine Wechselwirkung von Sorge, Hoffnung und Gewissheit bezüglich der eigenen Auserwähltheit und individuellem Erfolgsstreben in Arbeit und Beruf. Letzteres, so die Richtung, in die Webers Analysen gehen, diente dabei dem Zweck sich, auch gegenüber anderen, darüber zu versichern, dass Gott einst positiv über die eigenen dies- und jenseitigen Geschicke entschieden hatte. Eine besonders kritische Diskussion zu Calvin gab es unter manchen Beobachtern sogar bereits zu seinen Lebzeiten: Sie bezog sich auf seine tatkräftige Unterstützung und rigorose Haltung zu der Hinrichtung des Spaniers Michel Servet im Jahr 1553, der wegen seiner Kritik an der Trinitätslehre, welche der Genfer Reformator als biblisch legitimiert begriff, von der Inquisition verfolgt worden war.


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Verfasst von: Marius Prill

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