Der Künstler am spanischen Hof

„Las Meninas“ („Die Hoffräulein“) ist neben „Christus im Hause von Maria und Martha“ oder seinem berühmten Portrait von Papst Innozenz X. nicht nur eines der Meisterwerke des spanischen Malers Diego Velázquez. Das Gemälde gilt auch als eines der meistbeachteten und -thematisierten Gemälde in der gesamten Kunstgeschichte. Fertiggestellt im Jahr 1656 und heute im „Museo del Prado“ in Madrid zu sehen, ist es unendlich viel bewundert und außerdem zum Gegenstand zahlreicher kunsthistorischer Studien gemacht worden. Auch haben sich Schriftsteller, beispielsweise der Spanier Fernando Arrabal, und Wissenschaftler anderer Disziplinen, so z.B. der französische Philosoph Michel Foucault, Gedanken über das beeindruckende Kunstwerk gemacht und über ihr persönliches Verhältnis zu dem Bild gesprochen. Auf unterschiedliche Art und Weise haben faszinierte Betrachter und Experten neben der Konzentration auf Aspekte der Maltechnik, Farb-, Licht- und Strukturgebung Fragen gestellt, für deren Beantwortung man ebenfalls einiges an Recherchearbeit aufbringen muss: Wer und was ist auf diesem Gemälde, das schon mit einer Höhe von 3,18 und Breite von 2,76 Metern monumental erscheint, überhaupt alles zu sehen?

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2009 erschien das Gemälde von Velazquez auf einem Briefmarkenblock als Gemeinschaftsausgabe von Spanien und Österreich.

Und was zeigt es noch neben dem reichhaltigen Bildpersonal und der komplexen Szenerie, welche hintersinnigeren Zusammenhänge lassen sich erkennen, wenn man sich unter verschiedenartigsten Blickwinkeln in eine kunsthistorische Analyse von „Las Meninas“ vertieft? Was waren z.B. die geschichtlichen, sozialen und kulturellen Umstände der Entstehung des Gemäldes? Wollte der Künstler, der schon bald nach seinem Tod Gegenstand einflussreicher biographischer Aufzeichnung und werkbezogener Verehrung durch den frühneuzeitlichen Kunstexperten Antonio Palomino wurde, mit seinem Bild eine spezielle Botschaft vermitteln? Mindestens letztgenannte Fragen führen unmittelbar zum Leben und zur künstlerischen Existenz von Diego Velázquez.

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Selbstporträt von Velazquez auf spanischer Briefmarke von 1959.

Dieser, geboren am 6. Juni 1599 in Sevilla, war, nachdem er schon im kindlichen Alter Unterricht bei lokalen Lehrern seines späteren Metiers hatte nehmen können, seit seinem 24. Lebensjahr Maler am Hof des spanischen Königs Philip IV. Und dort malte er vor allem Porträts. Mitglieder „hervorragender“ Familien darzustellen, ihre Repräsentation virtuos, wirksam und feinsinnig wie etikettengemäß, zu gestalten, sie in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen und zu verewigen, war seine und war die Aufgabe jener Künstler, die in die lukrative Position eines Malers im Auftrag der Aristokraten und Kirchenvertreter gelangt waren. Gerade im nicht fernen Italien, und dorthin hatte Velázquez eine Studienreise unternommen, hatten u. a. schriftliche Abhandlungen und einflussreiche Argumentationen Leonardo da Vincis die Malerei bereits zu einer „ars liberalis“, einer freien Kunst vom Rang der Rhetorik, Musik oder der Mathematik avancieren lassen.

Diego-Velazquez-Briefmarke-Spanien Die Ansicht, dass Malerei, dass Kunst eine intellektuelle Anstrengung darstellte und einen Perspektivgewinn bezüglich Welt und Leben, eine Möglichkeit der Wissens-und Erfahrungserweiterung und der prozessierenden Bildung des Individuums in sich barg, sollte kulturell erst in beschwerlicher und vielleicht immer etwas labiler Weise Einzug halten. Im heimischen Spanien der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts besaß der Künstler Velázquez, obwohl beim König wohlgelitten und materiell durchaus versorgt, auf jeden Fall noch einen klar definierten Status: den eines Handwerkers.

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Der Hofzwerg Don Sebastián de Morra von Velazquez auf spanischer Briefmarke von 1999.

Neben persönlicher Kränkung war für Velazquez daran problematisch, dass damit die Obligation einherging, die Steuern eines Handwerkers, die „alcabala“, zu zahlen. Und er, darauf haben manche Kunsthistoriker hingewiesen, war bemüht, seinen gesellschaftlichen Rang und vielleicht auch den seiner Kollegen und des gemeinsamen Berufsstandes zu verbessern: Jahrelang empfahl er sich und stellte Anträge, um verschiedene Ämter am Königshof zu erlangen. Und es gelang, wenngleich die Bürokraten seiner Majestät sich gelegentlich eher widerwillig zeigten, seinen Gesuchen stattzugeben. Was ein besonderes Anliegen betraf – nämlich zum Ritter geschlagen zu werden –, bedurfte es, wie man Velázquez mitteilte, allerdings eines päpstlichen „Dispenses“, einer Stattgebung gewissermaßen von ganz oben. „Las Meninas“, das sagen z.B. jene – jedoch nicht alle – Kunsthistoriker, die sich in diesem Zusammenhang auf die „sozialgeschichtliche“ Dimension des berühmten Gemäldes konzentrieren, zeigt vielleicht auch die Aufwertung und Anerkennung, die „Nobilitierung“, des Künstlers Diego Velázquez und der Malerei überhaupt. Hält Velázquez mit seinem Werk doch womöglich fest, dass der König höchstpersönlich den Maler seiner langjährigen Gunst so sehr zu schätzen wusste, dass er dessen Atelier nicht bloß deswegen gelegentlich aufsuchte, um Modell zu stehen und den korrekten Fortschritt der royalen Repräsentationen zu kontrollieren, sondern vielmehr um interessiert und damit anerkennend der Arbeit des Künstlers beizuwohnen.

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Bauern bei der Mahlzeit auf ungarischer Briefmarke von 1968.

Denn bei dem Gemälde handelt es sich nicht um ein gewöhnliches Porträt, es erscheint eher ziemlich rätselhaft: Darauf sind nicht nur die fünfjährige Tochter des Königspaares, die „Infantin“ mit Namen Margarita, sowie u.a. mehrere Hofdamen, damals üblicherweise in der höfischen Gesellschaft verkehrende kleinwüchsige Menschen, „Hofzwerge“, und zudem noch ein Hund zu sehen. Nein, auch der Maler selbst, der Künstler Velázquez, tritt in Erscheinung, wie er mit Pinsel und Farben vor einer großen Leinwand steht und dem Betrachter von „Las Meninas“ entgegenschaut. Und mehr noch – und besonders wichtig – : In einem Spiegel hinter den vermeintlich porträtierten Vertretern der Hofgesellschaft und dem Maler sind der König Philip IV. und die Königin Maria Anna zu erkennen. Sie befinden sich im Atelier des Künstlers, darauf deutet wiederum die dargestellte Anwesenheit des „aposentador de la reina“ namens José Nieto hin, der seinem Herrscher für gewöhnlich auf Schritt und Tritt folgte, und sehen Velázquez bei der Arbeit zu.

Oder malt er doch sie, das Königspaar, sodass der Spiegel dem Betrachter von „Las Meninas“ die Leinwand zeigt, deren Rückseite er nur sieht? Es könnte auch sein, dass da überhaupt kein Spiegel ist, und es sich nur um ein Portrait des Monarchen und seiner Gemahlin handelt, das im Raumhintergrund hängt. Ja, vielleicht malt Velázquez auch gerade „Las Meninas“?!

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Selbstporträt auf spanischer Briefmarke von 1961.

Das mit diesen Fragen nur angedeutete, beinahe illusionenhafte Spiel, der Reichtum an perspektivischen Optionen und Deutungsmöglichkeiten, der den Betrachter auf das Gemälde hin, ja in das Bild hineinzuziehen scheint, lässt auf jeden Fall eines deutlich werden: Dass es sich bei „Las Meninas“ um eine komplexe, geistreiche und wirkmächtige Arbeit handelt, um ein Kunstwerk. Und dass dessen Urheber von besonderem Rang war, nicht nur ein gewöhnlicher Handwerker, wird an zwei weiteren Details sichtbar: Auf dem Bild ist Diego Velázquez als privilegierter Träger des sogenannten „Generalschlüssels“ für den königlichen Palast ausgewiesen, denn bei genauem Hinsehen wird erkennbar, dass sich an seinem Gürtel ein Schlüssel befindet. Und außerdem, ja außerdem schmückt sein Gewand das Emblem des ritterlichen „Santiago-Ordens“. Palomino schrieb im Jahr 1724, dass man es in das Bild habe malen lassen, nachdem Velázquez 1660 gestorben war. In den Orden war der Künstler nämlich – mit Unterstützung des ihm zugeneigten Königs – ein Jahr vor seinem Tod, aber drei Jahre nach Beendigung der Arbeit an „Las Meninas“ doch noch aufgenommen worden.


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Verfasst von: Marius Prill

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