Frage nach menschlichem Fortschritt

Lion Feuchtwanger auf Briefmarke der DDR von 1974

1974 erschien das Porträt des Schriftstellers in der Briefmarken-Reihe „Bedeutende Persönlichkeiten“ der DDR, MiNr. 1945.

Seit 1933 schrieb Lion Feuchtwanger im zunächst französischen, dann US-amerikanischen Exil. Der vor genau 130 Jahren in München geborene Schriftsteller wurde zu Lebzeiten speziell für seine Romane mit historischen Bezügen weltberühmt. „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“, „Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau“ und „Die Jüdin von Toledo“ aus den 1950er-Jahren etwa sind Werke, deren Protagonisten und Schauplätze der Geschichte entstammen. Aber ähnlich wie „Erfolg“ und „Die Geschwister Opperman“, die hingegen unmittelbar die Entwicklung des Nationalsozialismus im Deutschland der 20er-und 30er-Jahre thematisieren, lassen auch sie sich auf Gegenwart und Zukunft, auf zeitenübergreifende Probleme beziehen. Mit dem Blick auf historische Ereignisse und Figuren verbindet sich bei Feuchtwanger die im Ganzen eher „humanistisch“-aussichtsvoll sowie mit psychologischer Einsicht gestellte Frage nach menschlichem und gesellschaftlichem Fortschritt überhaupt.

Sein 1925 veröffentlichter Roman „Jud Süß“ handelt von Joseph Oppenheimer, einem im 18. Jahrhundert am herzoglichen württembergischen Hof angestellten jüdischen Kaufmann. 1940 erschien in nationalsozialistischem Auftrag ein antisemitischer Propagandafilm des Regisseurs Veit Harlan, der den gleichen Namen trug. Der historische Stoff der Karriere und der Hinrichtung von Joseph Oppenheimer im Jahr 1738 wurde dabei unter den aggressiven Vorzeichen der nationalsozialistischen Ideologie verwendet.
Lion Feuchtwanger war Germanist und Philosoph. Nach dem Studium sowie einer Promotion an der Universität seiner Geburtsstadt arbeitete er ebenfalls dort als Theaterkritiker. Zusammen mit seiner Ehefrau Marta, die beiden heirateten 1912, zog er 1925 nach Berlin. Die Freundschaft und ein künstlerischer Austausch mit dem jüngeren Kollegen Bertolt Brecht bestanden bereits seit Münchener Tagen. Zusammen arbeitete man noch in den 40er-Jahren am Drama „Die Gesichte der Simone Machard“.
Als Feuchtwanger sich Anfang 1933 anlässlich einer Lese- und Vortragsreise in den USA aufhielt, erreichte ihn die Nachricht der nationalsozialistischen Machtergreifung. Der jüdische und kritische Autor wurde zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bereits bedrängt und diskreditiert. Seine Bücher verbrannte man, er selbst wurde ausgebürgert. Das Ehepaar Feuchtwanger kehrte zwar nach Europa, jedoch nicht nach Deutschland, sondern nach Südfrankreich zurück. Als der Zweite Weltkrieg begann, gelang den beiden die über Spanien und Portugal führende, mühevolle und gefährliche Flucht in die USA.
Dort, in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles, bewohnte Feuchtwanger die noch heute mit ihm verbundene „Villa Aurora“. Speziell wegen seiner Beschäftigung mit der sowjetischen Politik, die in den 30er-Jahren u.a. im „Moskau“ betitelten Bericht über eine mehrmonatige Reise in die Sowjetunion erfolgte, geriet er während der „McCarthy-Ära“ unter Beobachtung. Damit wiederum setzt sich Feuchtwangers „Wahn oder der Teufel in Boston“ auseinander, das in dramatischer und abermals geschichtsbezogener Form eine eventuelle Ähnlichkeit des US-amerikanischen Antikommunismus mit Hexenverfolgungen im Nordamerika des 18. Jahrhunderts thematisiert. In den USA hatte der Autor Kontakt mit anderen deutschen Schriftstellern, die als Flüchtlinge migriert waren. Nicht nur der ebenfalls in Pacific Palisades lebende Thomas Mann und sein Bruder Heinrich, Alfred Döblin und Brecht kamen in die Feuchtwangersche Villa, sondern z.B. auch die Komponisten Arnold Schönberg und Kurt Weill sowie der Philosoph Ludwig Marcuse. Das 1943 erworbene kalifornische Domizil blieb nach dem Tod des an Magenkrebs erkrankten Feuchtwangers im Jahr 1958 die Wohnstätte seiner Ehefrau. Schließlich wurde es zu einer Künstlerresidenz für Stipendiaten unterschiedlicher Disziplinen, die im Zeichen der Erinnerung an das Exil deutscher Künstler und Intellektueller sowie des kulturellen Austausches in der Gegenwart steht.


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Verfasst von: Marius Prill

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