Diktator wider Willen?

Engelbert Dollfuß Briefmarke, MiNr. 588, 1936Heute vor 80 Jahren wurde der österreichische Politiker und Diktator Engelbert Dollfuß durch einen Putschversuch von österreichischen Nationalsozialisten im Wiener Bundeskanzleramt ermordet. Um es kurz zu machen: Große Trauer wird man diesbezüglich heute kaum mehr verorten. Dollfuß war zwar kein Nazi im eigentlichen Sinne – tatsächlich stand er der nationalsozialistischen Ausrichtung Hitlerdeutschlands skeptisch gegenüber – aber als ausgeprägter Antisemit lehnte er auch einen Rechtsstaat, pluralistisches Denken und Demokratie per se vollständig ab. Man mag es dem nur 1,51 m kleinen Mann vielleicht nachsehen. Viele historische Männer seiner Statur wollten Größe in anderer Form zeigen – durch ihre persönliche Macht und die damit verbundene Ohnmacht der anderen. Der Archetyp dürfte wohl Napoleon sein, nach dem auch die Bezeichnung für solch akzentuiertes Verhalten benannt ist: der Napoleon-Komplex. So lässt es sich zumindest für manche Menschen psychologisch ableiten, woher diese ausgeprägte Geltungssucht und Machtgier rührt.

Seine Karriere begann er als Agrarexperte und folgend als parteiloser Landwirtschaftsminister verschiedener Regierungskoalitionen. Mit der Stabilität dieser Regierungskoalitionen war es allerdings in den 1930er Jahren in Österreich nicht sonderlich gut bestellt. Allenfalls wenige Monate konnten sich die verschiedenen zerstrittenen Parteien zusammenraufen. Ähnlich wie 2005 bei Gerhard Schröders SPD-Regierung in Deutschland waren es 1934 die Landtagswahlen in Österreich, welche die Regierungsparteien abstraften. Noch bevor die Auflösung des Nationalrates von der Opposition gefordert wurde, löste der damalige Kanzler Karl Buresch seine Regierung nach nur 10-monatiger Amtszeit auf. Um Neuwahlen zu verhindern, ernannte der Bundespräsident Wilhelm Miklas Dollfuß zum Bundeskanzler: er möge eine Regierung bilden! Dollfuß wurde nicht nur Kanzler, sondern auch Außenminister und Landwirtschaftsminister.

Im März 1933 streikten alle Eisenbahner des Landes, was zu einer recht chaotischen Dringlichkeitssitzung des Nationalrates führte. Letztlich kam es bei dieser Zusammenkunft zum Rücktritt der drei Parlamentspräsidenten und damit zur Beschlussunfähigkeit des Nationalrats. Dollfuß sprach im Nachhinein von einer „Selbstausschaltung des Parlaments“. So gesehen könnte man meinen, dass die alleinige Führung Dollfuß quasi ungewollt in den Schoß gefallen war, ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Tatsächlich nutze Dollfuß die Gunst der Stunde und beschnitt die Rechte des Parlaments sukzessive und auch die Judikative wurde an ihrer verfassungsgemäßen Ausführung aktiv gehindert. Es folgten Verbote von demokratischen Parteien und Dollfuß wollte einen faschistischen Ständestaat mit autokratischer Führung errichten, der sich mit den „Römischen Protokollen“ an das faschistische Italien und Ungarn band.

Zur Ermordung Engelbert Dollfuß auf Briefmarke, MiNr. 589 u. 590, 1934 u. 1935Sein größter Gegner war die österreichische NSDAP, welche Österreich an Deutschland anschließen wollte. Der Putschversuch der Nazis am 25. Juli 1934 endete zwar mit der Ermordung von Dollfuß, die Zusammenführung beider Länder blieb aber erfolglos, da sich das österreichische Bundesheer loyal mit den verbliebenen, aus dem Kanzleramt geflohenen, Regierungsmitgliedern zeigte. Der Mörder von Dollfuß, Otto Planetta, wurde in Österreich von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und in Deutschland als Märtyrer geehrt. Dollfuß‘ Nachfolger Kurt Schuschnigg regierte das Land bis zum Anschluss an Nazideutschland 1938 in gleicher diktatorischer Manier.


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