Die Brotfrucht und die Meuterei

William Bligh auf Briefmarke der Insel ManAm 23. Dezember 1787 brach ein Dreimaster der Royal Navy gen Tahiti auf. Grund für die Reise und Gegenstand britischer Begierde war die südpazifische „Brotfrucht“, welche man auf die Westindischen Inseln zu transplantieren gedachte. Denn dort sollte sie zur Versorgung der örtlichen Sklaven dienen. Daher waren unter der 45 Männer umfassenden Schiffsbesatzung auch zwei Botaniker, die Wuchs und Unversehrtheit der an Bord systematisch bewässerten und belüfteten Exemplare der nahrhaften Südfrucht sicherstellen sollten. Das Segelschiff und sein Befehlshaber wurden allerdings nicht für die friedliche und planmäßige Umsiedelung der Brotfrucht berühmt. Handelt es sich bei ersterem doch um die „Bounty“. Und bei letzterem um den am 9. September 1754 geborenen Leutnant William Bligh.

William-Bligh-Briefmarke-2Bligh war dabei gewesen, als der berühmte James Cook auf seiner dritten großen Fahrt im Februar 1779 in der Kealakekua-Bucht zu Tode gekommen war. Im englischen Plymouth aufgewachsen, war Bligh schon als Junge zur See gefahren und mit 16 Jahren zur Marine gegangen. Der hervorragende Navigator und Kartograf, der zeitweise auch als Kapitän von Handelsschiffen zur See fuhr, hatte 1776 den Rang eines Leutnants erlangt. An Bord der Bounty befand sich ungefähr zehn Jahre später auch der im höheren Rang des „Master´s Mate“ tätige Fletcher Christian. Zwei Mal waren Bligh und Christian bereits gemeinsam zu den „West Indies“ gesegelt. Dieses Mal kam es während der Fahrt zu wiederholten Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Die von Christian angeführte Meuterei begann am frühen Morgen des 28. April 1789.

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Bligh und 18 ihm gegenüber loyale Männer wurden noch am selben Tag auf hoher See in der Barkasse der Bounty ausgesetzt. Die Umstürzler kehrten teilweise nach Tahiti zurück, andere verschlug es auf die entlegene Insel Pitcairn. Blighs kleines Boot wiederum fuhr, anders als vermutlich von Christians Leuten angenommen, nicht in den wässerigen Tod, sondern – dies gilt nicht nur als eine außergewöhnliche Anstrengung der Beteiligten, sondern auch als eine besondere Orientierungsleistung Blighs – binnen über 40 Tagen zunächst zur Insel Tofua und dann nach Timor. Doch verweilten die erschöpften Überlebenden der Meuterei nicht lange dort. Am 14. März 1790 und nach weiteren Zwischenstationen kehrte Bligh zurück nach England. Den Meuterern, die nach Tahiti zurückgekehrt waren, wurde bald der – in fast der Hälfte der Fälle zur Hinrichtung führende – Prozess gemacht. Jene, die sich auf Pitcairn versteckt hielten, darunter auch Christian, blieben vom Kriegsgericht unbehelligt. Das Gefährt, dessen sie sich im Frühling 1789 bemächtigt hatten, wurde vor der Insel verbrannt.

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Welche die Gründe für die Meuterei auf der Bounty waren, ist in vielen Sachbüchern und fiktionalen Verarbeitungen behandelt worden. Waren es – damit argumentierten die schließlich gefangenen Meuterer vor Gericht und auch deren Angehörige – Blighs vermeintliches besonders hartes Regiment und seine Neigung zu cholerischen Ausbrüchen? Oder lockerte die Abwesenheit von hauptberuflichen Soldaten an Bord die allgemeine Disziplin? Es könnte auch die wegen der Transportfunktion des Schiffes außergewöhnliche Enge eine Rolle gespielt haben. Vielleicht lag es daran, dass die Expedition mit einigen Verzögerungen und Routenänderungen verlaufen war. Oder vor allem daran – und dies ist oft gesagt worden –, dass die Besatzung vom paradiesisch anmutenden Tahiti, wo man sich mehrere Monate aufgehalten hatte, und dem Leben der Bevölkerung begeistert war?

bounty-film2-BriefmarkeBerühmt sind besonders die Hollywood-Bearbeitungen des Bounty-/Bligh-Stoffes mit Clark Gable und Marlon Brando. Später drehte man noch eine mit dem australischen Mimen Mel Gibson. Verkörpert wurde in allen drei Fällen ein aufbegehrender Fletcher Christian, nicht aber der demgegenüber weitgehend herrisch, ja tyrannisch gezeichnete Bligh. Ein nicht nur von der spannenden und abenteuerlichen Geschichte fasziniertes Publikum gab es jedoch schon lange vor dem 20. Jahrhundert. Schon bald nach der Rückkehr William Blighs war auch eine literarische Umsetzung der dramatischen Ereignisse der Jahre 1887 bis ’90 zugänglich. Es war Bligh selbst, der einen Bericht über die legendäre Fahrt auf der Bounty veröffentlichen ließ. Bereits 1791 stach er erneut und dieses Mal erfolgreich im Zeichen der Brotfrucht-Mission in See. 12 Jahre bevor er, bereits im Ruhestand, am 7. Dezember 1817 in London starb, wirkte der seit 1781 mit Elizabeth Bentham verheiratete sechsfache Familienvater zeitweilig auch als Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales. Mit den Briefmarken zu Bligh und der Bounty lässt sich ohne weiteres ein ganzes Album füllen.


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Verfasst von: Marius Prill

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