Der Vater der Träume

Sigmund Freud auf Briefmarke aus Östereich„Es war eines Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, dass uns ein Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. […] Ehe er nach seiner Aufgabe fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in seiner Inspiration für wahrscheinlich, dass ich noch einmal Minister werde“. Ein Minister ist er letztendlich nicht geworden, wohl aber jemand, der sein Leben lang bemüht war, den menschlichen Seelenregungen auf die Spur zu kommen: Sigmund Freud. Sigismund Schlomo Freud wurde am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg geboren. „Meine Eltern waren Juden. Auch ich bin Jude geblieben. Auf dem Gymnasium war ich durch sieben Jahre Primus, hatte eine bevorzugte Stellung, wurde kaum je geprüft“. Bereits als Achtjähriger hatte er begonnen, Shakespeare und Goethe zu lesen, und aß, um ungestört zu sein, oft abseits vom familiären Trubel. Das Klavier seiner jüngeren Schwester Anna wurde eigens entfernt, weil er ihrer Etüden überdrüssig geworden war. Als Freud nach der Matura die Schule verließ, sprach er nicht nur Latein, Griechisch und Hebräisch, sondern auch Englisch und Französisch. Zudem hatte er mit dem Erlernen des Spanischen und Italienischen begonnen. Ein Hochbegabter ohnegleichen.

Bereits einige Jahre zuvor war die Familie notgedrungen nach Wien übergesiedelt, da der Vater im Wollhandel das Gros seines Vermögens eingebüßt hatte. Trotz dieser widrigen Umstände verlangte er aber, dass Sigmund stets den eigenen Neigungen folgen sollte: Er entschied sich für ein Medizinstudium. „Die Universität die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, dass ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war. […] Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke […] war, dass ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in der Opposition zu stehen […]“ und sich dadurch „eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils“ entwickeln konnte.

Sigmund Freud auf Briefmarke aus der Tschechischen RepublikNach Abschluss seines Studiums galt Freuds Interesse zunächst der Zoologie. So erforschte er am physiologischen Institut Ernst Wilhelm von Brückes die Keimdrüsen der Aale und das Nervensystem von Neunaugenlarven. Während dieser Zeit lernte er auch sein spätere Gattin Martha Bernays, die Tochter einer angesehenen jüdischen Familie aus Hamburg, kennen und lieben: „Martha, das süße Mädchen, das beim ersten Zusammentreffen trotz allen Sträubens meinen Sinn gefangen nahm, um das ich zu werben mich fürchtete, und das im hochsinnigen Vertrauen mir entgegenkam, den Glauben an meinen eigenen Wert mir erhöht und meine Arbeitskraft mir geschenkt hat, als ich ihrer am dringendsten bedurfte“. Freud dachte fortan nur noch an seine finanzielle Unabhängigkeit, um möglichst bald heiraten zu können. Daher gab er die Physiologie auf, und trat seinen Dienst im „Allgemeinen Krankenhaus“ an, der ihn auf die Tätigkeit eines niedergelassenen Arztes vorbereiten sollte. Zur Fortbildung auf dem Gebiet der Nervenheilkunde reiste er außerdem nach Paris zu dem berühmten Jean-Martin Charcot (1825 – 1893), der dort Fälle von Hysterie mit Suggestion und Hypnose therapierte. „Charcot, der einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch ist, reißt meine Ansichten und Absichten einfach um. Nach manchen Vorlesungen gehe ich fort mit neuen Empfindungen vom Vollkommensein“.

Sigmund Freud auf Briefmarke aus IsraelZurück in der Heimat kündigte Freud seine Stellung im Krankenhaus und eröffnete in der Berggasse 19, die für ein halbes Jahrhundert zum Mittelpunkt seines Lebens werden sollte, eine eigene Praxis (1891). Anfangs war „die hypnotische Suggestion mein hauptsächlichstes Arbeitsmittel […]. Ich bediente mich ihrer zur Ausforschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte seiner Symptome, die er im Wachzustand oft gar nicht oder nur sehr unvollkommen mitteilen konnte. In der Regel war aber das Symptom nicht der Niederschlag einer einzigen traumatischen Szene, sondern das Ergebnis der Summation von zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn nun der Kranke in der Hypnose eine solche Situation halluzinatorisch wieder erinnerte und den damals unterdrückten seelischen Akt nachträglich unter freier Affektentfaltung zu Ende führte, war das Symptom weggewischt und trat nicht wieder auf“.

bertha-Pappenheim-BriefmarkeDiese Erkenntnis fußte vor allem auf den „Studien über Hysterie“ (1892 – 1895) an der Patientin Bertha Pappenheim (1859 – 1936), die als „Anna O.“ in die Geschichte der Psychoanalyse einging. Josef Breuer (1842 – 1925) hatte sich bereits seit mehreren Jahren ihrer angenommen und mittels Hypnose einige „Störungen“ beseitigen können: „Es war […] Sommer […] gewesen und die Patientin hatte sehr arg durch Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr plötzlich unmöglich geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas Wasser in die Hand, aber so wie es die Lippen berührte, stieß sie es weg, wie ein Hydrophobischer. […] Als das etwa 6 Wochen gedauert hatte, räsonierte sie einmal in der Hypnose über ihre englische Gesellschafterin […] und erzählte dann mit allen Zeichen des Abscheus, wie […] da deren kleiner Hund, das ekelhafte Tier, aus einem Glase getrunken habe. Sie habe nichts gesagt, denn sie wolle höflich sein. Nachdem sie ihrem steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung […] und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden“. Freud, der damals Breuers Schüler war, wollte die sogenannte „kathartische Methode“ (gr. kátharsis = Reinigung) aber auch zur Behandlung anderer Leiden einsetzen. Sein Mentor hielt sie dagegen nur für begrenzt einsatzfähig und wandte sich deshalb von ihm ab. Als Freud die Entdeckung machte, dass sich seine Patientinnen als Nebenwirkung der Hypnose in ihn verliebten, ließ er von ihr ab. „Ich gab also die Hypnose auf und behielt von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei, hinter dem ich saß, so dass ich ihn sah, aber selbst nicht gesehen wurde“.

Sigmund Freud auf Briefmarke aus KubaDas Neue an seiner Behandlungsmethode war nun, dass Freud seine Patienten zum freien Assoziieren aufforderte. Dies bedeutete, völlig ungeniert alles auszusprechen, was ihnen gerade in den Sinn kam: Banales, Anstößiges oder Sinnloses. Durch diese unzensierte Redekur entwickelten sie – unterstützt durch die behutsamen Deutungen des Analytikers – allmählich ein Gespür für ihr Innenleben. Die theoretischen und praktischen Ansätze seiner Methoden erweiterte Freud ständig und unterzog sich dabei auch einer Selbstanalyse, denn schließlich gab es noch keinen anderen Analytiker, dem er sich hätte anvertrauen können. Kritiker haben ihm aber immer wieder vorgeworfen, dass sein Modell vom menschlichen Seelenleben keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhielte. Davon ließ er sich aber nicht beirren. Wenn er auch auf statistische oder experimentelle Nachprüfungen verzichtete, so hatte er sich dennoch einem deterministischen Ansatz verschrieben, und suchte psychologische Prozesse allein über deren Ursache und Wirkung zu ergründen.

Sigmund Freud auf Briefmarke aus BelgienSeine Vorstellungen von der Entwicklung der infantilen Sexualität mit ihren aufeinanderfolgenden Phasen (oral, anal und phallisch-genital) sind heute ebenso allgemeine Bildungsgüter wie der von ihm benannte „Ödipus-Komplex“ oder sein Modell der drei psychischen Instanzen Es, Ich und Über-Ich. „Die älteste dieser psychischen […] Instanzen nennen wir das Es; sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die […] Triebe, die hier einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.“ Das Ich vermittelt „zwischen Es und der Außenwelt […] [und] hat die Aufgabe der Selbstbehauptung“. „Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz heraus, in der sich der elterliche Einfluss fortsetzt. Sie hat den Namen des Über-Ichs erhalten. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß“.

Sigmund Freud auf Briefmarke aus Uruguay1909 reist Freud mit seinen Schülern Carl Gustav Jung (1875 – 1961) und Sándor Ferenczi (1873 – 1933) in die Vereinigten Staaten. „[…] der kurze Aufenthalt in der Neuen Welt tat meinem Selbstgefühl überhaupt wohl, in Europa fühlte ich mich geächtet, hier sah ich mich von den Besten wie ein Gleichwertiger aufgenommen. […] Die Psychoanalyse war also kein Wahngebilde mehr“. Mit seiner „Traumdeutung“ (1899) – heute eines seiner populärsten Werke – wurde Freud auch in Europa berühmt. Zwar suchten bereits die alten Ägypter und Griechen ihre Zukunft aus Träumen zu prophezeien, doch erst Freud bemühte sich durch sie die Botschaften der Seele systematisch zu entschlüsseln. So bezeichnete er die Traumdeutung als „Via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben“. Auch sogenannte „Fehlleistungen“ wie ein Versprechen oder Vergessen sind keine Zufälligkeiten, sondern stehen vielmehr mit unerfüllten Wünschen in Zusammenhang, und gestatten daher aufschlussreiche Einblicke in unbewusste Prozesse.

Briefmarke aus Österreich zum Freud-Jahr 2006Dem Terror der Nazis begegnete Freud zunächst mit Sarkasmus. Als 1933 in Berlin auch seine Werke verbrannt wurden, schrieb er:„Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen“.

Aber nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland (12. März 1938) wurde die Lage für Freud und seine Familie immer bedrohlicher. Mit gemischten Gefühlen verließ er schließlich sein „Gefängnis Wien“ und kam im Juni 1938 im Londoner Exil an.
Freud, der täglich etwa 20 Zigarren rauchte, war bereits 1922 an Gaumenkrebs erkrankt und hatte sich seitdem mehr als 30 Operationen unterziehen müssen. Doch ertrug er sein Leid stets mit stoischer Ruhe, verzichtete gar weitgehend auf Schmerzmittel, um „unter allen Umständen ein klares Urteilsvermögen zu behalten“. Vom Schmerz zermürbt bat er schließlich seinen Hausarzt, an ein früher gegebenes Versprechen erinnernd, ihm eine tödliche Dosis Morphium zu injizieren, und so schied Sigmund Freud am 23. September 1939 freiwillig aus dem Leben – heute vor genau 75 Jahren.

 

 


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Verfasst von: Anatol Kraus

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