Illustrierte Korrespondenzen 1900 bis 1936

Die Postkarte als vitales Medium der Alltagskultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Herbstausstellung des Wiener Photoinstitutes Bonartes, die heute um 19 Uhr eröffnet wird, beleuchtet die zahlreichen unterschiedlichen Aspekte des Phänomens Postkarte. Sie thematisiert die Materialität dieses Massengutes, das als direkter Vorläufer der heute üblichen immateriellen Kommunikationsmedien gedacht werden muss, aber auch das Faszinosum, das die Postkarte auf Sammler ausübte und ausübt. Es geht um illegale Raubkopien, künstlerische Strategien oder neue Geschäftsmodelle – die gesellschaftliche Relevanz der kleinen Bilder ist kaum zu überschätzen. Die Postverwaltung erfand die Postkarte, um ein einheitliches Format durchzusetzen, das kurze Mitteilungen zu billigen Tarifen expedieren konnte. Doch die Benützer zeichneten und klebten Bilder darauf. Damit initiierten sie eine erstaunliche Erfolgsgeschichte um 1900: Millionen Stück illustrierter Postkarten wurden allein in Österreich hergestellt, verkauft, geschrieben und verschickt – und landeten oft in aufwendig gestalteten Sammelalben.

Postkarte

© Verlag Leopold Weil, Karlsbad/Karlovy Vary: »Karlsbad. S. k. u. k. Hoheit der Erzherzog Eugen während der Frühpromenade beim Mühlbrunnen«, Autochromdruck, gelaufen 1904 von Karlsbad / Karlovy Vary nach Wien, Familienarchiv Schaukal

Bei 6 bis 7 täglichen Postzustellungen in Wien etablierte sich so ein neuer kommunikativer Stil. Man sandte einander nicht nur Urlaubsgrüße oder Geburtstagswünsche, sondern tauschte aktuelle Nachrichten, verabredete sich und dankte für erhaltene Briefe.

Die Ausstellung Format Postkarte rückt eine Fülle unterschiedlicher Aspekte des Phänomens ins Blickfeld. Private Postkartensammlungen wie die des bekannten Schriftstellers Richard Schaukal aus der Jahrhundertwende machen Reiserouten einer vielköpfigen Familie und deren kommunikative Netze nachvollziehbar, erzählen uns den Verlauf von Liebesgeschichten wie die zwischen Helene M. und Franz L. Mithilfe illustrierter Postkarten vermittelte in den 20er-Jahren eine Theateragentur Artisten und Varieté-Künstler, wobei uns die Adress-Seiten nicht allein über die berufliche Situation informieren, sondern zwischen den Zeilen wird die oft prekäre soziale Lage fühlbar.
Der gefeierte Kunstfotograf Rudolf Koppitz fertigte von einer seiner Personalen 1936 eine große Auswahl an Postkarten, sodass die Besucher die Ausstellung im Taschenformat mit nach Hause nehmen konnten. Die Ausstellung ist vom 22. Oktober 2014 bis zum 13. Februar 2015 im Photoinstitut Bonartes (Seilerstätte 22, A-1010 Wien) geöffnet,  eine Besichtigung jederzeit nach Voranmeldung möglich  (Telefon 00431 / 236029340 oder E-Mail: info@bonartes.org).

 


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Verfasst von: Udo Angerstein

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