Der größte Kongress des Mittelalters

Konstanzer-Konzil-Briefmarke-2014Am Ende des 14. Jahrhunderts war das christliche Abendland gespalten: Seit 1378 gab es zwei Päpste, einen im Vatikan und einen Gegenpapst, der in Avignon residierte. Um das Schisma zu beenden, riefen einige Kardinäle nun im Jahre 1409 ein Generalkonzil in Pisa ein, auf dem sie beide Päpste ihrer Ämter enthoben und einen neuen wählten. Unglücklich war nur, dass die beiden anderen Päpste nicht daran dachten, auf ihr Amt zu verzichten und ihrerseits flugs den neuen Papst und seine Anhänger exkommunizierten. Statt eines Stellvertreters hatte Jesus Christus nun also deren drei, was ein nicht geringes Problem für die damalige Christenheit darstellte. Als nun Sigismund von Luxemburg im Jahr 1411 zum römisch-deutschen König gewählt wurde, also zum Herrscher des Heiligen Römischen Reiches, sah er sich mit den Päpsten Johannes XXIII. (nicht zu verwechseln mit seinem kürzlich heilig gesprochenem Namensvetter), Gregor XII. und Benedikt XIII. konfrontiert – und mit der Notwendigkeit, in der heiligen Mutter Kirche für Ordnung zu sorgen.

Sigismund rief also ein Konzil nach Konstanz am Bodensee ein, das von 1414 bis 1418 dauerte und der größte Kongress des ausgehenden Mittelalters war. An die 60 000 Besucher aus dem In- und Ausland musste die Reichsstadt mit ihren damals etwa 7 000 Einwohnern versorgen, davon im Schnitt etwa 20 000 gleichzeitig: Eine logistische Meisterleistung. Das Konzil begann spektakulär mit dem Einzug von Papst Johannes XXIII., der auf einem weißen Ross und beschirmt mit einem goldenen Tuch mitsamt den heiligen Reliquien und der Geistlichkeit der Stadt in Richtung des Münsters ritt, wo er am 5. November 1414  – heute vor 600 Jahren – das Konzil feierlich eröffnete. So prächtig seine Ankunft war, so schmählich war seine Abreise: Als sich abzeichnete, dass er wohl nicht Papst bleiben würde, floh er Ende März 1415 als Stallknecht verkleidet aus der Stadt.
Das Konzil verabschiedete daraufhin das Dekret „Haec sancta“, in dem die Oberhoheit dieser Kirchenversammlung über den Papst verkündet wurde, Georg XII. trat mehr oder weniger freiwillig zurück und die anderen beiden Päpste wurden kurzerhand abgesetzt. Am 11. November 1417 wurde schließlich – zum ersten und einzigen Mal auf deutschem Boden – ein neuer Papst gewählt: Martin V., womit das abendländische Schisma beendet wurde. Weitere notwendige Reformen der Kirche wurden allerdings vertagt.
Dafür wurde der böhmische Prediger Jan Hus als Ketzer zum Tode verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, was Sigismunds Herrschaft mit einem Makel behaftete, war er es doch gewesen, der dem Theologen und Reformer freies Geleit für den Besuch des Konzils zugesichert hatte. Aufstände in Böhmen waren die Folge, die schließlich in die Hussitenkriege mündeten.
Neben den theologischen Aspekten spielte auch das politische Geschehen auf dem Konzil eine wichtige Rolle. Die in Konstanz anwesenden weltlichen Herrscher fällten weitreichende Entscheidungen, die Europa bis heute prägen: Frankreichs innenpolitische Konflikte waren ebenso Thema wie die Konflikte des Deutschen Ordens in Litauen. Auch zwei Reichstage wurden abgehalten. Nicht zuletzt wurde mit der in Konstanz erfolgten Belehnung des Burggrafen von Nürnberg mit der Mark Brandenburg und dem damit einsetzenden Aufstieg des Hohenzollern der Grundstein für das spätere preußisch-deutsche Kaiserreich gelegt.
Zugleich entwickelte sich Konstanz zu einer Drehscheibe des Wissens: Professoren und Magister, Handwerker, Künstler und Kaufleute sorgten für einen regen Austausch von Liedern und anderen Impulsen. Über das Konzil hat Ulrich Richental, Sohn eines Konstanzer Stadtschreibers, nach 1420 eine umfangreiche Chronik verfasst, die mit zahlreichen in seinem Auftrag angefertigten Illustrationen ein farbiges Bild des blühenden städtischen Wirtschaftslebens und des bürgerlichen Alltagslebens jener Jahre vermittelt.


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