Pythia und Sphinx: zum 25. Todestag Samuel Becketts

Samuel-Beckett auf schwedischer Briefmarke„Kein Ich, kein Haben, kein Sein. Kein Nominativ, kein Akkusativ, kein Verb. Es gibt keinen Weg weiter.“ Dieses Zitat aus dem Jahre 1956 stellt den Leser vor ein großes Rätsel, formuliert von einem ebenso rätselhaften Menschen: Samuel Beckett.

Der heute vor 25 Jahren, am 22. Dezember 1989, in Paris verstorbene Schriftsteller Samuel Beckett gilt als einer der größten und vielseitigsten Autoren der Moderne. Der gebürtige Ire, der die längste Zeit seines Lebens in Frankreich verbrachte und auch zahlreiche Werke auf Französisch verfasste, konnte – anders als das einführende Zitat vermuten lässt – auf ein sehr aktives und tatkräftiges Leben zurückblicken, bevor ihm der literarische Durchbruch vergönnt war. In bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte der junge Beckett eine höhere Bildung genossen, in Auslandsaufenthalten den Horizont erweitert und schließlich im Wissenschaftsbetrieb als Sprachforscher erste Erfahrungen gesammelt. Doch vermochte ihn die Perspektive einer bürgerlichen Existenz nicht zu halten. Immer wieder zog es ihn in die Ferne, neben London insbesondere nach Deutschland und Frankreich, wo er sich viel mit Dichtung und Philosophie beschäftigte. Erste Arbeiten als Schriftsteller fanden jedoch wenig Beachtung. Auch eine damals angefertigte Rimbaud-Übersetzung wurde erst vierzig Jahre später entdeckt. Seine Eindrücke 1936/37 in Hamburg, Berlin und München, wo er die Barbarei und Kunstfeindlichkeit des neuen deutschen Regimes beobachten konnte, dürften ihn nachhaltig geprägt haben.

Samuel Beckett Nobelpreis

„Seine Schuhe für die Schuldhaftigkeit der Füße zu verfluchen“, ist eines der Menschenbilder Becketts.

Zurück in Paris, wo er in der Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil seine künftige Ehefrau kennengelernt hatte, wurde er bald von den dramatischen Umständen der deutschen Besatzung mitgerissen. Zusammen mit Deschevaux-Dumesnil schloss er sich Ende 1940 dem französischen Widerstand an. Doch bereits zwei Jahre später flog ihre Zelle auf. Beckett und seine Partnerin flohen nach Südfrankreich und konnten sich dort bis Kriegsende durchschlagen. Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten engagierte sich Samuel Beckett beim Roten Kreuz – und nahm seine literarische Arbeit mit ungebremster Energie von neuem auf. Dieses Mal war ihm das Schicksal gnädig.

Warten auf GodotSamuel Beckett schrieb nach dem Krieg sowohl in englischer als auch in französischer Sprache und nahm die jeweiligen Übersetzungen meist persönlich vor. Diese Vielseitigkeit spiegelte sich auch in den gewählten Formaten wider. Theaterstücke, Romane, und – seinerzeit eine gänzliche Neuheit – Radiohörspiele flossen aus seiner Feder und fanden mit den Jahren eine wachsende Zahl interessierter Leser und Zuhörer. Seinen Durchbruch erlebte Samuel Beckett aber natürlich mit dem bis heute wohl berühmtesten Werk seines Schaffens: „Warten auf Godot“. Zwei tragische Gestalten, sekundiert von Nebenpersonen, warten auf jemanden, der nicht erscheint, und offenbaren darin die Hilf- und Sinnlosigkeit ihrer Existenz. Auch dieses Stück präsentierte sich als Rätsel und forderte unzählige Lösungsvorschläge von Zeitgenossen und Kritikern heraus. Als Vorzeige-Existenzialist, revolutionärer Post-Existenzialist, Jungianer und Freudianer, Schöpfer des Absurden Theaters und was noch alles gefeiert, verehrt und ikonisiert, hielt sich Beckett aus allen Deutungsversuchen heraus. Auf die Frage, ob wenigstens er denn wisse, wer Godot sei, entgegnete er flapsig: „Hätte ich es gewusst, hätte ich das Stück nicht geschrieben.“

Im Folgenden widmete sich Beckett der Auflösung bestehender Deutungs- und Verhaltensmuster und suchte auf dem Papier nach einer Haltung innerhalb einer für die menschliche Existenz zu absurden Welt. Dabei verlor er, zumindest literarisch, nicht den Humor, sondern entdeckte ihn neu als persönliche Erlösung, wenn schon nicht als Ausweg. „Man hat so lange das Schlimmste vor sich, bis es einen zum Lachen bringt.“ Mitunter verzichtete Beckett aber auch gänzlich auf Worte. 1957 und 1959 veröffentlichte er die Pantomimen-Stücke „Akt ohne Worte I & II“. Doch auch beredt widmete er sich ausgiebig der fortschreitenden Reduktion als Symbol des menschlichen Daseins. Seine Roman-Trilogie „Molloy“, „Malone stirbt“ und „Der Namenlose“ präsentiert den Zerfall und den Niedergang in bizarren inneren Monologen. Die Sehnsucht nach dem erlösenden Schweigen kann kaum grotesker abgebildet werden. Über allem aber steht der Tod, jener einzige Erlöser im Diesseits. Sooft der Sterbende auch nach „mehr!“ verlangt, kann er sich am Ende nur mit ihm versöhnen, auf ihn einlassen oder, wie im Kurz-Drama „Rockaby“ demonstriert, ihn schlichtweg aushalten.

Irische NobelpreistraegerSeine erfolgreiche literarische Kontinuität konterkarierte Beckett mit den Jahren durch einen immer zurückgezogeneren Lebensstil. 1969 erschien er noch nicht einmal zur Entgegennahme des Literatur-Nobelpreises. Seit Beginn der 60er-Jahre widmete sich Beckett auch Film- und Fernsehproduktionen. Damit ist er einer der wenigen Autoren, die sich in allen vier Sparten – Buch, Theater, Radio und TV – verdient gemacht haben. Erst im hohen Alter kehrte zunehmend Ruhe um seine Person ein. 1989 verstarb Beckett schließlich wenige Monate nach dem Tod seiner Frau. Sein Werk wird künftigen Literaturwissenschaftlern noch so manche Nuss zu knacken geben. Doch das macht ja schließlich den Reiz der Literatur aus, nicht wahr? Oder um es in Becketts Worte zu fassen: „Das ist der Fortschritt der Wissenschaft, dass die Professoren mit ihren Irrtümern weitermachen können.“ Hinsichtlich Samuel Becketts kann aber auch das fruchtbar sein. In diesem Sinne: Weitermachen!


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Verfasst von: Jan Sperhake

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