Staatliche Kriminalität

Auktionslos mit unterschlagenen Briefen

Die Postgeschichte ist reich an Kriminalfällen. Man denke an den legendären Raubüberfall auf einen britischen Postzug, an die Fälschung von Briefmarken zum Schaden der Post oder an die Unterschlagung von Sendungen durch Postzusteller. Alle Straftaten haben eines gemeinsam: Sie werden nach der Entdeckung strafrechtlich verfolgt.
Das unterscheidet sie von einer anderen Form der Kriminalität, einer staatlich organisierten, der Briefspionage und -zensur. Sie galt und gilt als ein Mittel der Politik und wird nur thematisiert, wenn unangenehme Enthüllung drohen oder einer der Täter den Bogen überspannt. Das gesamte Ausmaß der Machenschaften werden wir wohl kaum jemals erfahren. Dies gilt auch für das Schwarze Kabinett, die Briefspionage in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.
Gezielt öffneten die Spione Briefe und fertigten Abschriften. Meistens verschlossen sie die Umschläge so, dass die Tat unbemerkt blieb. Mitunter aber arbeiteten sie bewusst dilettantisch, denn Absender und Empfänger sollten erfahren, dass der Inhalt eines Schreibens den Machthabern bekannt wurde. Diese Vorgehensweise bildet gewissermaßen die Basis des Kriminalromans von Dr. Joachim Helbig, Experte im Bund Philatelistischer Prüfer.
Eine Gruppe Adliger versucht, an Originale alter Briefe heranzukommen, die das Schwarze Kabinett seinerzeit unterschlagen hat. Neben anderem geht es den Adligen um ihre Ehre, und für diese Ehre scheuen sie nicht einmal vor Mord zurück – die einst herrschende Schicht hatte schon immer ihre höchst eigenen Moralvorstellungen. Ohne es zu wollen, stellte sich ihnen der Privatgelehrte Heller in den Weg, indem er auf einer Auktion einen vorher nur teilweise gesichteten Briefbestand ersteigerte. Die enthaltenen Briefe bilden den eigentlichen Mittelpunkt des Buches.
Darin stehen die postgeschichtlichen Schilderungen Helbigs. Die philatelistischen Aspekte verknüpft er geschickt mit der allgemeinen Geschichte und arbeitet Zusammenhänge heraus, die auch langjährigen Philatelisten mit Schwerpunkten wie Bayern, Tirol oder Vorphilatelie nicht immer bewusst sein dürften. Wer Helbigs Standardwerk „Postvermerke auf Briefen des 15.-18. Jahrhunderts“ gelesen hat, ist natürlich im Vorteil. Doch möchten wir auch den Viellesern – selbst im Zeitalter des Internets gibt es sie noch, die Philatelisten, die nicht bloß Literatur zu ihren Spezialgebieten zur Hand nehmen – empfehlen, „Das Schwarze Kabinett“ nach der Klärung des Kriminalfalls ein zweites Mal zur Hand zu nehmen und die postgeschichtlichen Kapitel eingehend zu studieren. Auch ein, sagen wir, Kanada-Sammler profitiert von dem Wissen, das Helbig quasi nebenher vermittelt. Dass ein Kriminalroman nicht die postgeschichtliche Monografie ersetzen kann, braucht wohl nicht ausdrücklich erwähnt zu werden. Fachbücher, auch Fachartikel, sind halt ein ganz anderes Genre.
Geschickt verwebte Helbig die Handlungsstränge. Die Technik kennt ein jeder von E. T. A. Hoffmanns „Lebensansichten des Katers Murr“. In der Hauptfigur dürfen wir wohl den Autor erkennen – ein Selbstporträt mit Augenzwinkern. Der Roman eignet sich bestens als Geschenk für Noch-Nicht-Philatelisten.

Diese Besprechung des Romans erschien zuerst in DBZ 1/2015.

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Verfasst von: Torsten Berndt

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