Meister musikalischen Humors

Zum hundertsten Geburtstag, 1965, porträtierte die Dänische Post Carl August Nielsen, MiNr. 432 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Zum hundertsten Geburtstag, 1965, porträtierte die Dänische Post Carl August Nielsen, MiNr. 432 (beide Abb. Schwaneberger Verlag).

Benjamin David Goodman dürfte den meisten als Jazzklarinettist bekannt sein. Weniger geläufig ist, dass der „King of Swing“ auch verschiedene Aufnahmen klassischer Werke hinterlassen hat. Anders als viele Unterhaltungsmusiker seiner Zeit konnte er eine solide Ausbildung genießen und beherrschte sein Instrument derart gut, dass ihm auch technisch schwierigste Werke keine Probleme bereiteten. Vier große Tonsetzer widmeten ihm sogar Werke: Malcolm Arnold, Béla Bartók, Aaron Copeland und Paul Hindemith.
Sie alle zählten zu den Vertretern der Moderne. Der Kategorie nähert sich auch ein Klarinettenkonzert, zu dem Goodman eine der Referenzaufnahmen einspielte, die bis heute neben den Aufnahmen Sabine Meyers und Martin Frösts Bestand hat. Das Klarinettenkonzert Opus 57 zählt zu den Spätwerken Carl August Nielsens, der schon als 14-Jähriger seinen Lebensunterhalt mit der Musik verdienen musste.
Vor 150 Jahren erblickte er am 9. Juni das Licht der Welt. Seine Familie war bettelarm, Nielsen das siebente von zwölf Kindern. Ersten Violinunterricht bekam er vom Vater und erlernte dann Trompete, weil er sich eine Anstellung im Militärorchester erhoffte. Der Plan ging auf, und Nielsen fand Förderer, die seine musikalische Begabung erkannten. Ab 1883 konnte er dank eines Freiplatzes am Konservatorium in Kopenhagen studieren. Der Schwerpunkt lag auf der Violine, doch widmete sich Nielsen auch dem Komponieren und Dirigieren. 1888 legte er mit der Kleinen Suite für Streicher ein vielversprechendes Opus 1 vor. Im Folgejahr fand er eine Anstellung als Violinist am Königlichen Theater Kopenhagen, ehe er 1890 ein Stipendium erhielt, um seine Ausbildung in Deutschland zu vervollkommnen.
Seine erste, 1892 vorgelegte Sinfonie spiegelte zwar noch deutlich den Einfluss der Werke von Johannes Brahms, Antonin Dvořák und Johan Svendsen, doch zeigte sie bereits deutlich, dass Nielsen neue Wege zu gehen bereit war. Musikwissenschaftler bezeichnen sie als erste Sinfonie weltweit, die in einer anderen Tonart beginnt als sie endet – g-moll zu C-Dur. Bereits mit ihr gelang Nielsen der Durchbruch, mit der zweiten Sinfonie, der 1902 uraufgeführten „Die vier Temperamente“, erschrieb er sich Weltruhm. Die Szenerie, auf der die Sinfonie basierte, war eigentlich grotesk: Eine Skizze, welche die vier menschlichen Temperamente darstellte, war dermaßen übertrieben gehalten, dass ein jeder schmunzeln musste. Nielsen schuf die Sätze Allegro collerico, Allegro comodo e flammatico, Andante malincolico und Allegro sanguineo. Ein Meisterwerk, das noch durch und durch tonal ausfiel und den althergebrachten Grundsätzen der Sinfonik folgte, zugleich aber bereits den Schritt in die gemäßigte Moderne andeutete.
Nichtsdestoweniger blieb Nielsen bis zur Entfesselung des Ersten Weltkrieges der Spätromantik treu. Auch Liebhaber der Kompositionen Niels Wilhelm Gades, Wilhelm Stenhammars oder Jean Sibelius‘ schätzen seine Werke, so, wie Freunde Wolfgang Amadeus Mozarts gewöhnlich auch die Schöpfungen Ludwig van Beethovens mit Genuss hören. Man darf nicht vergessen, dass Beethoven Anfang des 19. Jahrhunderts ähnlich als schrecklicher Revolutionär galt wie hundert Jahre später Nielsens Zeitgenossen Richard Strauss und Gustav Mahler. Die Kompositionen riefen Bewunderung hervor, stießen aber zugleich auf Unverständnis und – oftmals nicht nur musikalisch begründete – Ablehnung.
Beispielhaft für Nielsens Beschäftigung mit den Traditionen können die Helios-Ouvertüre von 1903 und die beiden Opern stehen, „Saul und David“ von 1901/02 und „Maskerade“ von 1905/06; Letztere gilt heute als eine Art dänische Nationaloper. Besonders hervor sticht sein Werk für Gesang, das neben anderem rund 350 Lieder umfasst. Viele avancierten zu Volksweisen, deren Ursprung als Kunstlied heute kaum noch jemandem geläufig ist. Nielsens Lieder werden regelmäßig in dänischen Schulen gesungen, auch in den unteren Klassenstufen. Jüngst beschlossen die Verantwortlichen Unterrichtsschwerpunkte mit Nielsens Werken, darunter das Erlernen von Liedern in der ersten bis dritten Klasse mitsamt Unterrichtsgespräch. Anderswo können sich Kinder dieses Alters glücklich schätzen, wenn sie überhaupt Musikunterricht genießen dürfen.
Mehr als die ewigen Debatten um klassische und moderne Musik unterstreichen viele Werke Nielsens musikalischen Humor, dem er zum Beispiel in seiner dritten Sinfonie, der 1912 uraufgeführten „Sinfonia espansiva“, Ausdruck verlieh, indem er zum Schluss des ersten Satzes einen Sopran und einen Bariton koloraturähnlich um den Vokal „a“ singen ließ. Der zweite Satz der sechsten Sinfonie, ein Allegretto, wird sogar des Öfteren mit den mal humorvollen, vielfach aber eher ironischen und bitter sarkastischen Humoresken Dmitri Schostakowitschs verglichen. Allerdings sollte man bei solchen Gegenüberstellungen nie vergessen, unter welchen äußeren Bedingungen Schostakowitsch arbeiten musste. Carl August Nielsen genoss dagegen stets die Freiheit, sein künstlerisches Empfinden voll ausleben zu können.
Mit der Entfesselung des Ersten Weltkrieges wurde Nielsens Tonsprache indessen rauer und atonaler. Der kraftvollen vierten Sinfonie gab er den Titel „Das Unauslöschliche“. Anfang 1916 uraufgeführt, kann man sie als Ausdruck des Überlebenswillens interpretieren, doch gilt es zu bedenken, dass Dänemark sich neutral verhielt und – anders als im Zweiten Weltkrieg – unbesetzt blieb, wohl auch keinen Einmarsch des deutschen Heeres zu fürchten brauchte. Nielsen pflegte allerdings stets enge Kontakte über die Landesgrenzen hinaus. Unter anderem stand er in regelmäßigem Briefwechsel mit Julius Röntgen; die Niederlande konnten zwar auch ihre Neutralität und Unabhängigkeit wahren, hielten aber während aller Kriegsjahre die Mobilisierung aufrecht, was natürlich latente Spannungen mit dem östlichen Nachbarn nach sich zog. Persönliche Krisen spielen womöglich in die Komposition hinein, da Nielsen im Sommer 1914 seine Stellung am Königlichen Theater Kopenhagen aufgegeben hatte, was finanzielle Einschränkungen nach sich zog.
Nur zwei Sätze umfasste die fünfte, 1922 uraufgeführte Sinfonie, die indessen in zwei beziehungsweise drei Teile gegliedert waren. Sie spiegelt eine vielleicht zeittypische Zerrissenheit, ohne aber grundsätzlich mit den Traditionen zu brechen. Nielsen beschäftigte sich zwar mit den aktuellen Tendenzen, pflegte auch eine intensive Freundschaft zu Arnold Schönberg. Selbst mochte er diesen Weg aber nur mit größter Zurückhaltung gehen und beschrieb die Sinfonie als „schwierigste Aufgabe, die ich mir bisher gestellt habe“ und erklärte, „nächstes Mal werde ich einen ˌleichteren‘ Stil wählen, um mich selbst und, wie ich hoffe, auch Andere zu amüsieren.“
Mit der 1925 uraufgeführten sechsten Sinfonie gelang ihm dies auch. Wechselweise erklingen schwerere und leichte Passagen, musikalischer Humor verdrängt die formale Strenge, und über allem schwebt der Titel „Sinfonia semplice“, der Einfachheit vortäuscht. Nielsens Sechste lässt trotz ihres schlicht anmutenden Kopfthemas in puncto Komplexität nichts zu wünschen übrig und verlangt den Musikern alles ab. Nielsen gelang es, ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Instrumentengruppen und den einzelnen Satzteilen herzustellen, sodass selbst die Triangel oder die kleine Trommel tragende Funktionen im Gesamtkunstwerk einnehmen.
Dem kompositorischen Stil blieb er auch bei seinen beiden letzten großen Konzerten treu, dem 1926 uraufgeführten Flötenkonzert und dem 1928 erstmals gespielten Klarinettenkonzert. Für das Flötenkonzert komponierte Nielsen zunächst einen provisorischen Schluss – gesundheitsbedingt, denn der Konzerttermin stand fest. Wieder hergestellt, schuf er die recht voluminösen Schlusstakte, die heute stets zu hören sind. Mit dem Klarinettenkonzert gelang ihm das Kunststück, eines der für das Instrument technisch schwierigsten Werke überhaupt vorgelegt zu haben, obgleich er selbst nicht Klarinette spielte. Auch klanglich zählt es zu den äußerst anspruchsvollen Werken, das sich vielen erst beim zweiten Hören erschließt – eine gute Einspielung vorausgesetzt. Die Aufnahme zu Lebzeiten Nielsens fiel denn auch zurückhaltend aus.

Das Klarinettenkonzert sollte das letzte große Werk Carl August Nielsens werden, der bis zuletzt als Komponist und Dirigent arbeitete. Am 3. Oktober 1931 verstarb er in einem Kopenhagener Krankenhaus. Am Abend des 1. Oktober hatte er noch die Rundfunkübertragung seines 1911 uraufgeführten Violinkonzertes hören können, eine Aufführung, die er eigentlich selbst dirigieren wollte.

Das Elternhaus Carl August Nielsens in Nørre-Lyndelse erschien 1974 auf einer Briefmarke, MiNr. 565.

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Verfasst von: Torsten Berndt

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