Rhythmus vereint Musik, Sprache und Tanz

Zum 100. Geburtstag von Carl Orff erschien diese Briefmarke (MiNr. 1806)

Zum 100. Geburtstag von Carl Orff erschien diese Briefmarke mit dem Schicksalsrad der Fortuna im Zentrum (MiNr. 1806)

Mit Xylophonen, Glockenspiel und Trommeln beginnt für viele Kinder der Weg in die Welt der Musik. Mithilfe dieser Instrumente sollen Kinder natürlich und spielerisch zum Singen, Tanzen und Musizieren angeregt werden, Improvisation und Kreativität sollen gefördert werden. Das Konzept hinter dieser Idee ist das große Erbe des Komponisten und Musikpädagogen Carl Orff, der 1924 in München zusammen mit der Ausdruckstänzerin Mary Wigman eine Schule für Gymnastik, Rhythmik und Tanz eröffnete. Zusammen mit Gunild Keetman entwickelte er ein ganz neues musikpädagogisches Konzept: „Das Schulwerk. Elementare Musikübung“ erschien ab 1930 in mehreren Heften. Das Konzept wird bis heute an Kindergärten, Musikschulen und Schulen und auch in der Heilpädagogik eingesetzt. Es baut darauf auf, dass Rhythmus die Grundlagen menschlichen Ausdrucks verbindet: Musik, Sprache und Tanz. Und es setzt darauf, dass jeder Mensch sich damit ausdrücken kann.

Carl Orff wurde heute vor 120 Jahren in München geboren. Seine Mutter Paula, eine Konzertpianistin, und sein Vater Heinrich, der Geige spielte, förderten sein musikalisches Talent. Mit fünf Jahren bekam Carl Orff Klavierunterricht, mit sieben Jahren begann er, Cello zu spielen. Und als Neunjähriger komponierte er erste Stückchen für sein Puppentheater. Die Aufführung von Richard Wagners „Fliegendem Holländer“, die er mit 14 Jahren erlebte, beeindruckte den Jungen so sehr, dass er begann, in der Musik zu leben. Schließlich brach er mit 16 Jahren die Schule ab und studierte von 1912 bis 1914 an der Königlichen Akademie der Tonkunst in München Komposition. Inspiriert wurde er von Werken von Claude Debussy, von der Zwölftonmusik Arnold Schönbergs und von Igor Strawinsky. Nach Einsatz im Krieg mit Verletzungen und langer Genesungszeit, wurde Orff Kapellmeister am Nationaltheater in Mannheim und am Hoftheater Darmstadt.

1921, mit 26 Jahren, führte Orff in Berlin seine erste größere Komposition nach Texten von Franz Werfel auf. Die Kritik ist vernichtend: Als belanglos und enervierend durch seine ständigen Wiederholungen werden die „Werfel-Kantaten“ zerrissen. Erfolgreicher ist Orff mit seinen pädagogischen Ideen: 1924 gründete er gemeinsam mit Dorothee Günther die „Günther-Schule-München“, in der er die Musikabteilung leitete. Ausgebildet wurde dort in Gymnastik, Rhythmik, Musik und Tanz. Die Idee, dass sich aus der Bewegung heraus das musikalisch-rhythmische Gefühl entwickeln soll, baute er im Orffschen Schulwerk aus. Die Nazizeit bremste die Pläne, diese Art der Musikerziehung an Schulen umzusetzen. Die Nationalsozialisten schlossen 1944 die „Günther-Schule“, Orffs Musik aber wurde weitgehend akzeptiert. War Orff Unterstützer oder Mitläufer, war er ein Nazi oder ein Unverdächtiger, der einfach versuchte zu überleben? Seine Einordnung in diese Zeit ist umstritten. Orff trat 1940 in die Partei ein, er hat sich offenbar mit den Machthabern arrangiert. Aber auch nicht zur Gänze: Er komponierte zwar für die Olympischen Spiele in Berlin 1936 ein Stück für den Einzug der Kinder, doch eine angefragte „Kampfmusik“ für die Wochenschau lehnte er ab.

Nach dem Krieg konnte er seine Pädagogische Arbeit fortsetzen, in fünf Bänden kam Anfang der 1950er-Jahre die „Musik für Kinder“ heraus. Das Konzept setzte sich durch und die Nachfrage nach geeigneten Instrumenten stieg, der Orff gemeinsam mit einem Maschinenbauer nachkam.

Orffs musikalisches Vermächtnis sind die „Carmina Burana“, die Vertonung einer Sammlung mittelalterlicher Dichtung aus dem 13. Jahrhundert – eine Mischung aus Trink- und Liebesliedern, moralisch-satirischen Dichtungen und geistlichen Schauspielen, die im Kloster Benediktbeuern entdeckt wurden. Er wählte daraus 25 weltliche Texte aus und verarbeitete sie in der szenischen Kantate, die durch seine klaren melodischen und harmonischen Strukturen und die rhythmusbetonte Musik, in der das ganze Orchester perkussiv eingesetzt wird, in ihren Bann zieht. Die Nationalsozialisten lehnten das Werk, das 1937 uraufgeführt wurde, als „bayerische Niggermusik“ ab. Ironischerweise sehen in ihr manche Kritiker wegen der pompösen Wucht gerade ein besonders nazikonformes Stück. 1939 und 1943 kamen die Märchenopern „Der Mond. Ein kleines Welttheater“ und „Die Geschichte von dem König und der klugen Frau“ auf die Bühne. Das Musiktheaterstück „Die Bernauerin“ wurde 1947 uraufgeführt. In der „Antigonae“ setzte Orff 1949 seine Ideen radikal um: Wort und Musik, Szene und Bewegung verbanden sich. Die gewünschte Instrumentierung ist beeindruckend und selten umzusetzen: Sechs Flügel, vier Harfen, neun Kontrabässe, sechs Paar Kastagnetten, drei Paar türkische Becken, zehn javanische Buckelgongs, Zimbeln, Tamburins und Triangeln, eine afrikanische Holzschlitztrompete oder die von Orff erfundenen Trogxylophone oder Steinspiele muss man erst einmal zusammenbekommen und für sie einen geeigneten Raum und die entsprechenden Musiker finden. Seine Lust am Experimentieren zeigt sich auch im rhythmisch betonten Einsatz der Stimmen. Mit dem „Spiel vom Ende der Zeiten“, das christliche Vorstellungen vom Weltuntergang mit antiken Anschauungen verbindet und das 1973 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wird, endet Carl Orffs Lebenswerk. Der Komponist war viermal verheiratet und hatte eine Tochter. Mit 86 Jahren starb er am 29. März 1982 in München.

 


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Verfasst von: Verena Leidig

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