Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht

DBZ - hier mal in Sütterlinschrift

DBZ – hier mal in Sütterlinschrift.

Schnörkelig und für heutige Menschen schwer lesbar ist die Schrift, die noch unsere Großeltern oder Eltern in der Schule gelernt haben. Statt der vereinfachten Ausgangsschrift, wie sie heutzutage in den Grundschulen gelehrt wird, erlernten die Schüler bis in die 1940er-Jahre die schön geschwungenen Buchstaben der Schrift, die nach ihrem Schöpfer Karl Ludwig Sütterlin (1865 – 1917) benannt wurde.

Wer heute Briefe aus früheren Zeiten lesen möchte, muss sich mit der Schriftkunst auseinandersetzen, denn manche Buchstaben lassen sich mit den heutigen nur schwer vergleichen. Wie eine besonders kunstvolle Geheimsprache erscheinen manche Schriftwerke. Und es gibt viele Besonderheiten. So wird unterschieden zwischen langem s, das am Anfang oder in der Mitte eines Wortes steht, und dem runden s am Ende des Wortes. Ein h erinnert an das heutige f. Der Buchstabe e ähnelt dem n. Mit ein bisschen Übung lassen sich die Texte aber gut lesen – und sie sehen meist hübsch künstlerisch aus.

Karl Ludwig Sütterlin, morgen vor 150 Jahren, am 15. Juli 1865 in Lahr geboren, schlug von Anfang an den richtigen Berufsweg ein, der ihn später zum bekannten Grafiker und Erfinder von Schriften machte: Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Sütterlin eine fünfjährige Lehre zum Lithographen bei der Firma Ernst Kaufmann in Lahr. Die Lithographische Anstalt Ernst Kaufmann hatte sich bereits 1816 gegründet und ist noch heute als Druckhaus Kaufmann in sechster Generation in Familienbesitz. Eine gute Adresse also für Sütterlin. Doch nur kurze Zeit hielt es ihn beruflich in dem Druckgewerbe – die Kunst rief. Nachdem er einige Jahre in Frankfurt/Main gearbeitet hatte, zog er mit seinem Bruder Ernst 1888 nach Berlin und nahm am Berliner Kunstgewerbemuseum Unterricht bei den bekannten Grafikern Emil Döpler und Max Koch. Mit einer Auftragsarbeit zum zehnjährigen Bestehen der Berliner Electricitäts-Werke macht sich Sütterlin erstmals bekannt – nicht unumstritten sind seine allegorischen Grafiken mit der „Göttin des Lichts“ für die Plakate.

Eine Gedenkmarke zu „100 Jahre Strom für Berlin“ mit der Grafik von Ludwig Sütterlin erschien 1984 (MiNr. 720).

Eine Gedenkmarke zu „100 Jahre Strom für Berlin“ mit der Grafik von Ludwig Sütterlin erschien 1984 (MiNr. 720).

Sehr im Stil der Zeit ist die Göttin, die 1894 das erste Markenzeichen für die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) wird: Eine halbnackte Frau mit wallendem Haar sitzt auf einem gefiederten Rad, aus dem Blitze sprühen, und hält eine strahlende Glühbirne hoch. Sehr viel handfester ist sein „Hammer-Plakat“ für die Berliner Gewerbeausstellung 1896, das als eine Pionierarbeit der Gebrauchsgrafik und Plakatkunst gilt: Vor einer industriellen Landschaft bricht ein Arm durch die Erde, die Faust hält einen Hammer in die Höhe, eingefasst wird die Szenerie von einem Jugendstil-Rahmen.

Sütterlin arbeitet als Lehrer im Buchgewerbe und ist an Fachschulen und ab 1904 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums tätig, dort wird er später zum Professor ernannt. Neben seinen Werbegrafiken und Schriften entwirft Sütterlin auch filigrane farbige Gläser und Vasen sowie Lederarbeiten und gestaltete Bücher.

Doch bekannt ist er mit der Druckschrift, der „Sütterlin-Unziale“ und seiner deutschen (der späteren Sütterlinschrift) und lateinischen Ausgangsschrift. Das preußische Kultur- und Schulministerium veranlasste die Schreibreform und beauftragte Sütterlin mit dem Entwurf einer Schrift, die leserlich, schlicht und einfach zu lernen aber auch ansehnlich und modern sein sollte.

Die Schrift, die Sütterlin den Volksschullehrern beibrachte, löste die deutsche Kurrentschrift ab. Die Sütterlinschrift wurde 1915 in Berlin, kurze Zeit später in ganz Preußen, 1931 in Baden und 1935 reichsweit als verbindliche Schulausgangsschrift eingeführt. 1926 erschien ein „Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht“ mit der Schrift. Schon 1941 wurde sie allerdings von den Nationalsozialisten als vermeintlich jüdischen Ursprungs verboten und durch die Deutsche Normalschrift und nach dem Krieg durch die lateinische Ausgangsschrift ersetzt.

Heute, mit einfachen Schriften und den pädagogischen Plänen, die Kinder nur noch Druckbuchstaben schreiben zu lassen, ist die Sütterlinschrift in weiter Ferne. Schönschreibhefte mit feinen Linien für große und kleine Buchstabenschwünge, wie es sie früher in jeder Grundschule gab, kennen die Kinder kaum noch. Und auch die neue Rechtschreibung passt nicht mehr zum Sütterlin, denn Wörter mit einem ss am Ende sind in der alten Schrift nicht vorgesehen. So boomen im Internet Seiten, in denen Menschen anbieten – zum Teil für viel Geld – alte Texte zu transkibieren. Ein lukratives Geschäft. Daran hat der Schöpfer sicherlich nicht gedacht, als er vor mehr als 100 Jahren die Schrift entwarf, um den Kindern das Schreiben mit der Feder zu erleichtern.


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Verfasst von: Verena Leidig

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