Tragischer Unfall oder düsteres Komplott?

Schweden Dag Hammarskjöld Briefmarke

Im Jahr 1987 brachte die schwedische Post eine Briefmarke zu Ehren des Diplomaten Dag Hammarskjöld an die Schalter.

Bis heute ist nicht geklärt, welche die wahren Umstände waren, unter denen der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld am 18. September 1961 starb. Wäre es nicht auch aufgrund der weiteren 15 Menschen, die neben ihm ums Leben kamen, ein so dramatisches und trauriges, allzu reales Ereignis gewesen, man könnte die Geschehnisse von damals beinahe lesen wie einen knallharten modernen Thriller.

Der hochrangige schwedische Politiker stürzte mit einem Flugzeug ab, das ihn von der damals noch Léopoldville und heute Kinshasa benannten Hauptstadt Kongos in das im heutigen Sambia gelegene Ndola bringen sollte. Und die Frage, welche Ermittelnde noch heute umtreibt, lautet: Handelte es sich dabei, wie seinerzeit von einer eingesetzten Kommission erhoben, um ein fürchterliches Unglück infolge technischer Komplikationen oder menschlichen Versagens? Oder um einen kaltblütigen Mordanschlag, etwa einen von einigen Augenzeugen berichteten Abschuss von Hammarskjölds DC- 6 durch ein anderes Flugzeug, organisiert von westlichen Geheimdiensten? Es war besonders die Rolle des am 29. Juli 1905 geborenen Hammarskjölds in der sogenannten „Kongokrise“, die letzteren Theorien zugrunde liegt.

Doch der Reihe nach: Im Anschluss an seine wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Studien machte der aus einer schwedischen Adelsfamile stammende Hammarskjöld erst einmal eine steile Karriere auf zwei Gleisen: Bei der schwedischen Reichsbank einerseits sowie andererseits im Finanz- und dann im Außenministerium seines Heimatlandes. Die Orientierung zu Außenpolitik und Diplomatie, zu Internationalität, gipfelte 1953 in seiner Wahl zum Generalsekretär der Vereinten Nationen. Eine zweite Zeit in diesem mit globaler Friedenssicherung und Konfliktbeseitigung befassten Amt begann vier Jahre später.

Equador Briefmarke Hammarskjöld

Zahlreiche Postverwaltungen widmeten dem Diplomaten Dag Hammarskjöld eine Briefmarke, unter anderem Ecuador im Jahr 1966.

Was führte nun zum Tod Hammarskjölds? In der schicksalhaften Nacht des Spätsommers 1961 befand er sich auf dem Weg zu Moise Tschombé. Zusammen mit seinen Anhängern hatte dieser gerade die Abspaltung der Provinz Katanga von Kongo erklärt. Dieses war seinerseits erst im Jahr zuvor von Belgien unabhängig geworden. In der jungen Republik Kongo gab es allerdings zum einen noch viele belgische Staatsbürger, und zum anderen bestanden dort weiterhin wirtschaftliche Interessen der ehemaligen europäischen Kolonialherren. Vor allem galt letzteres im Bereich der in Katanga angesiedelten, lukrativen Kupferproduktion.

Um die Landsleute zu schützen, die im infolge der aufgelösten belgischen Zentralgewalt verwaltungsmäßig zunächst recht strukturlos gewordenen Land verblieben waren, wurden von belgischer Seite Soldaten entsendet. Patrice Lumumba, der Ministerpräsident Kongos, bat wegen Nichtachtung der kongolesischen Souveränität bei den Vereinigten Nationen um Hilfe und Eingreifen.

Die politische Situation war also überaus angespannt und konfus: Die alten Machtverhältnisse in der afrikanischen Region waren aufgebrochen, neue und widerstreitende Ansprüche kamen aus unterschiedlichen Richtungen.

Und zwar nicht nur auf regionaler Ebene, sondern auch in der weltpolitischen Dimension US-amerikanisch-westlicher und sowjetischer Absichten: Erhielt Lumumba doch auf der einen Seite Hilfe durch die Sowjetunion. Und auf der anderen unterstützten die USA seinen Kollegen und gleichzeitigen Kontrahenten, den kongolesischen Präsidenten Kasavubu. Speziell förderte man auch den schließlich erfolgreich gegen Lumumba putschenden Militäroberen und späteren Staatschef Joseph Mobutu. Und auch die USA hatten die Rohstoffgewinnung in Katanga im Blick, die nicht unter dem in ihren Augen zum Kommunismus neigenden Lumumba an den Ostblock verlorengehen sollte. Sie bevorzugten diesbezüglich tendenziell den seperatistischen Tschombé.

1970 Briefmarke UNO Dag Hammarskjöld

Die Vereinten Nationen ehrten im Jahr 1970 ihren ehemaligen Generalsekretär mit der Ausgabe einer Briefmarke.

Der UN- Generalsekretär Hammarskjöld wollte in dieser verworrenen und ernsten Lage vermitteln und beruhigen. Und dabei beabsichtigte er, was die beiden Großmächte des Kalten Krieges betraf, neutral zu bleiben. Denn generell nahm Hammarskjöld eine kolonialismuskritische und für die Autonomie afrikanischer Staaten eintretende Position ein. Und die Vereinten Nationen begriff er entschieden und erklärtermaßen als Instanz, welche die Interessen einzelner Nationen und Großmächte überragte und selbstständig, nicht als bloße Marionette der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft agierte. Tatsächlich ließ er zum Unmut Präsident Kennedys, Belgiens sowie Großbritanniens UNO-Truppen, die durch seine Bemühungen ins Leben gerufenen „Blauhelme“, nach Katanga schicken. Sie sollten die dort befindlichen belgischen Truppen ersetzen, im Sezessionskrieg zwischen Kongo und Katanga den rebellischen Kämpfern Tschombés entgegenwirken und für friedlichere Verhältnisse sorgen.

Diese Haltung und Maßnahme Hammarskjölds, so die Anhänger der Mordtheorie, welche von ihren Gegnern als Verschwörungstheorie betrachtet wird, soll schließlich der entscheidende Grund für ein mögliches Attentat durch Geheimdienste westlicher Staaten oder Auftragskiller gewesen sein.

Über lange Jahre führte Dag Hammarskjöld ein posthum veröffentlichtes Journal, das tiefsinninge Reflexionen zu den Schwierigkeiten von Individualität und Selbstwerdung sowie zu einem großen Teil auch Zeugnisse der spirituellen Suche eines nachdenklichen Menschen enthält, der sich überaus ernsthaft mit seiner verantwortungsvollen Rolle auseinandersetzte. Wenige Monate nach seinem weltweit Schock und Bestürzung auslösenden Tod wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Hammarskjöld ist als unabhängiger Kopf in der maßgeblich vom Kalten Krieg geprägten Frühzeit der Vereinten Nationen in Erinnerung geblieben.

 


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Verfasst von: Marius Prill

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