1000. Todestag von Wladimir dem Heiligen

1000. Todestag von Wladimir dem Heiligen

Der Heilige Wladimir auf russischer Briefmarke von 2015
Heute erscheint in Russland eine Briefmarken-Ausgabe zum 1000. Todestag von Wladimir dem Heiligen, dem Großfürsten der Kiewer Rus, der in Russland das Christentum eingeführt hat. In diesem Jahr erschienen in Weißrussland und der Ukraine bereits Briefmarken-Blocks aus diesem Anlass. Liest man allerdings in alten russischen Chroniken nach, muss man feststellen, dass er absolut nicht das Leben eines Heiligen führte, denn dort heißt es: „Beischläferinnen aber hatte er 300 in Wyschgorod, 300 in Belgorod und 200 in Berestow, in dem Dorf, das jetzt Beretowo heißt. Und er ward nicht satt der Hurerei; nahm sich Weiber anderer Männer und schändete Jungfrauen. Denn er war ein Weiberfreund wie Salomo.“ (zitiert nach Donnert, Das Kiewer Russland, S. 54).
Wie kommt es, dass er dennoch als Heiliger verehrt wird?

Schon sein Vater Swjatoslaw hatte versucht, eine Staatsreligion in dem jungen Staat der Kiewer Rus durchzusetzen. Er hatte Russland zu einem Machtfaktor in Osteuropa aufsteigen lassen und sein Sohn Jaropolk (973 – 980) setzte diese Entwicklung fort. Wladimir, im Russischen Wolodimer, hatte als jüngster und illegitimer Sohn Swjatoslaw Nowgorod als Herrschaftsgebiet erhalten. Von hier aus eignete er sich das ganze Land an und war 980 Alleinherrscher der Kiewer Rus. Er wollte eine für die Staatsbelange geeignete Religion einführen, durch die die Staatsmacht gestärkt werden sollte. Bald musste er feststellen, dass dazu die heidnischen Glaubensvorstellungen nicht geeignet waren. Daher schickte er Gesandtschaften nach Deutschland, nach Byzanz und zu den Wolgabulgaren, die Moslems waren. Als sie zurückkamen, berichteten sie über den Islam, das katholische und das orthodoxe Christentum. Die empfahlen den orthodoxen Glauben anzunehmen, denn die Riten hatten die Gesandten am stärksten beeindruckt und schließlich habe auch Olga, die Großmutter des Fürsten, diesen Glauben angenommen. So nahm Wladimir den orthodoxen Glauben an. So berichten auf jeden Fall die Chroniken – doch das sind fromme Legenden, die Realität sah ganz anders aus.

Vladimir-Briefmarkenblock-Weißrussland

Der Heilige Wladimir auf einem weißrussischen Block vom 2. Juni 2015.

Wie aus der Chronik des mittelasiatischen Schriftstellers Marwazi (um 1045 bis 1120) zu entnehmen ist, hat der Herrscher ernsthaft die Annahme des Islams erwogen. Doch den Ausschlag gaben die engen Handelsbeziehungen mit Byzanz. Der byzantinische Kaiser und die Patriarchen wollten Russland für sich gewinnen, um es im Kampf gegen die Wolgabulgaren und die Araber einzusetzen. Der bulgarische Zar Samuel (976 – 1014) brachte zu diesem Zeitpunkt die byzantinische Armee mit seinen Angriffen in Bedrängnis. Byzanz musste Zugeständnisse machen, um Verbündete zu finden. Diese Situation nutzte Wladimir aus. Dabei drohte Wladimir auch damit, dass er sich mit den Bulgaren gegen Byzanz verbünden würde. Auch wenn die Byzantiner in ihren Chroniken berichteten, dass sie Missionare in die Rus schickten, lassen arabische Quellen erkennen, dass Kaiser Basileios (976 – 1025) Wladimir um Hilfe bat. Wladimir sagte die Hilfe unter der Bedingung zu, dass der Großfürst der Russen die Schwester des byzantinischen Kaisers zur Frau bekäme. Dafür ließ er sich und sein Volk auch taufen. Hochzeit und Taufe fanden 987 statt, so berichtete der Mönch Jakow. Doch auch diese Geschichte ist wieder stark beschönigt. In Wirklichkeit hatte Wladimir die griechische Stadt Cherson auf der Krim erobert und bedrohte so direkt das Byzantinische Reich. Er teilte dem Kaiser direkt mit: „Ich habe eine berühmte Stadt genommen. Nun höre ich, dass ihr eine jungfräuliche Schwester habt: Wenn ihr sie mir nicht zur Frau gebt, werde ich eurer Stadt (Konstantinopel, heute Istanbul) dasselbe antun, was ich dieser getan habe.“

Vladimir-Briefmarkenblock-Ukraine

Der Heilige Wladimir auf einem ukrainischen Block vom 28. Juli 2015.

Dies hört sich nicht nach einer gegenseitigen Abmachung, sondern nach klarer Erpressung an. Doch als Folge nahm Wladimir das Christentum an, heiratete die byzantinische Prinzessin Anna und hatte somit eine Porphyrogenneta zur Frau erhalten. Byzantinische Kaiser gaben eine Porphyrogenneta, also eine in Porphyr, der kaiserlichen Farbe, geborenen Prinzessin, die das Licht der Welt als Tochter eines regierenden Kaisers erblickt hatte, nur an gleichberechtigte Herrscher. Damit hatte das junge russische Reich die volle Gleichberichtigung mit dem byzantinischen Imperium erhalten, das ja als zweites Rom galt und die antiken Traditionen des Imperium Romanum fortsetzte. Dadurch konnte Russlands spätere Hauptstadt nach dem Fall Konstantinopels 1453 auch das dritte Rom werden und seine Herrscher den Kaisertitel annehmen. Beide Bezeichnungen der Herrscher Kaiser und Zar leiten sich vom lateinischen Namen Caesar ab.

Dietrich Ecklebe


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Verfasst von: Udo Angerstein

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