Mehr als ein Beatle: John Lennon

Mehr als ein Beatle: John Lennon

Als er am Abend des 8. Dezembers 1980 aus seinem Wagen stieg, um das nahe des „Central Parks“ gelegene New Yorker „Dakota-Building“ zu betreten, sprach ihn jemand an. John Lennon lebte seit einigen Jahren mit seiner zweiten Ehefrau, der japanischen Künstlerin Yoko Ono, und ihrem gemeinsamen, zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alten Sohn, Sean, in dem luxuriösen Appartementhaus. Sekunden später schoss der Mann, der seit Stunden vor dem Eingang des Gebäudes gewartet hatte, mehrere Male auf den englischen Musiker. John Lennon, 41 Jahre alt, starb, noch bevor ihn ein Notarztwagen ins Krankenhaus bringen konnte. Der Mörder, ein im Wahn Handelnder namens Marc Chapman, wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Um den begnadeten Songwriter und Sänger, den berühmten Rockstar und provokanten Friedensaktivisten trauerte die Welt. In den vergangenen 20 Jahren hatte er zuerst mit den „Beatles“ – die weithin als bedeutendste Rock-/Popgruppe aller Zeiten gelten – und dann als Solokünstler eine einzigartige Karriere erlebt.

Hamburg und Cavern Club
John-Lennon-Briefmarke-Gibraltar1Sein berühmter Songwriting-Partner und zumindest Jugend-Freund Paul McCartney hat öfter gesagt, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen seinen und Lennons lyrischen und kompositorischen Neigungen, die sich so effektiv ergänzten, auch in ihrer Kindheit und Jugend begründet liege. Die beiden teilten zwar eine überaus traurige Erfahrung: Denn sowohl McCartneys Mutter Mary als auch Lennons Mutter Julia starben auf tragische Weise früh. Doch habe Lennon, so sein kreativer Kollege, anders als er selbst keinen familiären Rückhalt bei der Bewältigung des frühen Unglücks gehabt. Nicht nur hatte Lennon seit seinem sechsten Lebensjahr ohne seinen Vater gelebt. Auch hatte Julia ihn mit fünf Jahren zu seiner Großmutter Mimi ab- und das Sorgerecht für ihn aufgegeben. Der junge Lennon, dies McCartneys Eindruck, habe dabei eine härtere Schale sowie einen ausgeprägteren Zynismus entwickelt. So heißt es oft vereinfachend, dass er bei den Beatles für die bissigeren, aufmüpfigen Texte und musikalischen Elemente zuständig gewesen sei, während McCartney das Harmonisch-Süßliche gepflegt habe.

John Lennon auf Briefmarke aus NicaraguaDass Lennon allerdings zeitlebens mit dem in gewisser Weise zweimaligen Verlust seiner Mutter beschäftigt war, ja, dass er sich seinen schmerzhaften Erinnerungen und Ängsten stellte, zeigen nicht zuletzt Songs wie das sanfte „Julia“ von 1968 oder das zwei Jahre später veröffentlichte „Mother“. Letzteres enthält die unverklärten Zeilen: „Mother, you had me, but I never had you. I wanted you, you didn’t want me.“
Die Rock- und Pop-Geschichtsschreibung weiß das Datum und den Ort: Es war am 6. Juli des Jahres 1957 bei einem Gig von Lennons Band „The Quarrymen“, als er und McCartney sich trafen. Kurz danach stieß mit George Harrison der dritte der baldigen „Fab Four“ dazu. Keiner von ihnen war volljährig, sie alle liebten es, Gitarre zu spielen und zu singen, und alle drei waren glühende Rock ‘n‘ Roll-Fans.

Zuerst wandten sie sich den Liedern ihrer großen Vorbilder zu: Buddy Holly und Little Richard, Elvis Presley und Eddie Cochran. Die jungen Männer kamen in ihren Elternhäusern zusammen, teilten die Gesangsstimmen unter sich auf und probten mit unerschütterlicher Leidenschaft und Ausdauer sowie großer Präzision.
Schon drei Jahre nach ihrer Entstehung reisten die Beatles nach Hamburg, wo sie im später legendären „Starclub“ jeden Abend stundenlang zum größten Teil Coverversionen spielten. Bei Laune und wach hielten sie sich gegenseitig mit ihrem gruppentypischen Humor sowie mit Zigaretten und Amphetaminen. Sie schlossen Freundschaft mit dem bzw. der ein oder anderen Vertreterin der erwachsenwerdenden deutschen Nachkriegsjugend. Darunter war auch der später berühmte Fotograf und E-Bassist Klaus Voormann, der unter anderem auf Lennons Single „Instant Karma!“ von 1970 zu hören ist.
Und besonders wichtig: In Hamburg fanden die jungen Beatles auch ihren letzten Teil, einen ebenfalls aus Liverpool stammenden Schlagzeuger namens Richard Starkey, der sich Ringo Starr nannte und dort als Mitglied von „Rory Storm and The Hurricanes“ aufhielt.
Zurück in Liverpool absolvierten sie diverse Konzerte im „Cavern Club“ und verhalfen der kleinen Spielstätte zu historischer Bedeutung.

British Invasion
Beatles-Briefmarke1Und bald begannen sie, das heißt, begann vor allem das Songwriting-Duo Lennon-Mc Cartney – zumeist als größtes Schreiber-Gespann der Rock- und Popmusik überhaupt betrachtet – verstärkt, eigene Songs in großem Tempo und nicht enden wollender Menge auszustoßen. Es war dies die erste Phase der Beatles, in der unzählige Evergreens wie „Please, please me“, „Yesterday“, „All my loving“, Can’t buy me love“, „I want to hold your hand“ oder „Help!“ entstanden. Sie machten die vier aus Liverpool zu weltweit verehrten Stars, wie man sie bis dahin und vielleicht seither nie wieder gesehen hat.
1964 reiste die Band nach Amerika, spielte bald im riesigen New Yorker „Shea Stadium“, die „British Invasion“ englischer Popgruppen begann, und auf der ganzen Welt lagen den Jungs mit den „Mop-Top“ genannten Pilzköpfen nicht nur die Bosse der Plattenindustrie, sonders besonders die weiblichen Teenager nicht selten ohnmachtsbedingt buchstäblich zu Füßen. An allen Ecken sprossen Beat-Bands aus dem Boden, die den auf ihren ersten fünf Studioalben gepflegten frühen „Mersey-Sound“ der Liverpooler imitierten. Seinen Namen hatte dieser vom Fluss bekommen, der durch die nordenglische Heimatstadt der Beatles führt.

Beatlemania-BriefmarkeEr entwickelte sich allerdings in rasantem Tempo weiter, besonders als die Beatles 1966 beschlossen, nicht mehr live aufzutreten. Bei den bisherigen Tourneen hatte man von den Performances der Band freilich sowieso nicht viel hören können. Denn die noch unentwickelte Lautsprechertechnik war – wie bei den bald nachfolgenden, von der Presse als solche ausgerufenen Rivalen der „Rolling Stones“ – selten in der Lage gewesen, den ohrenbetäubenden Lärm und das Kreischen der ekstatischen Fans während der Konzerte zu übertönen. In Kooperation mit ihrem Stamm-Produzenten George Martin widmete sich die Formation fortan der Arbeit an ausgesprochen einflussreichen und in gigantischer Menge verkauften Studioalben. Mit diesen stieß sie in bisher ungekannte Dimensionen der kreativen Innovation, akustisch- produktionstechnischen Vielschichtigkeit sowie stilistischen Experimentierfreude und Reichweite vor.

Beatles-Briefmarke2 Zwischen 1965 und 1969 veröffentlichte die Band mit „Rubber Soul“, „Revolver“, „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ – das von vielen als Höhepunkt ihres Schaffens und gleichzeitig der Rock-/Popmusik überhaupt angesehen wird – „The Beatles“ und „Abbey Road“ Werke, welche die bisherige populäre Liedkunst weiterentwickelten und transzendierten sowie bis heute geltende Maßstäbe setzten. Der Anspruch, den ihr weltweites Publikum an die Gruppe und speziell an den Rebellen Lennon stellte, war jetzt nicht mehr, das Bewusstsein in euphorischer Begeisterung zu verlieren, sondern es zu erweitern. Als die letzte, nicht minder hochgeschätzte Langspielplatte, „Let it be“, 1970 erschien, waren die Beatles jedoch schon Geschichte. Unter anderem wegen Bandleaderfragen zwischen und der Dominanz von Lennon-McCartney hatte man sich zerstritten, einander entfremdet und befand sich auf dem Weg in jeweils eigene Karrieren und private Leben.


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New York City
John-Lennon-Yoko-Ono-Briefmarke-GibraltarLennon führte dieser Weg nach New York, wo er mit Ono im von Künstlern bevölkerten Greenwich Village lebte. Nachdem er Cynthia, seine erste Ehefrau und die Mutter seines Sohnes, Julian, verlassen hatte, war er eine Art alltäglich-ganztägiger Symbiose mit Ono eingegangen. Eine der hartnäckigsten Erzählungen der Rockgeschichte, die von deren Bandmitgliedern jedoch nicht bestätigt wurde, sagt, dass ihre Beziehung nicht der unwichtigste Grund für die Auflösung der Beatles gewesen sei. Die intensive Verbindung schlug sich nicht nur in Form des 1970er-Albums „Plastic Ono Band“ auch in künstlerischer Zusammenarbeit nieder. Schon in den vorangegangenen Jahren hatten die zwei unter anderem den gemeinsamen Erstling „Two Virgins“ herausgebracht, dessen Plattencover das Paar in völliger Nacktheit zeigt.
Der sich in dieser Zeit zunehmend politisch engagierende Rockmusiker und seine zweite Ehefrau veranstalteten außerdem die berühmten „Bed-Ins“, bei denen sie die internationale Presse gemeinsam in einem Bett liegend empfingen. Zusammen wollten die beiden ihre Berühmtheit für pazifistische Zwecke nutzen und besonders auf den Vietnam- Krieg aufmerksam machen.
Mit Ono begab sich Lennon auch in die berüchtigte „Urschrei-Therapie“ und in die Hände des amerikanischen Psychologen Arthur Janov, um seine destruktiven Verhaltensweisen und Eigenschaften zu überwinden. Ein nicht zu unterschätzendes Wagnis für den Songwriter, der vermutete, dass die frühen Turbulenzen in seinem Leben und die daraus entstandenen emotionalen Probleme eine der Grundlagen seiner Kreativität seien.
John-Lennon-Briefmarke-Gibraltar2Legendär sein ein ganzes Jahr währendes „Lost Weekend“ von 1973/74, in dessen Rahmen sich der Rüpel Lennon mit Kollegen und Saufkumpanen wie dem Sänger Harry Nilsson und mit der zumindest halben Erlaubnis der oft als offensichtliche Mutterfigur betrachteten Ono in Los Angeles die Nächte und Tage in den Bars und Clubs des Sunset Strips um die Ohren schlug.
Nachdem er eine zeitweilige Liaison mit seiner Assistentin May Pang reumütig beendet hatte und bevor er Ende der 1970er-Jahre wieder aktiver wurde, zog sich Lennon im Anschluss an seine exzessive Exkursion zur Westküste in das häusliche Dasein als Ehemann und Vater zurück, das Ono und er in New York verlebten.
Auf dem letzten, im Monat vor seinem Tod veröffentlichten Album „Double Fantasy“ findet sich als Eröffnungssong „(Just like) Starting over“, welches andeutet, dass Lennon in kreativer Hinsicht viel vor sich sah. Von den zeitweise rigoros an die erste Stelle gesetzten Ehe- und Vaterfreuden sprach der stets zur Ironie bereite Musiker auch als „Brotback-Phase“.


Noch einmal vereinigt
Es waren dies die verschiedenen Seiten des John Lennon: Einerseits mit einem giftigen Humor und großer Schlagfertigkeit ausgestattet, schrieb er zu jeder Zeit überaus zärtliche Songs wie das seinem kleinen Sohn gewidmete „Beautiful Boy“ oder die innigen Liebeserklärungen „Oh my love“ und „Woman“. Lennon sagte, was er meinte, sang der Öffentlichkeit direkt Unbequemes wie „Gimme me some truth“ und das antisexistische „Woman is the Nigger of the world“ ins Gesicht. Und gleichzeitig schuf er ebenso Stücke wie „All you need is love“, „Imagine“ oder „Give peace a chance“, die auf pure Art und Weise essentielle Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen ausdrücken.
Im Jahr 1995 kamen die zu diesem Zeitpunkt verbliebenen drei Beatles erstmals nach langer Zeit zusammen und veröffentlichten zwei alte Songs aus der Feder ihres verstorbenen Freundes und Weggefährten. Die Witwe Ono hatte ihnen das Material zur Verfügung gestellt, bei dem nun Lennons vor Jahrzehnten konservierte Gesangsstimmen mit neuen musikalischen Beiträgen komplettiert wurden. In den bis dahin unbekannten Stücken „Free as a bird“ und „Real Love“ erklang noch einmal die Stimme eines Toten, eingebettet in die Musik seiner so einzigartigen, für ein letztes Mal vereinigten Band.
Doch Lennon war schon seit langer Zeit ein unvergessener und nie verblichener Teil der alltäglichen Hörgewohnheiten so vieler. Auf seinem 2012 erschienenen Album „Tempest“ widmete Bob Dylan – die beiden lernten sich 1964 in New York kennen und schätzten einander – dem beinahe Gleichaltrigen aus England einen Song, dem er den Titel „Roll on, John“ gab. Am 9. Oktober wäre John Lennon 75 Jahre alt geworden. Er wird „weiterrollen“, weiter dauern und -wirken.


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Verfasst von: Marius Prill

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