Ein König und sein Freiheitskämpfer

Ein König und sein Freiheitskämpfer

Giuseppe Garibaldi fand Unterstützer und Bewunderer nicht nur in seiner Heimat. 1862 setzte sich ein britischer Hilfsfonds für den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi ein. Auf den ersten Blick sieht er unscheinbar aus, der mit sechs Exemplaren der One-Penny-Briefmarken der Ausgabe von 1857/63 frankierte Brief aus Gateshead in England nach Italien. Denn die verwendeten Werte zu einem Penny gehören mit zu den gewöhnlichsten Markenausgaben des viktorianischen Englands (1837 bis 1901), sie wurden milliardenfach gedruckt und verwendet.

Der Charme des Belegs

Die Porträts König Viktor Emanuels II. und Giuseppe Garibaldis zieren zahlreiche italienische Frei-, Sonder- und Zuschlagsmarken, beispielsweise die MiNr. 20 und 95 von 1863 und 1895.
© Schwaneberger Verlag

Auf den zweiten Blick entfaltet der Faltbrief einigen postgeschichtlichen Charme! Offenbar war der Brief zu schwer für das Briefporto der ersten Gewichtsstufe von England nach Italien, das 6 Pence betrug. Daher wurde der Empfänger wegen des Übergewichtes mit Nachporto belastet. Der Inhalt des Schreibens nimmt Bezug auf eine beiliegende Bittschrift, die das höhere Gewicht schlüssig erklärt.
So werfen wir einen dritten Blick auf die Briefadresse: Wer war der Empfänger, der sich möglicherweise über das Nachporto geärgert hat? „To His Most Gracious Majesty, Victor Emanuel, King of Italy“, lautet die Angabe. Ob der König von Italien dann tatsächlich Strafporto zahlen musste, wissen wir heute natürlich nicht mehr.
Auch ein vierter Blick auf den Briefinhalt lohnt sich! Wird in dem Schreiben doch Bezug genommen auf ein Unglück von „General Garibaldi“, dem wohl bedeutendsten italienischen Revolutionär und Freiheitskämpfer, General und Politiker.

Politische Wirren in Italien

Sechs Pence, sechsmal Königin Victoria, genügten nicht für den Faltbrief der zweiten Gewichtsstufe von Gateshead nach Rom. Daher stempelte die britische Post einen Vermerk zur unzureichenden Freimachung auf die Vorderseite – „Insufficiently prepaid“. Ob Viktor Emanuel II. tatsächlich Strafporto entrichten musste, lässt sich heute natürlich nicht mehr herausfinden.
© Corinphila

Viktor Emanuel II., König von Italien, und Giuseppe Garibaldi – welche spannende Geschichte wird uns der Brief aus dem Jahr 1862 erzählen?
Die frühen 1860er-Jahre waren politisch bewegte Zeiten, insbesondere in Italien. Viktor Emanuel II. war nach den liberalen Aufständen in vielen europäischen Staaten 1848/49 zum König von Sardinien-Piemont gekrönt worden. Nach dem Ende des Sardisch-Österreichischen Krieges 1859, bei dem Giuseppe Garibaldi mit 3000 Alpenjägern den Kriegsverlauf wesentlich mitbestimmt hatte, öffnete sich die Möglichkeit der Schaffung eines vereinten Königreiches Italien. Garibaldi segelte am 5. Mai 1860 mit 1000 „Rothemden“, wie seine Truppe genannt wurde, von Genua nach Süden, um Neapel und Sizilien für ein vereinigtes Italien zu erobern. Als die Schlachten erfolgreich geschlagen waren, ernannte sich Garibaldi im Namen von Viktor Emanuel II. zum „Diktator“ Siziliens. Nach Sizilien fiel das Königreich Neapel am 1. Oktober 1860 in der großen Schlacht am Volturno. Dabei hatte General Garibaldis Eingreifen in vorderster Linie erheblichen Anteil am Sieg. Im gleichen Monat, am 26. Oktober 1860, fand in Teano bei Neapel das legendäre Treffen zwischen Viktor Emanuel II. und Garibaldi statt. Bei dieser Begegnung begrüßte Garibaldi den sardisch-piemontesischen Monarchen als „König von Italien“ und erkannte damit dessen Herrschaftsanspruch symbolisch an. Bald darauf übergab Garibaldi seine Eroberungen Sizilien und Neapel an Viktor Emanuel II., der am 17. März 1861 offiziell als König eines geeinten Italien proklamiert wurde.

Rom unter Schutz Frankreichs

In Teano bei Palermo traf Giuseppe Garibaldi am 26. Oktober 1860 den König von Sardinien-Piemont, Viktor Emanuel II., und begrüßte ihn als „König von Italien“. Damit war die Machtfrage im künftigen Einheitsstaat eindeutig geklärt, denn allein Garibaldi hätte Viktor Emanuel die Herrschaft streitig machen können.
© wikipedia

Die Stadt Rom, die während und nach den italienischen Einheitskriegen unter dem militärischen Schutz Frankreichs stand, wurde in einem geeinten Italien als natürliche Hauptstadt des Nationalstaates angesehen. Doch der König von Italien befand die Zeit noch nicht reif für eine Eroberung Roms gegen dessen starke Militär-Schutzmacht Frankreich, zumal die Franzosen großen Wert darauf legten, die Region Latium, also die noch von Pius IX. kontrollierten Teile des Kirchenstaates, weiterhin unter päpstlicher Herrschaft zu halten. Auf italienischem Boden sollte es keinen Krieg von Italienern gegen Italiener mehr geben, proklamierte Viktor Emanuel II.
Trotzdem eröffnete Garibaldi gegen die französische Schutzmacht sowie gegen den Willen und die Truppen von König Viktor Emanuel II. einen ersten Feldzug zur Eroberung Roms. In der verlorenen Schlacht am Aspromonte wurde der inzwischen weit über die Grenzen Italiens berühmte General Garibaldi am 29. August 1862 durch einen Schuss in den Fuß schwer verwundet und von den Truppen Viktor Emanuels II. gefangengenommen. In einem Gefängnis-Lazarett bei La Spezia wurde Garibaldi während einer Art „militärischer Ehrenhaft“ medizinisch behandelt.
Die Verwundung und Inhaftierung Garibaldis verbreitete sich schnell in Europa. Auch in Großbritannien, wo Garibaldi sehr geschätzt wurde. In vielen Städten formierten sich die Bewunderer Garibaldis, so auch in Gateshead im Nordosten Englands. Ein „Gateshead Garibaldi Chirurgischer Hilfsfonds“ wurde gegründet. Die Übersetzung des Briefinhaltes zeugt von der tiefen Verehrung in der britischen Gesellschaft für den Revolutionär, Freiheitskämpfer und General Garibaldi: „… Ihre Majestät wird gebeten, die anliegende Bittschrift zu akzeptieren, die im Norden Englands verfasst und verteilt wurde, wo Garibaldi von jedem ehrenhaften Engländer verehrt wird, und dessen Unglück eine große Sympathie in der Bevölkerung ausgelöst hat.“

Die letzten Jahre Garibaldis

Das Anschreiben des Hilfsfonds aus dem nordenglischen Gateshead verweist auf die beiliegende Bittschrift, die das höhere Porto erklärt. Leider blieb die Bittschrift nicht erhalten.
© Corinphila

Nach der Gesundung wurde Garibaldi aus der Haft entlassen und zog sich auf sein Domizil auf der Insel Caprera zurück. Garibaldis charismatische Persönlichkeit verhalf ihm zu einer überaus großen Beliebtheit in der Bevölkerung. Diese Wertschätzung und die Erinnerung an seine Feldzüge blieben von großer Bedeutung für die weitere Einigung Italiens. Ab 1866 griff er wieder aktiv in die Kämpfe ein und versuchte unter anderem 1867 erneut, den Kirchenstaat zu erobern. 1870 stellte er ein Freiwilligenkorps zusammen, das auf Seiten der französischen Republik gegen die Deutschen kämpfte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf Caprera, nachdem er zuvor erfolglos versucht hatte, Nizza Italien anzuschließen.
Der Brief mit der Bittschrift englischer Unterstützer Giuseppe Garibaldis wurde einen Monat nach seiner Verletzung und Gefangennahme an den Italienischen König Viktor Emanuel II. abgeschickt. Leider ist nicht überliefert, ob Victor Emanuel II. auf das Schreiben reagiert hat.

Dieser Artikel erschien im Sonderheft SocialPhilately – eine Beilage der Deutschen Briefmarken Zeitung 13/2017. Hier können Sie das gesamte Heft als ePaper lesen.

Text: Karl Louis / Abbildungen: Schwaneberger Verlag, Corinphila (2), wikipedia


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