Social Philately

Social Philately

Die 12-Kreuzer-Wappen-Briefmarke aus Bayern stellt an sich schon ein begehrtes Sammelobjekt dar – auf einem aus dem Jahr 1870 stammenden und von Justus von Liebig signierten Brief ist sie aber nicht nur ein philatelistisches Prachtstück, sondern auch unter historischen Gesichtspunkten interessant. Begibt sich der neugierig gewordene Sammler nun auf eine Spurensuche zu diesem außergewöhnlichen zeitgeschichtlichen Dokument, befindet er sich schlagartig auf dem noch jungen aber nahezu unerschöpflichen Gebiet der Social Philately. Eine Bezeichnung, die sich in Sammlerkreisen mehr und mehr etabliert. Die Social Philately widmet sich den Geschichten hinter den Belegen und beleuchtet die Personen, die postalisch in Kontakt traten, und ihre historischen Hintergründe. Vielschichtige Verknüpfungen gilt es offenzulegen. Fragen nach biografischem Kontext, regionalen Bezügen und historischen Rahmenbedingungen können unter Zuhilfenahme von modernen Mitteln wie dem Internet oder auch klassischen Archiven beantwortet werden.

Gemeinsame Forschung

Rechercheergebnis: (Links) An Auguste François Le Jolis adressierte Justus von Liebig seinen heute begehrten Brief im Jahre 1870. (Mitte) Justus von Liebig in jungen Jahren als Student mit einer erfolgreichen Karriere im Visier. (Rechts) Der erfahrene Blick des erfolgreichen Wissenschaftlers – Justus von Liebig in höherem Alter. © wikipedia

Fachübergreifend können aufschlussreiche Abhandlungen über die Protagonisten der postgeschichtlichen Materialien zusammengestellt werden. Philatelisten und Historiker unterstützen sich gegenseitig beim Aufdecken verborgener Zusammenhänge. Dabei können auch professionelle Forscher von den Erkenntnissen leidenschaftlicher Sammler profitieren. Gemeinsame Internetrecherchen oder Vorortuntersuchungen in Archiven und Museen fördern häufig ungeahnte Zusammenhänge und überraschende Querverbindungen zu Tage. Postalische Vermerke, die einerseits der Historiker nur schwerlich oder nur mit sehr viel Aufwand entschlüsseln kann, wie andererseits komplexe historische Hintergründe, die dem Philatelisten nicht präsent oder nur durch sehr lange Zusatzrecherche begreifbar sind, lassen sich gemeinsam in sehr viel kürzerer Zeit dechiffrieren. So durch direkte Kommunikation erzielte schnelle Fortschritte bei der Erstellung einer für jeden Leser spannenden und nachvollziehbaren Zeitreise sind Motivation für weitere Recherchen.

Social Philately und die Internetrecherche

In diesem Haus in Cherbourg wirkte Auguste François Le Jolis Ende des 19. Jahrhunderts.

Aber zurück zum Praxisbeispiel, dem historischen Brief von Justus von Liebig: Den Begriff des „Liebigkühlers“ dürften die meisten noch aus dem Chemieunterricht kennen. Vielen ist sicher auch bekannt, dass die Gießener Universität nach Justus von Liebig benannt ist. Ein erster und wenig komplizierter Schritt, um mehr über den Forscher zu erfahren, ist der Aufruf der Wikipediaseite von Justus von Liebig. In Verbindung mit Biografieseiten wie „Lebendiges Museum Online“ (www.dhm.de/lemo/ Biografie/justus-liebig) oder auch „Landesgeschichtliches Informa­tionssystem Hessen“ (www.lagis-hessen.de/pnd/ 118572741) offenbaren sich die wichtigsten Lebensstationen und wissenschaftlichen Errungenschaften von Liebigs. Der im hessischen Darmstadt geborene Wissenschaftler forschte und lehrte zur Zeit der Aufgabe des Briefes als Professor an der Universität von München. In Deutschland bei Vielen in Vergessenheit geraten, kennen beispielsweise viele Franzosen den Forscher wegen der Erfindung des „Fleisch-Extracts“ und der Konservierung von Lebensmitteln, die insbesondere in der industriellen Suppenproduk­tion bis heute zum Einsatz kommt.

Wer ist der Brief-Adressat?

Doch an wen adressierte er dieses inzwischen so wertvoll gewordene Poststück? Hier startet die interessante Phase der Praxisanwendung von Social Philately:
Zu dritt rätseln wir in der Redaktion, was die einzelnen Zeilen der Anschrift bedeuten mögen. Cherbourg als Bestimmungsort ist unschwer zu erkennen. Doch das Googeln der Begriffe „Justus von Liebig“ und „Cherbourg“ – vielleicht auch noch ergänzt durch „Briefwechsel“ oder ähnliches – bringt keine weiterführenden Erkenntnisse.
Bleibt nur das mühevolle Entziffern der Adresse. Mit Lupe und unter Hin- und Herreichen des Beleges ergibt sich ein leider noch fragmentehaftes Bild: „Monsieur ?.?.Aug. ?????? – Présidente de la société Imp. des sciences naturelles – Cherbourg“. Zwar lückenhaft bildet dies dennoch eine Ausgangsbasis für die nächsten Googleversuche. Und innerhalb von zehn Minuten kommt Licht ins Dunkel:

Annäherungsversuche

Die Lejolisia wurde nach dem Forscherkollegen Justus von Liebigs, dem Franzosen Auguste François Le Jolis benannt.

Der Liebigkühler gehört zu den wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften Justus von Liebigs. Aus dem Chemieunterricht kennen wir ihn alle, die Social Philately liefert den historischen Kontext.

Über den entzifferten Aussschnitt „société Imp. des sciences naturelles – Cherbourg“ nähern wir uns einem weiterführenden Ergebnis. Die richtige Bezeichnung ist schnell gefunden, es handelt sich um „La Société nationale des sciences et mathématiques de Cherbourg“. Einer der Gründer und Vorsitzenden dieser Institution hieß Auguste François Le Jolis. Er war ebenfalls Naturwissenschaftler. Auf Wikipedia erfahren wir Einiges über ihn:
Auguste François Le Jolis wurde am 1. Dezember 1823 im französischen Cherbourg, dem Zielort des Briefes, geboren und starb am 20. August 1904 an eben diesem Ort. Der Kaufmann forschte in der Botanik – insbesondere auf den Gebieten Lichenologie (Flechten), Algologie (Algen) und Bryologie (Moose). Hauptberuflich arbeitete er im Familienunternehmen, das er bis 1888 leitete. Auch fand er zudem die Zeit, als Richter am Handelsgericht in Cherbourg (Vorsitzender 1882 bis 1888) Recht zu sprechen. Bekannt ist er als Sammler und Experte insbesondere für Algen. Ihm zu Ehren benannte Jean-Baptiste Édouard Bornet (1828–1911) die Algengattung Lejolisia (Rhodophyceae, Ceramiaceae). Le Jolis war ein einflussreicher Mann in der Wissenschaft. Als Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften (Akademien in Philadelphia, Madrid, Accademia dei Lincei, Moskauer naturforschende Gesellschaft, Société philomatique de Paris u. a.) machte er sich auch als Netzwerker verdient. 1842 wurde er Mitglied der Linné-Gesellschaft der Normandie und er war 1851 mit Emmanuel Liais (1826–1900) und Théodose du Moncel (1821–1884) Gründer und Leiter der Société nationale des sciences naturelles et mathématiques de Cherbourg. Sie gaben die Zeitschrift Mémoires de la Société nationale des sciences naturelles et mathématiques de Cherbourg heraus. Le Jolis publizierte also zu Zeiten von Liebigs. Und so lassen sich auch einige Bücher recherchieren, in denen beide Beiträge veröffentlicht haben.

Fazit

Für nur eine knappe halbe Stunde Recherche- und gemeinsame Rätselarbeit plus etwa ebenso lange Bildersuche im Internet kein schlechtes und vor allem ein sehr interessantes Ergebnis. Von dieser Basis aus ließen sich nun sehr viele weitere Fragestellungen untersuchen:
Was könnte der Inhalt des Briefes gewesen sein? Ging es um ein eventuelles gemeinsames Forschungsinteresse? War der Brief Teil einer längeren Korrespondenz zwischen den beiden Forschern? Forschten die beiden Wissenschaftler gemeinsam? Gibt es weitere historische Belege?

Wie gezeigt, öffnen sich schnell neue und faszinierende Welten für den Sammler und/oder Historiker, der bereit ist, sich auf die breit gefächerten Spuren der geschichtlichen Belege zu begeben. Teamwork beim Entschlüsseln, Enträtseln und Recherchieren macht dabei nicht nur Spaß sondern verkürzt die Forschungsarbeit ungemein. Die verschiedenen Herangehensweisen und das gemeinsame Fachwissen beschleunigen dabei den Erkenntnisgewinn zumeist um ein Vielfaches und machen das Aufhören schwer. Schnell kann man auch fachfremde Menschen für die Ergebnisse begeistern.

Eine kleine Auswahl von Marke zu Ehren Justus von Liebigs (v.l.n.r.):
MiNr. DDR 2336, MiNr. 2337, MiNr. 166.

Ausblick

Social Philately ist für viele Menschen ein noch unbekanntes Sammel- und Forschungsgebiet. Doch mit Social Philately lassen sich nicht nur Erkenntnisse gewinnen, sondern auch neue Freunde für die Erforschung von Sammlerstücken. Schnell finden sich Arbeitsgruppen und erstellen umfangreiche Portraits. Eine Zeitreise, die vom historischen Dokument in die Zukunft des Sammelns führen kann. Denn bislang philatelistisch wenig interessierte Menschen können so den Reiz der postalischen Belege erkennen und sich selbst vom Sammelfieber infizieren lassen.

Auf der Suche nach ansprechendem Bildmaterial zum Thema hilft die Plattform Wikimedia. In diesem Fall fand sich dieses wunderschöne und gemeinfreie Bild aus der Werbung der Liebig Company.

Text: Stefan Liebig / Abbildungen: Württembergisches Auktionshaus Stuttgart, wikipedia, wikimedia, Diego Delso 

Bildunterschrift Titelbild: Der Auslöser einer Forschungszeitreise: Ein wahrlich außergewöhnlicher Beleg ist dieser handschriftliche Brief von Justus von Liebig aus dem Jahre 1870. 


Reklame
Katalog bestellen MICHEL
Mitteleuropa 2016 (EK 1)

41. Auflage, 638 Seiten, kartoniert
Preis: 79,00 €
Versandkostenfreie Lieferung innerhalb Deutschlands.

Katalog bestellen


Reklame
Verfasst von: Stefan Liebig

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.