Philatelisten auf Trüffelsuche

Philatelisten auf Trüffelsuche

„Du musst ein Schwein sein“, sangen einst „Die Prinzen“ aus der Heldenstadt Leipzig. Die Fähigkeiten der Art Sus scrofa tun auch Liebhabern der Social Philately wohl. Das Schwein gilt seit jeher als Glücksbringer. Schwein müssen Philatelisten natürlich des Öfteren haben, um die Sammlung ergänzen zu können. Das gilt für den Bieterwettstreit auf der Auktion, der nur einen Sieger kennen kann, ebenso wie für die Suche auf Messen und Tauschtagen, wenn schlichtweg der erste auch der glückliche ist.

Handschrift weckt Neugierde

Mehr als die Freunde jeder anderen Form des Sammelns können die Anhänger der Social Philately auf eine weitere Eigenschaft des Schweines setzen, eine Eigenschaft, die etwas Ausbildung und Übung erfordert. In der Vergangenheit leistete das Schwein dem Menschen nämlich auch beim Aufspüren verborgener Leckereien beste Dienste. Heute verzichtet man auf Trüffelschweine, unter anderem weil sie die gefundenen Köstlichkeiten fürs Leben gern selbst vertilgen. Stattdessen richtet der Mensch Hunde ab, deren Nase bekanntlich ebenso exzellent ist. Das Näschen für Preziosen haben Philatelisten eh, sowie sie über das Stadium der Katalogsammlung hinaus sind, die Nase für philatelistische Trüffel kann ein jeder entwickeln. Wo sie wachsen, verraten Kataloge und andere Werke der philatelistischen Fachliteratur leider nicht. Sie kartiert gewisssermaßen die Landschaft, in der man die Trüffel vermuten kann. Damit hat es sich aber auch. Die Basis für die Trüffelsuche liegt im über die Philatelie hinausreichenden Wissen über das gewählte Sammelgebiet. Ganz gleich, ob man sich Schweden oder der Schweiz, Kanada oder Australien zugewandt hat, weisen solide Kenntnisse zur Geschichte, zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, zu Literatur, Musik und Bildender Kunst den Weg zu den Trüffeln, nicht zu vergessen die geografische Bildung.

Märkte, Messen, Tauschtage

Mitte des 19. Jahrhunderts konnte ein Politiker noch zeitgleich Parlamentspräsident und Ministerpräsident sein. 1856 übernahm Adolf zu Hohenlohe-Ingelfingen die Präsidentschaft im Herrenhaus, der ersten Kammer des Parlamentes. König Wilhelm berief ihn zum Präsidenten des Staatsministeriums nach dem Rücktritt Karl-Anton Fürst zu Hohenzollern-Sigmaringens vom 12. März 1862. Allerdings legte Hohenlohe-Ingelfingen bereits am 22. September1862 beide Ämter nieder, nachdem die Fortschrittspartei die Wahlen vom 6. Mai gewonnen hatte. Nachfolger im Staatsministerium wurde kein Geringerer als Otto von Bismarck-Schönhausen, der spätere erste Reichskanzler. © Dr. Derichs

Ohne Hilfsmittel, die man auf Tauschtagen, Messen und anderen Märkten eh nicht oder nur eingeschränkt benutzen kann, entdeckt man dann die eine oder andere Preziose. Natürlich kann niemand alles wissen. Überdurchschnittlich sollten die Kenntnisse aber sein, denn das eigentliche Graben steht noch an.Das Trüffelschwein, so es vom Menschen nicht daran gehindert wird, arbeitet sich in der Erde zu den Pilzen vor, der Philatelist unterzieht das Ganzstück einer intensiven Prüfung. Den Laufweg und die Frankatur detailliert zu beschreiben, zählt zum phil­atelistischen Alltag. Selbstverständlich kann ein Beleg der Social Philately auch eine besondere Destination oder eine seltene Portostufe dokumentieren. Wer aber nur auf die Freimachung, die Stempel und die Ortsangaben achtet, dem entgehen die Trüffel, die er eigentlich aufspüren möchte. Manchmal gelingt das recht einfach. Steht auf einem Brief von 1946 zum Beispiel als Absender oder Empfänger „Richard Wagner, Göttingen“, dann lohnt sich die Untersuchung, ob der ehemalige Lokdezernent der Deutschen Reichsbahn gemeint ist, der wie Max Planck und andere Persönlichkeiten auf der Flucht aus Berlin an der Leine gestrandet war. Der auf Seite 14 gezeigte Steuerbescheid aus Berlin weckte das Interesse wegen der handschriftlich korrigierten Anschrift, denn seinerzeit schränkte der Gesetzgeber die Geschäftsfähigkeit verheirateter Frauen stark ein. Ohne Genehmigung des werten Herrn Gemahls durften sie nicht einmal ein Girokonto eröffnen und unterhalten. Ein an eine Frau gerichteter Steuerbescheid war daher durchaus ungewöhnlich. Formvollendet wäre der Brief nach damaligen Gepflogenheiten gewesen, hätte der Finanzbeamte „Frau Witwe Maria“ eingetragen.Etwas komplizierter wird die Trüffelsuche, bezieht man geschäftliche Korrespondenzen ein. Post von und an Unternehmen kann durchaus interessant sein, doch sind die meisten Korrespondenzen für die Social Philately eher unergiebig. Es kommt auf den Einzelfall an und wiederum auf die Kenntnisse des Phil­atelisten. Beispielsweise können aus den 30er-Jahren stammende Briefe und Karten mit Absender oder Anschrift „Pestalozzi Verlag, Erlangen“ Geschichte erzählen. Dieser war nämlich einst ein Tochterunternehmen des 1844 gegründeten Verlags G. Löwensohn. Das Hitler-Regime zwang die jüdischen Eigentümer zum Verkauf an die Kunstanstalten May in Dresden, die den Familiennamen tilgten. Bis heute firmiert der Verlag unter dem Namen der einstigen Tochter. Jüngst erst sah der Autor in einem Exponat zwei Ganzstücke mit Absender Löwensohn und Pestalozzi; der Aussteller hatte sich offenkundig keine Gedanken darüber gemacht und daher nicht bemerkt, dass der Absender ein- und derselbe war.

Nur wer sucht, kann auch finden …

Wer die Trüffel gar nicht erst sucht, der findet natürlich auch keine. Genau aus diesem Grund dürften in manchen Alben Preziosen stecken, von denen der Einmal-postfrisch-einmal-gestempelt-einmal-auf-BriefSammler nicht einmal etwas ahnt. Zur Social Philately gehört nämlich – mit dem Brief vom Finanzamt deuteten wir es bereits an – auch der Blick auf erhalten gebliebene Inhalte. Aus moderner Briefkorrespondenz blieb leider gewöhnlich nur der Umschlag erhalten. Der Inhalt wurde entnommen und entweder archiviert oder vernichtet. Gesprächiger sind mitunter Postkarten.Früher waren zudem Faltbriefe weit verbreitet, die zumeist komplett der Nachwelt erhalten blieben. Selbstverständlich bietet nicht jeder Brief lesenswerte Inhalte. Der Blick in die Schreiben kann sich aber lohnen. Philatelisten, die darauf verzichten, machen im Grunde genommen denselben Fehler, den Historiker mit zahlreichen Korrespondenzen umgekehrt begehen. Die Wissenschaftler schauen nur auf die Inhalte und bemerken mögliche postalische Vermerke und andere Spuren der Beförderung nicht. Daher wissen wir bis heute recht wenig über die Kommunikation der Städtehanse, der Zünfte und anderer Organisationen. Dass diese ein vergleichsweise eng geknüpftes Netz unterhalten haben müssen, kann man als sicher annehmen. Die Trüffel sind indessen noch nicht aufgespürt. Philatelisten, die sich der Social Philately zuwenden, sind also schon ein bisschen weiter als die Historiker. Dank des Internets können sie heute auch auf Hilfsmittel zurückgreifen, die früheren Generationen verschlossen blieben. Jede heimische Bibliothek ist naturgemäß endlich. Im Internet findet man dagegen gescannte Bücher aus einer Vielzahl Jahrhunderte. Selbst Standardwerke wie der Brockhaus oder die Encyclopædia Britannica können hilfreich sein, denn manches, was einstmals wichtig schien, wurde in späteren Ausgaben gestrichen oder gekürzt. Sogar in den Universitätsbibliotheken sind längst nicht alle Auflagen vorhanden; im Internet wird man fündig – neben Milliarden weiterer Seiten zu allen möglichen Themen.

Kritikfähig bleiben

Allerdings auch zu unmöglichen. Den kritischen Blick kann modernste Technik keineswegs ersetzen. Internet-Seite ist nicht gleich Internet-Seite, Angebote etablierter Institutionen kann man ruhigen Gewissens höher gewichten als die meisten übrigen Offerten. Schreibt eine Vielzahl selbsternannter Experten auf einer Internet-Seite, muss man stets mit Falschbehauptungen, manchmal auch merkwürdigen Scherzen rechnen; der zeitweise auf Wikipedia erschienene, angebliche dreizehnte Vorname des Kurzzeitministers Karl-Theodor von und zu Guttenberg steht dafür. Zur Recherche gehört immer die Gegenrecherche, die durchaus auch fremdsprachige Quellen umfassen darf.  Dass die meisten nur eine begrenzte Zahl Sprachen beherrschen, braucht den Tatendrang nicht zu bremsen. Vielfach genügt es, nach Schlüsselworten zu schauen, um dann mithilfe des Wörterbuches – mitunter helfen auch Internet-Übersetzer – einen Satz oder eine Passage zu deuten. Es geht ja nur darum, Informationen gegenzuprüfen und eventuell zu ergänzen. Das Basiswissen gewinnen Philatelisten selbstverständlich aus den Sprachen, die sie beherrschen. Die Recherche in weiteren Sprachen dient ausschließlich der Verfeinerung; Trüffel gehören nämlich nicht zu den Leckereien, die man unverarbeitet genießt. Wer sie gezielt und durchdacht sucht, wird bald die ersten Erfolgserlebnisse verbuchen können. Selbstverständlich darf, wer mag, auch ganze Felder durchpflügen, also sämtliche Briefe und Postkarten aus Auktionskatalogen im Internet auf einen Bezug zur Social Philately hin überprüfen. Je dicker die Auktionskataloge, desto höher die Wahrscheinlichkeit auf Treffer. Doch lässt sich die Nase trainieren. Philatelistische Trüffel aufzuspüren, bereitet mehr Vergnügen als die klassische Suche nach Einzelmarken und Ganzstücken.

 

Dieser Artikel erschien im Sonderheft SocialPhilately – eine Beilage der Deutschen Briefmarken Zeitung 13/2017. Hier können Sie das gesamte Heft als ePaper lesen.

Text: Torsten Berndt / Abbildungen: Deider Auktionen / Dr. Derichs

Bildunterschrift Titelbild: Wer beim Comte Pálffy an den Kapellmeister Palfy denkt, liegt zwar nicht ganz richtig, ist aber auf der rechten Spur. Der begnadete Spötter Erich Kästner liebte es, Namen zu übernehmen und auch zu verballhornen; die dicke Berta tritt bei Kästner denn auch eher zivil auf. Die Pálffys zählen zu den ältesten ungarischen Geschlechtern. János Ferenc Pálffy schrieb sich als Mäzen in die Annalen ein. © Deider Auktionen


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Verfasst von: Stefan Liebig

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