Königin der Schweizer – 175 Jahre Doppelgenf

Königin der Schweizer – 175 Jahre Doppelgenf

Mit drei Kantonalausgaben begann das Zeitalter der Briefmarke in der Schweiz. Zusammen mit der ersten Bundesausgabe kann das Land somit gleich viermal die Nummer Eins ausweisen. Das kantonale Trio steht aber nicht nur katalogmäßig jeweils auf dem vorderen Platz. Allen drei Marken gebührt die Ehre, auch postgeschichtlich ein neues Kapitel aufgeschlagen zu haben.
Die Zürcher Marken zu 4 und 6 Rappen waren die ersten Marken, die in Kontinentaleuropa erschienen. Zuvor hatte nur die britische Insel Briefmarken verwandt. Der Kanton Basel-Stadt steht mit zwei technischen Innovationen in den Annalen. Die Marke zu 2½ Rappen war die erste mehrfarbig gedruckte weltweit, zudem die erste im Prägedruck hergestellte. Schließlich wartete der Kanton Genf mit der ersten Doppelmarke der Welt auf.
Sie kostete 10 Centimes – Genf gehört, anders als Zürich und Basel, zu den französischsprachigen Kantonen – und beglich das Porto für einen Kantonalbrief. Für den Lokalbrief, für den fünf Centimes zu berappen waren, erschien aber keine eigene Marke. Vielmehr genügte es, die Doppelmarke zu halbieren. Jede Hälfte bildete das Lokalpostporto ab. Für die Doppelmarke ließ die kantonale Post oberhalb eines Pärchens der Halbmarke zu 5 Centimes den Schriftzug „10 Port Cantonal Cent.“ in Versalien drucken. Für den Kantonalbrief schnitt der Postbeamte oder Absender einfach zwei 5-Cent-Marken mitsamt des darüber angeordneten Schriftzugs aus. Die Doppelgenf war geboren.
Besser als jedes andere Land veranschaulicht die Schweiz, wie sich die Postverwaltungen Mitte des 19. Jahrhunderts Schritt für Schritt in das Briefmarkenzeitalter vorwagten, wie sie Erfahrungen sammelten, wie sie den einen oder anderen Versuch unternahmen. Die Genfer Postgeschichte spiegelt dies besonders gut, denn anderthalb Jahre nach Erscheinen der Doppelgenf am 30. September 1843 legte die Post zum 1. April 1845 eine weitere Freimarke zu 5 Centimes auf. Die Post hatte ihre Gebühren nämlich drastisch gesenkt. Für den gewöhnlichen Kantonalbrief genügten nunmehr auch fünf Centimes Porto, weshalb die Doppelmarke nicht mehr nötig war. Die Neuausgabe zeigte in etwa dasselbe Motiv wie die Erstausgabe, war nur etwas größer. Eine weitere Freimarke mit leicht veränderter Wappenzeichnung kam zum 20. Dezember 1846 an die Schalter, wiederum zum Nennwert 5 Centimes.

Doppelgenf Schweiz DBZ 20 Erstausgabe 175 Jahre Genf Brief

Auf einem Genfer Ortsbrief klebt die linke Hälfte der Doppelgenf. Sie deckte das Lokalporto ab. Nur wenige Briefe überdauerten die Zeiten. Zum 1. April 1845 wurde das Kantonalporto auf 5 Centimes gesenkt. Daher erschien die Nachfolgerin der Doppelgenf, der kleine Adler (Corinphila).

Gesuchte Inverti

Damit entfiel leider eine Frankaturmöglichkeit, die Phil­atelisten bis heute fasziniert. In äußerst seltenen Fällen geschah es nämlich, dass der Schalterbeamte oder Absender eine Doppelgenf verkehrt herum aus dem Bogen schnitt. Dann klebte die rechte Hälfte links und die linke rechts auf dem Kuvert, das damit den Rang eines Ausstellungsstückes bekleidet. Noch höher zu gewichten sind Briefe mit senkrecht geschnittenen Doppelgenf. Zwei linke oder zwei rechte Hälften zusammenhängend übereinander machen jedem Raritätenkabinett alle Ehre. Nicht ganz so selten wie die Inverti, so die Schweizer Bezeichnung für die verkehrt geschnittene Doppelgenf, aber ebenso gefragt sind Briefe mit Frankaturen aus zwei linken oder zwei rechten Hälften.
Einzigartig war der Kanton Genf in einem weiteren Punkt. Anders als in Zürich und in Basel gibt es eine zweite Nummer Eins. Was die Mathematiker und Wettrichter im Sport zur Verzweiflung bringen würde, regt unter den Philatelisten nur ein leichtes Schmunzeln an. Natürlich wissen sie, dass Ganzsachen in den Katalogen stets eigens gezählt werden.
Am 27. Februar 1846 erschien ein Umschlag mit einem rechts platzierten Wertstempel zu 5 Centimes, der den Wappenmarken ähnelte. Der Umschlag war einfach rahmfarben gehalten – die kantonale Post dürfte von „Weiß“ gesprochen haben – und kam ganz ohne very britische Mulready-Exzentrik aus. Dass sich die Auflage von gerade einmal 10000 Stück auf drei Formate verteilt, philatelistisch also Unternummern existieren, erinnert ein weiteres Mal daran, dass die Postverwaltungen mit der Neuigkeit Briefmarke erst einmal Erfahrungen sammeln mussten. Ganzsachen sollte die Schweizerische Bundespost übrigens erst ab 1867 herausgeben, gut 20 Jahre nach der Genfer Kantonalpost.

Doppelgenf Schweiz DBZ 20 Erstausgabe 175 Jahre Geschnitten Frankatur

Selbstverständlich konnte die Doppelgenf auch verkehrt geschnitten für die Frankatur von Kantonalbriefen verwendet werden. Solche Paare sind äußerst selten und werden von Spezialisten gesucht (Corinphila).

Es ist also nicht nur auf die seit jeher äußerst regen phil­atelistischen Vereinigungen und den vergleichsweise hohen Wohlstand der Schweiz zurückzuführen, dass die frühen Ausgaben des Landes international große Beachtung finden und seit jeher gesucht und teuer sind. Die Klassiker spiegeln und erzählen Geschichte, dokumentieren ein Stück der Industrialisierung, die ja nicht allein auf dem Siegeszug der Dampfmaschine beruht.
Mindestens ebenso bedeutend war die konsequente Umsetzung der Arbeitsteilung, für die im Postdienst eindeutig die Einführung der Briefmarke steht. Fortan war der Postbote nur noch für die Zustellung zuständig, das Porto berechnete und kassierte bereits der Schalterbeamte, der den Brief entgegennahm. Einige Jahre später erfolgten dann auch diese Tätigkeiten getrennt. Am Postschalter verkaufte ein Beamter die Briefmarken, diese klebten auf Briefen, die der Briefkastenleerer den Briefkästen entnahm, und im Postamt prüfte ein Beamter die Portorichtigkeit und stempelte die Marken. Erneut geschah der Fortschritt nach und nach, gab es keineswegs den einzelnen, gewaltigen Sprung nach vorn.

Sammlertraum

Ist die postgeschichtliche Bedeutung der Ausgaben schon immens, gilt dies verstärkt für die erhaltenen Ganzstücke. Mit ihnen können historisch bewusste Sammler den Aufschwung des Briefverkehrs dokumentieren. Zug um Zug nahm das Briefvolumen zu, denn allen Klagen über steigende Portosätze zum Trotz wurde der Versand von Briefen im Laufe der Zeit immer günstiger. Die Einkommen stiegen nämlich weitaus stärker, sodass es sich immer breitere Schichten leisten konnten, Briefe zu schreiben. Die Mitte des 19. Jahrhunderts neu eingeführten Briefmarken stehen symbolisch dafür.

Doppelgenf Schweiz DBZ 20 Erstausgabe 175 Jahre Titel Honegger

Im Druckbogen waren die Doppelgenf nicht mit der berühmten Schweizer Präzision platziert, wie der ungebrauchte Sechserblock eindrucksvoll zeigt. Nicht erkennbar ist, dass die rechte Hälfte gut einen Millimeter schmaler als die linke ist (Honegger).

Verglichen mit späteren Emissionen waren und blieben die Erstausgaben natürlich äußerst selten. Die Doppelgenf, die am 30. September ihren 175. Ausgabetag feiert, gehört zu den europäischen Ausgaben, die in jeder Erhaltung an der Spitze der Ranglisten stehen. Unter den Schweizer Klassikern gebührt der Doppelgenf der Königsrang – strikt republikanisch gesinnte Eidgenossen mögen den Begriff verzeihen.
Keine Ausgabe ist seltener und exklusiver. Ihr Besitz gehört seit Generationen zum Traum vieler Sammler. Auch eine vielleicht nicht ganz perfekte und deswegen deutlich preisgünstigere Doppelgenf gereicht jeder Schweiz-Sammlung zur Zierde. Die Erfüllung des Traumes bleibt ein Sammlerleben lang unvergessen – der Preis spielt dann längst keine Rolle mehr. Selbstverständlich sollte man die Doppelgenf nur mit einem aktuellen Fotoattest des zuständigen Experten im schweizerischen oder deutschen Prüferbund erwerben.
Mit ihren kantonalen Erstausgaben setzte sich die Schweiz ein weiteres Mal an die europäische Spitze. Den Satz „Klassik muss nicht teuer sein“ können zwar auch Schweiz-Liebhaber unterschreiben. Er gilt allerdings erst für die später aufgelegten Ausgaben der Bundespost, in etwa vom Strubel an. Die Erstausgaben spielen dagegen in jener besonderen Liga, in der schon in den Anfangsjahren der Philatelie global gedacht wurde. Global zu denken und handeln, zeichnete die Bürger der Schweiz eh seit jeher aus.

Anstelle eines waagerechten Paars klebt ein senkrechtes Paar der linken Hälfte der Doppelgenf auf dem Brief, dessen Tagesstempel den 1. April 1844 als Aufgabedatum ausweist (David Feldman).

Doppelgenf Schweiz DBZ 20 Erstausgabe 175 Jahre

Am 19. November 1843 trat der mit der Doppelgenf freigemachte und sauber gestempelte Brief von Genf nach Rivolette in der Genfer Kantonsgemeinde Troinex seine Reise an (Corinphila).

Titelabbildung: Zwei rechte Hälften der Doppelgenf verklebte der Absender dieses Briefes, der am 25. Januar 1845 auf die Post ging.
Der Stempel traf das Paar nachgerade ideal in der Mitte (David Feldman). 


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Verfasst von: Torsten Berndt

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